Deutschlands wohl teuerste Weltkriegs-Altlast Giftige Munition liegt in der Heide

Munster. Eigentlich war es nur ein Überbleibsel im Wald aus dem Abbau von Kieselgur. Doch 55 Jahre nach dessen Verfüllung fällt der Dethlinger Teich wenige ­Kilometer östlich von Munster beim Dörfchen Oerrel dem Heidekreis jetzt endgültig als finanzielle Bürde vor die Füße.
15.03.2017, 00:00
Lesedauer: 4 Min
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Giftige Munition liegt in der Heide
Von Martin Wein

Munster. Eigentlich war es nur ein Überbleibsel im Wald aus dem Abbau von Kieselgur. Doch 55 Jahre nach dessen Verfüllung fällt der Dethlinger Teich wenige ­Kilometer östlich von Munster beim Dörfchen Oerrel dem Heidekreis jetzt endgültig als finanzielle Bürde vor die Füße. Unter dem Waldboden könnte eine der größten, wenn nicht sogar die größte Weltkriegs-Altlast Deutschlands verborgen liegen. Weil ­daraus, wie von Anwohnern seit Jahrzehnten befürchtet, nachweislich eine Gefahr für das Grundwasser droht, will der Kreis die alte Grube nun im Winter 2018 unter größter Vorsicht öffnen lassen. Landrat Manfred Ostermann (parteilos) und Umweltminister ­Stefan Wenzel (Grüne) trafen jetzt eine entsprechende Vereinbarung.

Der Dethlinger Teich ist kein Einzelfall. Im Gegenteil: Je länger das Kriegsende zurückliegt, desto mehr Flächen tauchen auf, in denen Bombenschrott, Munition und wie im Fall Munster auch Fässer mit Giftgas verscharrt oder verschüttet sein können. War im letzten vorgelegten Altlastenbericht des Landes Niedersachsen von 2014 noch von 90 000 Verdachtsflächen die Rede, so spricht das Umweltministerium auf Anfrage des WESER-KURIER heute von rund 100 000 betroffenen Flächen. Die Zahl ist allerdings wenig aussagekräftig. Darunter fällt eine Giftmüllhalde wie beispielsweise in Munster ebenso wie der alte Standort einer chemischen Reinigung oder einer Tankstelle.

Verantwortlich sei jeweils die Untere Umweltbehörde der Städte und Landkreise, stellt Dunja Rose aus dem Ministerium klar. Die Kreise wiederum sahen sich in der Vergangenheit mit der Aufgabe vollkommen überfordert. Für den Fall, dass sich ein Verdacht erhärtet, summieren sich die Bergungs- und Sanierungskosten leicht zu Millionenbeträgen. Lieber ließ man vielerorts deshalb einfach die Finger davon. Das mag über sechs Jahrzehnte nach Kriegsende auch ein Grund sein für die so hohe Zahl von Altlasten. „An vieles hätte man sich vor 20 Jahren aber auch schlicht nicht herangetraut“, erklärt Friedrich Wilhelm Otte, der zuständige Sachbearbeiter der Umweltbehörde im Heidekreis. „Bei unklarer Gemengelage hatte man viel zu große Angst, dass bei der Öffnung etwas in die Luft fliegt und dann womöglich die Umwelt weiträumig kontaminiert.“

