Brütende Seeadler im Kreis Cuxhaven Grüner Minister verärgert Vogelschützer

Naturverbände schlagen Alarm: Niedersachsens Umweltminister Stefan Wenzel (Grüne) will die Staatliche Vogelschutzwarte entmachten, lautet die Sorge.
29.07.2015, 00:00
Lesedauer: 3 Min
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Von Peter Mlodoch

Naturverbände schlagen Alarm: Niedersachsens Umweltminister Stefan Wenzel (Grüne) will die Staatliche Vogelschutzwarte entmachten, lautet die Sorge. Die angesehene Organisation soll offenbar ihre Eigenständigkeit verlieren und vollständig im Landesbetrieb für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz (NLWKN) aufgehen. Die Pläne für eine Novelle des niedersächsischen Naturschutzgesetzes lösen auch Ärger innerhalb der rot-grünen Koalition aus. „Das machen wir auf keinen Fall mit“, warnt ein SPD-Abgeordneter den grünen Minister. Der Arbeitskreis Umwelt der beiden Regierungsfraktionen fordert von Wenzel, dass die Vogelschutzwarte ihre gesetzliche Verankerung und so ihren besonderen Status behält.

Es sei weder in deren Aufgabenstellung noch Zuständigkeit noch in ihrem organisatorischen Aufbau eine Schwächung der Vogelschutzwarte beabsichtigt, erklärte Ministeriumssprecher Rudi Zimmeck. Dies habe Wenzel den Umweltverbänden versichert. Dennoch hegen die Naturschützer einen bösen Verdacht: Der Ausbau der Windenergie an Land habe bei dem grünen Ressortchef oberste Priorität, da wolle er wohl die Vogelschutzwarte als kritische Mahnerin mundtot machen: „Die sollen eingenordet werden.“

Die 1947 gegründete Vogelschutzwarte sammelt in enger Kooperation mit der Niedersächsischen Ornithologischen Vereinigung (NOV) Daten zu Bestand, Entwicklung und Verbreitung der diversen Vogelarten – Grundlagen für die Schutzprogramme. So geht die Wiederansiedlung von Schwarzstorch, Seeadler und Kranich in Niedersachsen darauf zurück. Für Zählungen und Kartierungen sind Vogelwarte und NOV auf die Mitarbeit von rund 1000 freiwilligen Helfern angewiesen.

>> Peter Mlodoch über die Vogelschutzwarte

„Bei Streichung der etablierten Marke ‚Staatliche Vogelschutzwarte‘ verschwindet mit dem Namen auch die für den Bürger wichtige, oft als Herzensanliegen gesehene Aufgabe des Vogelschutzes in der Anonymität der Behörden“, warnt nun der NOV-Vorsitzende Herwig Zang in einem Brief an den Minister. Dies schwäche das ehrenamtliche Engagement in Niedersachsen, heißt es in dem Schreiben, das dem WESER-KURIER vorliegt. Eine Antwort Wenzels aufs Zangs Bitte nach einem persönlichen Gespräch steht noch aus.

Es ist derzeit nicht das einzige Problem des Ressortchefs im Konfliktfeld zwischen Windenergie und Vogelschutz. Im Kreis Cuxhaven sind drei große Windparks geplant, allein das Projekt Köhlen im Süden von Bad Bederkesa umfasst laut Anlagenbauer PNE ein Investitionsvolumen von 50 Millionen Euro. Naturschützer fürchten, dass die dort brütenden Seeadler den Vorhaben zum Opfer fallen könnten – durch gezielte Vergrämung, aber auch durch „Schreddern“ in den Windmühlen selbst.

„In diesem Jahr hatten wir vier Bruten“, berichtet Hans-Joachim Ropers vom Naturschutzbund (Nabu) Cuxhaven. „Nur zwei waren aber erfolgreich.“ Ein Horst sei durch einen Orkan „aus dem Baum gepustet“ worden. Das zweite Paar sei aber im Frühjahr offenbar bewusst vertrieben worden – durch das Zünden von Böllern durch einen Forstmitarbeiter in unmittelbarer Nähe des Horstes. Die Vermutung der Naturschützer, dass vielleicht die Windenergie-Lobby dahinter stecke, ließ sich jedoch nicht nachweisen. Die Staatsanwaltschaft Stade hakte die Aktion als „Dummer-Jungen-Streich“ ab und stellte ihre Ermittlungen ein.

Um weitere Schäden zu vermeiden, verlangen die Naturschützer vor dem Bau der Windparks genaue Fluganalysen der Greifvögel und entsprechende Abstände der Anlagen zu den gefährdeten Horsten. Dabei sehen sie sich allerdings von Minister Wenzel im Stich gelassen. Noch im Januar hatte das Umweltressort den Landkreis Cuxhaven angewiesen, für den Windpark Köhlen eine solche „Raumnutzungsanalyse“ vom Betreiber zu verlangen. Am 12. Juni hob das Ministerium – offenbar nach Intervention des Investors – diese Weisung wieder auf. Begründung: Das Projekt liege nicht im Drei-Kilometer-Radius zum Horst; potenzielle Nahrungsgewässer befänden sich erst in mehr als sieben Kilometer Entfernung. „Es kann deshalb davon ausgegangen werden, dass es nicht zu einer erhöhten Aufenthaltswahrscheinlichkeit im Bereich des Windparks kommt“, heißt es in dem Schreiben des Ministeriums an den Kreis.

„Der Ausbau der Windenergie erfolgt unter strenger Wahrung der fachlichen und rechtlichen Vorgaben des Artenschutzes“, weist Ressortsprecher Rudi Zimmeck die Kritik der Naturschützer zurück. Man habe gemeinsam mit Umweltverbänden und Betreibern eigens eine detaillierte Richtlinie dazu formuliert. Am 17. August würden Ministerium und Landkreis nun in Hannover „ihren fachlichen Dialog fortsetzen“.

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