Prototyp Das Mooshaus von Hannover

In Hannover haben kürzlich Mieter das erste Mooshaus bezogen. Das Grün an der Fassade soll zur besseren Luftqualität und im Sommer zur Reduzierung der Hitze beitragen.
18.01.2021, 05:00
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Von Joachim Göres

Hannover. Moos an der Fassade – das dürfte für viele Hausbesitzer vermutlich eine Schreckensvision sein. Die Wohnungsgenossenschaft Gartenheim in Hannover setzt dagegen seit Kurzem auf moosbegrünte Hauswände, um etwas für die Umwelt zu tun. Sie hat ein Gebäude mit fünf Wohnungen fertiggestellt, das an seiner Nordseite aus einer 50 Quadratmeter großen Moosfassade besteht. Ein Prototyp, in den im November die ersten Mieter eingezogen sind. Sechs Meter hoch sind die Mooselemente, die auf einer Stahlkonstruktion mit Aluminiumplatten mit Hilfe von Blumendraht und wasserfestem Kleber angebracht sind. Das Ziel: Das Moos soll wie eine biologische Klimaanlage funktionieren, Schadstoffe aus der Luft absorbieren sowie durch Wasserverdunstung die Luftfeuchtigkeit erhöhen und bei hohen Temperaturen zur Abkühlung beitragen. Eine dämmende Funktion hat die Moosfassade nicht.

Gartenheim-Vorstand Günter Haese, der als promovierter Ingenieur seit langer Zeit an vertikalen Begrünungssystemen tüftelt, hat diesen Prototypen entwickelt, den er Moss-Cube nennt – Mooswürfel. Zu der patentierten Technik gehört auch ein besonderes Bewässerungssystem, das automatisch aktiviert wird, wenn ein vor dem Gebäude installierter Sensor feststellt, dass das Moos Feuchtigkeit benötigt – zu trockenes Moos verliert seine Wirkung. Dann fährt ein beweglicher Bewässerungsbügel die Moosfläche gleichmäßig herauf und herunter. Beim eingesetzten Wasser handelt es sich vor allem um Regenwasser vom Dach des Gebäudes. „Nur bei Temperaturen unter drei und über 25 Grad erfolgt keine Beregnung“, sagt Haese. Kostenpunkt für das ganze Projekt: Knapp 100.000 Euro. „Wirtschaftlich rechnet sich das nicht“, räumt Haese ein und fügt hinzu: „Aber es geht hier um ein Zukunftsthema, für das man Geld in die Hand nehmen muss, um neue Erkenntnisse zu gewinnen. Wenn nicht wir als große Genossenschaft auf diesem Feld aktiv werden, wer dann sonst?“ 4500 Wohnungen gehören der Genossenschaft, die monatliche Durchschnittsmiete liegt bei 6,38 Euro pro Quadratmeter.

Mooskulturen binden Feinstaub – mit dieser Erfolgsmeldung war das Bundeswirtschaftsministerium im September nach dem Ende eines dreijährigen Modellversuchs an die Öffentlichkeit gegangen. Dafür hatte das Deutsche Institut für Textil- und Faserforschung zusammen mit zwei Unternehmen ein mit Moosen besiedeltes Wandsystem zur Feinstaubbindung entwickelt, das bewässert wird. Das Moos wurde in Schallschutzwänden an viel befahrenen Straßen in Stuttgart und Ludwigsburg angebracht, damit sich dort Feinstaubpartikel ablagern. „Die feinstaubschluckenden Mooswände wurden unter realen Umweltbedingungen an unterschiedlichen Standorten erfolgreich getestet. Sie können flexibel und wirtschaftlich eingesetzt werden“, heißt es als Fazit über das vom Ministerium geförderte Projekt aus dem Zentralen Innovationsprogramm Mittelstand.

Das Umweltbundesamt ist deutlich skeptischer, was den Einsatz von Mooswänden betrifft. „Es gibt keine Studien, die in der Praxis einen signifikanten Effekt auf die Luftverbesserung belegen“, sagt Marcel Langner, Leiter des Fachgebietes Grundsatzfragen der Luftreinhaltung beim Umweltbundesamt. Das Moos könne nur filtern, was unmittelbar mit ihm in Kontakt komme. Die Fläche der Mooswand sei aber zu gering, um eine nennenswerte Menge von Partikeln aus der Luft zu filtern. „Die Windgeschwindigkeiten reichen hierzulande nicht aus, um genügend Feinstaub zu den Moosen zu befördern, der Luftaustausch ist zu gering“, sagt Langner. Zudem müsse Moos immer unter Aufwendung von Energie bewässert werden, damit es seine Wirkung entfalten könne. „Mooswände haben eher einen klimatischen Effekt. Doch dabei stellt sich die Frage, ob es zur Hitzereduzierung nicht geeignetere Systeme gibt“, sagt Langner und verweist auf Kletterpflanzen an Hausfassaden, die deutlich pflegeleichter als Mooswände seien.

In einer Untersuchung im Rahmen des bis 2022 laufenden Projektes „TransMit“ gehen Forscher der Universität Hannover der Frage nach, welche Wirkung unter anderem Moos und Wasser auf die Reduzierung von hohen Temperaturen im städtischen Quartier haben. Dabei werden neben dem Mooswürfel weitere von der Genossenschaft Gartenheim aufgestellte freistehende Mooswände unter die Lupe genommen. „In einem Laborversuch konnten wir bisher beim Moos feststellen, dass die Umgebungstemperatur leicht sinkt und die Luftfeuchtigkeit steigt. Eine wichtige Eigenschaft der Mooswände wird aber vor allem in der Abdeckung von Gebäudeoberflächen liegen und damit der reduzierten Wohnraum-Aufheizung“, betont Jessica Gerstendörfer, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Siedlungswasserwirtschaft und Abfalltechnik der Uni Hannover. Im kommenden Jahr soll an den Mooswänden direkt untersucht werden, ob sie einen kühlenden Effekt haben, wie groß der Wasserbedarf für die Beregnung und die damit verbundenen Betriebskosten sind.

Für Haese geht es bei seinem Mooswürfel nicht nur um die Wirkung auf Umweltfaktoren. Das Gebäude steht in einer ruhigen Wohngegend ohne großen Durchgangsverkehr und mit geringer Feinstaubbelastung. Dafür sind die Moosfassaden aber durch die Ecklage des Moos-Cube am Zusammentreffen von zwei Straßen umso deutlicher sichtbar. „Eine Gebäude-Mooswand fällt mehr auf als eine freistehende Mooswand mitten im Verkehr. Die Moosfassade wird bewusster wahrgenommen und die Menschen machen sich mehr Gedanken um die Umwelt“, meint Haese. Die nächsten Gartenheim-Mooshäuser sind in Planung.

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