Die Taktik des Abwartens

Der Dethlinger Teich ist für diese Taktik des Abwartens ein gutes Beispiel. Dass am Rand der Heide etwas Gefährliches im Boden lagert, wusste man im Prinzip immer schon. Wohl ab 1942 ließ die Luftwaffe in direkter Nachbarschaft des Teiches Brandbomben mit Brandbeschleuniger und Fliegerbomben mit chemischen Kampfstoffen füllen und ­lagern. Als die Briten im April 1945 die Lufthauptkampfmunitionsanstalt kampflos einnahmen, fanden sie 100 000 Kampfstoffbomben in den unterirdischen Bunkern im Wald. Was nicht transportfähig war, landete achtlos ebenso im Teich wie vorher das kontaminierte Waschwasser der Arbeiter und von den Eisenbahnwagen, die das Zeug hertransportiert hatten. Später versenkten auch die Alliierten und die Polizei Hannover Kampfmittel im Teich, bevor der 1952 mit zwei bis drei Metern Betonschutt notdürftig verfüllt wurde. „Niemand weiß, was da wirklich drin liegt“, sagt Otte. An mindestens 100 000 Zündladungen, 3000 Kampfstoff-­granaten, bis zu 300 Phosgen-Bomben á 100 Kilogramm und rund 100 000 Liter Senfgas in Fässern erinnerten sich ehemalige Arbeiter bei Interviews Ende der 1970er-Jahre. „Das alles liegt da unten mutmaßlich im Wasser und mutmaßlich ohne Zünder“, erklärt Otte. Und das ist nur der Munitionsschrott der Luftwaffe.

Geringe Senfgas-Dosis nachgewiesen

In einer ersten Schöpfprobe wurden jedenfalls jüngst Bestandteile des Hautkampfstoffes Lost in geringer Dosis nachgewiesen. Die tauchten im Herbst 2015 erstmals auch im Rohwasser des Wasserwerks Munster III auf. Lost, landläufig auch als Senfgas bezeichnet, verursacht in stärkerer Konzentration große, schmerzhafte Blasen auf der Haut, die bei größeren Stellen Amputationen ­nötig machen. Es schädigt die Zellteilung und ist nachweislich krebserregend.

Jetzt wollen der Kreis und das Land dringend wissen, was bei Oerrel exakt im ­Boden liegt. Bei einer Öffnung des Teiches sollen probeweise 80 Tonnen Material entnommen werden. Allein die Planung braucht zwei Jahre Vorlauf. „Das Personal wird in Vollschutzanzügen mit Flaschensauerstoff arbeiten müssen – und erlaubt sind jeweils nur wenige Stunden am Stück“, erklärt Otte. Wahrscheinlich werde man passende Mitarbeiter für die Schichtarbeit eigens ausbilden müssen. Arzt und Krankenwagen müssen ständig vor Ort sein. Für den Fall, dass eine Granate explodiert oder sonst etwas außerhalb des Arbeitszeltes freigesetzt wird, werde die Bahnstrecke Munster-Beckedorf gesperrt werden müssen, und das womöglich für zwei bis drei Monate. 1,7 Millionen Euro sollen allein diese Arbeiten kosten. Möglich werden sie nur, weil das Land ein neues Förderprogramm zur Altlastensanierung aufgelegt hat, das dem Kreis 70 Prozent der Kosten abnimmt.

Einen Vorteil haben sie in Munster. Der Bund betreibt gerade dort eine ­hochmoderne Verbrennungsanlage, die die potenziellen Kampfstoffe sicher verbrennen oder in andere Stoffe einschließen kann. Doch wie das mit dem Schrott aus dem ganzen Teich gelingen kann, ist noch ein Rätsel. Sachbearbeiter Otte rechnet mit Kosten von 50 Millionen Euro, wenn sich die Arbeiten überhaupt als durchführbar erweisen. Bei einer Belastungsfläche von lediglich 3000 Quadratmetern wäre das dann zweifellos der teuerste Sanierungsfall der Bundesrepublik Deutschland. Erste Bohrproben zeigen, dass der Boden bis in 20 Meter Tiefe betroffen sein dürfte.

Ein Ziel der probeweisen Öffnung ist es deshalb, eine Gefahr für die Umwelt oder für Leib und Leben der Anwohner im gut zwei Kilometer entfernten Oerrel nachzuweisen. Wenn das gelinge, würde auch der Bund als Rechtsnachfolger des Deutschen Reiches bei der Sanierung einsteigen, sagt Otte. Er glaubt: „Ohne die finanzielle wie personelle Hilfe des Bundes könnten wir diesen Fall gar nicht bewältigen.“ Und effektiver müsse man werden bei der Arbeit. „Sonst dauert das Jahrzehnte.“

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