Norddeutschland

Gülle-Problem im Norden

Weil es zu lange zu viel geregnet hat, konnten die Bauern die Gülle nicht auf die Felder bringen. Nun wissen sie nicht mehr, wohin damit. Der Havarie-Erlass soll das Schlimmste verhindern.
08.01.2018, 22:08
Lesedauer: 3 Min
Zur Merkliste
Gülle-Problem im Norden
Von Silke Looden
Gülle-Problem im Norden

Dünger für die Felder: Bis zum 31. Januar gilt eine Sperrfrist für das Ausbringen von Gülle, laut Erlass sollen Landwirte im Notfall und unter strengen Auflagen die Jauche verteilen dürfen.

dpa

Der Dauerregen der letzten Monate ließ die ­Trecker in Norddeutschland im Matsch versinken, sodass die Bauern die Gülle schlicht nicht ausfahren konnten. Nun sitzen sie auf den Nährstoffen fest und dürfen diese frühestens ab Februar wieder auf die Felder bringen. Bis dahin gilt eine Sperrfrist. So will es die Düngeverordnung.

Weil die Lager aber langsam überzulaufen drohen, ergreift die neue Agrarministerin Barbara Otte-Kinast (CDU) gemeinsam mit dem neuen Umweltminister Olaf Lies (SPD) ungewöhnliche Maßnahmen, um das Grundwasser vor den Hinterlassenschaften der Nutztiere zu schützen. Die Landwirtschaftskammer in Oldenburg bezeichnet den entsprechenden Erlass denn auch als „Havarie-Erlass“.

„Die Lage ist angespannt, es kann zu sogenannten Havariefällen kommen, bei denen Gülle unkontrolliert ins Erdreich abfließt und damit das Grundwasser gefährdet. Das muss auf jeden Fall verhindert werden“, betonen Otte-Kinast und Lies in einer gemeinsamen Stellungnahme. Per Erlass wollen die beiden Fachminister die Situation in den Griff bekommen.

Lesen Sie auch

Die Wasserbehörden und die Düngebehörde sind informiert. „Danach ist in einem akuten Notfall das Ausbringen von Gülle auch in der Sperrfrist zu dulden, um größeren Schaden zu verhindern, etwa den Eintrag ins Grundwasser, in Oberflächenwasser oder in die Kanalisation“, erklärt Lies. Voraussetzung sei jedoch, dass die Landwirte vorher alle Alternativen geprüft haben, betont Otte-Kinast.

Zunächst müssen betroffene Betriebe also nachweisen, dass sie die Gülle nicht anderweitig loswerden können, etwa bei Nachbarbetrieben, an der Güllebörse oder in Biogasanlagen. Zudem dürfe das Ausbringen von Gülle im Januar nur unter strengen Auflagen als sogenannte Notfall-Maßnahme erfolgen.

So dürfen die Nährstoffe nur auf bewachsenen Feldern ausgebracht werden und auch nur zehn Kubikmeter pro Hektar. Infrage kommen Winterraps, Feldgras, ­Zwischenfrüchte oder Grünland. Zu Gewässern müssen die Landwirte zehn Meter Abstand halten. In Trinkwassergebieten und Überschwemmungsgebieten darf keine Ausnahmegenehmigung für das Ausbringen von Gülle erteilt werden.

Beim Bauernverband Landvolk ist von "angespannter Situation" die Rede

Die Not ist inzwischen so groß, dass einzelne Betriebe den Bau von provisorischen Güllelagunen beantragt haben, um mögliche Havarien zu verhindern. Güllelagunen sind Erdbecken, die mit Spezialfolie abgedichtet werden. Landkreise können diese Form der Zwischenlagerung dulden, um die illegale Entsorgung der Jauche zu verhindern. Für die Bauern ist der Bau jedoch mit erheblichen Kosten verbunden.

Otte-Kinast spricht von einer „Ausnahmesituation, die besondere Maßnahmen erfordert“. Für die Zukunft erwartet sie von den Landwirten, dass sie sich auf derartige Situationen besser vorbereiten und entsprechende Lagerkapazitäten auf den Höfen schaffen. Laut Nährstoffbericht fallen in Niedersachsen pro Jahr knapp 60 Millionen Tonnen Dung und Gärreste aus Biogasanlagen an.

Beim niedersächsischen Bauernverband Landvolk in Hannover ist von einer „angespannten Situation“ die Rede. „Die Gülle, die im Herbst auf die Felder sollte, konnte wegen des Regens nicht ausgefahren werden. Gleichzeitig mussten die Rinder wegen der schlechten Witterung früher als sonst in die Ställe zurück“, erklärt die Sprecherin des Bauernverbandes, Gabi von der Brelie, den Gülle-Überschuss in den Tanks.

Wiederholt Verstöße gegen die Sperrfrist

„Wir empfehlen den Landwirten, sich an die Vorschriften zu halten, damit wir keine Umwelt­probleme bekommen.“ Was zu beachten ist, sei bei der Landwirtschaftskammer in Oldenburg zu erfahren. Dort, wo sich Landwirte untereinander helfen könnten, sollten sie das auch tun. Wer noch freie Lagerkapazitäten habe, könne sich gern beim Landvolk melden.

In den vergangenen Jahren waren im Winter wiederholt Verstöße gegen die Sperrfrist gemeldet worden. Bauern, die ihre Gülle nicht mehr lagern konnten, entsorgten ­diese kurzer Hand auf ihren Feldern. Weil die Pflanzen im Winter aber nicht wachsen und somit auch keine Nährstoffe aufnehmen, ist das Düngen im Januar verboten.

Zu groß ist die Gefahr, dass insbesondere Nitrat in die Grundwasser führenden Schichten durchdringt. Umweltverbände warnen seit Langem vor den Folgen der Überdüngung. Auch bei Frost dürfen die Landwirte nicht düngen. Die Geruchsbelästigung, wenn die Nährstoffe auf Schnee und Eis liegenbleiben, ist zu groß.

Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+