Raubtier in der Nähe des Kindergartens Goldenstedt trotzt dem Wolf

Seitdem sich ein Wolf dem Waldkindergarten genähert hat, ist in Goldenstedt (Landkreis Vechta) nichts mehr, wie es war. Zwischen Besorgnis und Besonnenheit schwankt die Stimmung in dem 10.000 Seelen-Ort.
18.02.2015, 00:00
Lesedauer: 4 Min
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Goldenstedt trotzt dem Wolf
Von Silke Looden

Seitdem sich ein Wolf dem Waldkindergarten genähert hat, ist in Goldenstedt (Landkreis Vechta) nichts mehr, wie es war. Zwischen Besorgnis und Besonnenheit schwankt die Stimmung in dem 10.000 Seelen-Ort im Huntetal.

Eine unscheinbare Landstraße führt zum Waldkindergarten in Goldenstedt (Landkreis Vechta). Hier hat eine Anwohnerin in der vergangenen Woche den Wolf in der Dämmerung gesichtet. Direkt vor ihrem Auto im Scheinwerferlicht und nur 200 Meter von den „Wühlmäusen“ entfernt. So nennt sich die Gruppe mit 15 Kindern zwischen drei und sechs Jahren, die jeden Tag zum Spielen in den Wald kommen.

Kinder sollen in der Nähe der Erzieher bleiben

Beim Gedanken an den Wolf hat Kindergartenleiterin Sabrina Haust „gemischte Gefühle“. Sie teilt die Besorgnis der Eltern, warnt aber vor Panikmache. „Ich denke nicht, dass der Wolf tagsüber kommt.“

Den Kindern hat sie eingeschärft, dass sie in der Nähe der beiden Erzieherinnen bleiben sollen. „Nur bis zu den markierten Bäumen und nicht weiter.“ An eine Schließung des Kindergartens mag sie gar nicht denken.

Michaela Schlömmer holt ihren Sohn Jan-Josef vom Waldkindergarten ab. Der Sechsjährige hat keine Angst vorm Wolf: „Wildschweine sind viel gefährlicher.“ Er teilt die Gelassenheit seiner Mutter: „Ich bin da ganz entspannt. Bislang hat der Wolf doch nur Schafe oder Wildtiere gerissen. Ich habe noch nie von einem Angriff auf einen Menschen gehört.“

Hilfe vom Umweltministerium gefordert

Bürgermeister Willibald Meyer hat das Umweltministerium in Hannover um Hilfe gebeten. Staatssekretärin Almut Kottwitz hat ihm einen 1000 Meter langen Herdenschutzzaun versprochen. „Die Latten bewegen sich und sollen den Wolf vertreiben“, erklärt Meyer. Zudem könne der Zaun mit Strom gesichert werden. Bauhofmitarbeiter sollen die Wolfsbarriere so bald wie möglich aufstellen. Ob der Zaun tatsächlich unter Strom gestellt wird, ist noch nicht klar.

„Der Zaun ist keine Lösung. Unsere Kinder sind doch keine Schafe“, sagt Melanie Lehmkuhl. Ihr Sohn Moritz (5) geht in den Waldkindergarten . Für die Mutter ist klar: „Nicht die Kinder, sondern der Wolf muss weichen. Der gehört hier nicht her.“ Das Land Niedersachsen müsse den Isegrim wieder aussiedeln.

Das Land aber begrüßt die Rückkehr des Wolfes nach Niedersachsen. Dazu die zuständige Staatssekretärin Kottwitz in einem Schreiben an den Bürgermeister von Goldenstedt: „Ich bin überzeugt, dass ein Nebeneinander von Mensch und Wolf möglich ist.“ Dass ein Wolf sich einer Ortschaft nähere oder Nutztiere reiße, sei kein auffälliges Verhalten. In der kommenden Woche will sie nach Goldenstedt fahren und vor Ort mit den Menschen sprechen.

