Politiker wollen Landwirte für Moorschutz gewinnen

Grüne Minister gehen auf Bauern zu

Hannover. Mehr Vernässung, weniger intensive Bewirtschaftung, Suche nach Torf­ersatzstoffen: Mit dem neuen Programm „Niedersächsische Moorlandschaften“ will die rot-grüne Landesregierung Treibhausgase reduzieren und so mehr für den Klimaschutz tun. Dabei setzen die grünen Minister Christian Meyer (Landwirtschaft) und Stefan Wenzel (Umwelt) nicht auf Zwang, sondern auf Freiwilligkeit und finanzielle Anreize.
12.05.2016, 00:00
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Hannover. Mehr Vernässung, weniger intensive Bewirtschaftung, Suche nach Torf­ersatzstoffen: Mit dem neuen Programm „Niedersächsische Moorlandschaften“ will die rot-grüne Landesregierung Treibhausgase reduzieren und so mehr für den Klimaschutz tun. Dabei setzen die grünen Minister Christian Meyer (Landwirtschaft) und Stefan Wenzel (Umwelt) nicht auf Zwang, sondern auf Freiwilligkeit und finanzielle Anreize. „Moormanagement kann nur im Dialog zu einem Erfolgsmodell werden“, erklärten die beiden Ressortchefs am Mittwoch in Hannover. 76 Millionen Euro, die hauptsächlich aus EU-Töpfen stammen, sollen bis 2020 in das Moorschutzprogramm fließen.

Dieses soll die Bauern fürs Mitmachen finanziell belohnen. „Wir wollen die Landwirte als freiwillige Partner gewinnen“, betonte Wenzel. So sollen Einbußen bei der Produktion, etwa weil Milchbauern ihre Grünlandflächen künftig nicht mehr entwässern, ausgeglichen werden. Aus den EU-Mitteln will Rot-Grün auch den Tausch von Flächen finanzieren und neue Verdienstmöglichkeiten für die Bauern schaffen. Statt abzutorfen könnten die Landwirte auf den Anbau von Torfmoosen – eine denkbare Alternative im Gartenbau – umstellen, meinte Meyer. Denkbar ist nach seinen Worten auch eine an Klimaschutzzielen orientierte Flurbereinigung, die die Wiedervernässung von Hochmooren mit den Perspektiven der Landwirtschaft in Einklang bringe. In Langenmoor (Kreis Cuxhaven) habe man gerade mit einer solchen Maßnahme begonnen.

„Unser Programm zeigt die verschiedenen Möglichkeiten für die lokalen Akteure auf“, erläuterte Wenzel. Zu den ersten, bereits bewilligten Projekten gehört ein Modellvorhaben im Gnarrenburger Moor (Landkreis Rotenburg), wo eine „klimaschutzorientierte Landwirtschaft“ umgesetzt werden soll. In der Wesermarsch wird eine moorschonende Bewirtschaftung von Grünland erprobt. Darüber hinaus soll ein von der Landesregierung eingerichtetes „Torf­ersatzforum“ helfen, bis 2020 den Einsatz von Torf im Hobby- und Erwerbsgartenbau um ein Viertel zu senken.

Heftige Kritik kam dagegen vom Naturschutzbund Nabu und den Herstellern von Blumenerden. „Die Landesregierung verkauft den Moorschutz und die Zukunft der Torfindustrie an die Landwirtschaft“, heißt es in einer gemeinsamen Erklärung. „Das Programm wird sein Ziel verfehlen, wenn die Landwirtschaft nicht stärker in die Verantwortung genommen wird“, meinte Nabu-Landeschef Holger Buschmann. Echter Moor- und damit Klimaschutz sei nur mit einer völligen Einstellung der Nutzung und einer fachgerechten Wiedervernässung zu erreichen. Freiwillige Einschränkungen könnten zwar die Moorzerstörung verlangsamen, aber nicht aufhalten.

Der Industrieverband Garten (IVG) warnte vor Versorgungsengpässen beim Torf. In wenigen Jahren sei die Branche auf Importe aus dem Baltikum angewiesen, sagte IVG-Sprecherin Tanja Constabel. „Und diese Lkw-Transporte sorgen für hohe Kohlendioxid-Emissionen.“ Nabu und IVG hatten gemeinsam ein Konzept entwickelt, wonach die Torfunternehmen zwar Rohstoffe abbauen dürfen, aber anschließend das Moor wieder sanieren und unter Schutz stellen müssen. Von den dafür in Betracht kommenden 8500 Hektar hatte Rot-Grün aber nur 3500 Hektar in das neue Landesraumordnungsprogramm (LROP) übernommen. Andererseits reduzierte Agrarminister Meyer darin nach heftigen Protesten der Landwirtschaft und einem Eingreifen des SPD-Koalitionspartners die Vorrangflächen für den Torferhalt von den ursprünglich vorgesehenen 102 000 auf nur noch 37 000 Hektar.

Niedersachsen verfügt über 540 000 Hektar Moorflächen. Das entspricht acht Prozent der Landesfläche. Mehr als zwei Drittel ­davon sind landwirtschaftlich genutzt. 73 Prozent aller Hochmoore in Deutschland ­befinden sich in Niedersachsen. Christian ­Meyer: „Wir sind nicht nur das Agrarland, sondern auch das Moorland Nummer eins.“ Daraus resultiere eben eine besondere ­Verantwortung Niedersachsens für den ­Klimaschutz.

„Wir sind auch das Moorland Nummer eins.“ Christian Meyer, Agrarminister
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