„Ich habe den Wolf unterschätzt, nur an die Schäfer gedacht“, räumt Bürgermeister Meyer ein. Erst durch die Wolfssichtung in der Nähe des Kindergartens sei ihm bewusst geworden, was die Ausbreitung des Raubtieres für den Menschen bedeutet. „Wir können unsere Kinder nicht einsperren, nicht im Waldkindergarten und nicht im heimischen Garten.“

Wolf ist Thema im Landtag

Heute reist Meyer nach Hannover. Dort ist der Wolf Thema im Landtag. Seine Parteikollegen von der CDU haben bereits eine Pressemitteilung rausgegeben. Darin heißt es: „Die Rückkehr des Wolfes ist sicher ein großer Erfolg für den Artenschutz.“ Der Schutz von Mensch und Nutztieren aber habe oberste Priorität. Die CDU fordert eine Vergrämung des Wolfes, die FDP sogar eine Bejagung.

Die Jungen und Mädchen im Waldkindergarten verfolgen die Diskussion um den Wolf auf ihre Weise. Sie spielen Wolf, um die Situation zu verarbeiten. Alle hier sind gern draußen und wollen auch weiterhin in ihren Kindergarten gehen. Die Leiterin sagt: „Wir haben gut ohne den Wolf gelebt. Nun gucken wir, wie es mit ihm geht.“

Noch heute Abend kommt ein Wolfsberater nach Goldenstedt, um die Kindergarteneltern über den Wolf zu informieren. Bürgermeister Meyer ist skeptisch. „Die Fachleute vom Naturschutzbund erwarten, dass man ihre Ansicht teilt. Ich aber bin der Meinung, dass der Wolf nicht hierher gehört.“ Auch er warnt vor Panikmache. „Wir müssen das Problem in den Griff bekommen.“ Der Zaun könne nur ein erster Schritt sein.

Mehr als 60 Schafe gerissen

Seit November wurden in der Region Vechta, Oldenburg und Diepholz mehr als 60 Schafe gerissen, zuletzt im Twistringer Ortsteil Rüssen. Insgesamt 100.000 Euro im Jahr stellt das Land den Schäfern an Entschädigung zur Verfügung. Geld bekommt aber nur derjenige, der nachweisen kann, dass es tatsächlich ein Wolf war, der die Tiere gerissen hat. Der Nachweis mit DNA-Analysen dauert Monate und ist teuer.

Kindergartenleiterin Haust schaut vom Bauwagen aus in den lichten Buchen- und Eichenwald. Von hier aus sind die Kinder in ihren bunten Hosen und Jacken gut zu erkennen. Der Bauwagen ist der einzige Rückzugsort im Waldkindergarten. Zwergenhaft wirken die kleinen, bunten Tischchen und Stühlchen. „Was, wenn der Wolf sich hier seinen Schlafplatz sucht und uns morgens überrascht?“, fragt sie sich halb in Gedanken. „Mit einem Zaun säßen wir dann in der Falle.“

Wolfsberater Uwe Martens glaubt nicht, dass der Wolf sich tagsüber dem Waldkindergarten nähern würde, da Wölfe zumeist in der Dämmerung jagten. „Sie passen sich den Wildtieren an.“ Gleichwohl könne auch er nicht ausschließen, dass etwas passiert. „Der Wolf ist ein Raubtier.“

Frau rettet sich in Lüneburg in ihr Auto

Erst vor Kurzem war es zu einem Vorfall im Landkreis Lüneburg gekommen. Eine Frau aus Amelinghausen wurde in Lopau von einem Rudel Jungwölfen verfolgt. Die Frau war mit zwei Hunden am See unterwegs, als sie die Wölfe auf dem Weg sah. Sie leinte die beiden Golden Retriever an und schrie mehrmals aus Leibeskräften, um die Wölfe zu vertreiben. Schließlich blieben die Raubtiere, die sich bereits auf 15 Meter genähert hatten, stehen. Die Frau rettete sich in ihr Auto und erlitt einen Zusammenbruch. Dies geht aus dem Bericht des zuständigen Wolfsberaters hervor. Martens bestätigte den Vorfall und erklärte ihn mit der Neugier der Jungwölfe, die zu den Hunden Kontakt aufnehmen wollten.

In Goldenstedt indes hoffen die Menschen, dass der Wolf weiter wandert. Die Gemeinde will den Waldkindergarten bis auf weiteres jedenfalls nicht schließen – auch wenn es fast danach aussieht. Gestern und heute waren die „Wühlmäuse“ wegen des Karnevals nicht im Wald. Morgen kommen sie wieder.

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