Gesundheitsversorgung in Niedersachsen Hausbesuche bei säumigen Eltern

Diepholz·Verden·Hannover. "Ein U fürs Leben" - die niedersächsische Kampagne für regelmäßige Besuche beim Kinderarzt feiert ersten Geburtstag. Das Gesundheitsministerium lässt kontrollieren, ob Eltern mit ihrem Nachwuchs regelmäßig zum Arzt gehen.
01.04.2011, 05:00
Lesedauer: 3 Min
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Hausbesuche bei säumigen Eltern
Von Justus Randt

Diepholz·Verden·Hannover. "Ein U fürs Leben" - die niedersächsische Kampagne für regelmäßige Besuche beim Kinderarzt hat heute ersten Geburtstag. Das Sozial- und Gesundheitsministeriums hat seit dem 1. April 2010 rund 300000 verbindliche Einladungen zu Früherkennungsuntersuchungen für Kinder bis zu vier Jahren verschickt. Damit geht die Kontrolle der Kinderarztbesuche U5 bis U8 einher - die vor allem Fehlentwicklungen vorbauen und gesundheitliche Risiken für Kinder frühzeitig erkennen helfen sollen.

Die Verbindlichkeits-Initiative kam erstmals 2007 aufs Tapet. Damals lag der Tod des kleinen Kevin in Bremen gerade ein Jahr zurück. Die Leiche des Kindes wurde im Kühlschrank seines drogensüchtigen Vaters gefunden. Landauf, landab wurde diskutiert, wie Gewalt gegen Kinder frühzeitig entdeckt werden könnte. "Ein U fürs Leben" ist der wichtigste niedersächsische Baustein zur Prävention.

Rund 300000 verbindliche Einladungen für die Untersuchungen U5 bis U8 hat das niedersächsische Landesamt für Soziales, Jugend und Familie seither verschickt. In beinahe jedem dritten Fall war es damit nicht getan: 97000 Erinnerungen mussten versandt werden. 16000-mal führte auch das nach Kenntnis des Ministeriums nicht zum Besuch beim Kinderarzt. Ebenso oft wurden die Jugendämter vor Ort informiert, um der Sache nachzugehen.

Mahnung trotz Arztbesuch

180 Fälle sind im Landkreis Osterholz Thema gewesen, seit das Verfahren angelaufen ist. Es kam zu 20 Hausbesuchen, dem letzten Mittel der Aufklärung. Dass seine Behörde damit "in die Kontroll- und Nachweisecke gedrängt" werde, macht Arne Segelken, dem Leiter des Kreisjugendamtes, allerdings zu schaffen. Er hat festgestellt, dass es oftmals zu Überschneidungen kommt: Obwohl Eltern ihr Kind bereits zur U-Untersuchung gebracht haben, werden sie vom Landesamt daran erinnert oder gar vom Kreis aufgefordert, vorstellig zu werden.

Im Kreis Diepholz sind seit dem Sommer 486 Mitteilungen des Landesamtes eingegangen. 208 Hausbesuche habe es gegeben, sagt Detlef Klusmeyer, Leiter des Fachdienstes Jugend. Dabei sei in vier Fällen festgestellt worden, dass Eltern "Hilfe- oder Beratungsbedarf" hatten. "85 bis 90 Prozent der Fälle, denen wir nachgehen, klären sich schnell auf", sagt Klusmeyer. "Oftmals sind die Meldungen über den Arztbesuch nicht an die Zentralstelle des Landesamtes in Hannover gegangen."

Im Landkreis Verden hat Peter Genée, Leiter des Fachdienstes Jugend seit dem Start im August 325 Mitteilungen des Landesamtes über versäumte Früherkennungsuntersuchungen erhalten. "In 40 Prozent der Fälle führten wir einen Hausbesuch durch", sagt Genée. "Soziale Arbeit setzt Vertrauen voraus", gibt er zu bedenken. Hausbesuche "setzen uns als Kontrollbehörde in ein schlechtes Licht". Ganz zu schweigen von den "personellen Ressourcen", die damit gebunden würden.

Wie sein Osterholzer Kollege stellt Genée - zumindest statistisch - eine steigende Tendenz fest. Die Ursache ist nicht klar, könnte aber damit zu tun haben, dass in den Kreisen Osterholz, Verden und Diepholz die Randlage zu Bremen eine Rolle spiele - "wo das niedersächsische Gesetz nicht gilt". Die Wurzel des Problems scheint die Bremen-Nähe aber nicht zu sein: Das Sozialministerium gehe davon aus, dass "meistens der untersuchende Arzt nicht seiner Verpflichtung zur Rückmeldung nachgekommen ist", sagt Sprecherin Heinke Träger.

In vielen Praxen habe Unklarheit darüber geherrscht, räumt die Ärztekammer Niedersachsen ein, dass die Bestätigungskarte auch aus dem Internet heruntergeladen werden könne, falls Eltern die Unterlagen vergessen haben. Darüber sei noch einmal landesweit informiert worden, sagt Ärztekammersprecherin Beatrice Fruhner.

Aber auch das Ministerium hat nachgebessert: "Zwischen Erinnerung durch das Landesamt und Meldung ans Jugendamt haben wir eine Woche Frist draufgegeben, seitdem ist es schon besser geworden." Soll heißen: Es kommt seltener zu Überschneidungen.

Nach gerade einem Jahr sei eine komplette Analyse noch nicht möglich, sagt Träger. Angestrebt sei die Quote einer 90-prozentigen Teilnahme an Vorsorgeuntersuchungen, "85 Prozent sind bestätigt". Für den Diepholzer Detlef Klusmeyer sind die verbindlichen Einladungen vor allem "ein aufwendiges Erinnerungssystem".

Der Niedersächsische Landkreistag will anhand der Daten aus dem ersten Quartal 2011 den Verwaltungsaufwand ermitteln. "Im Vorfeld waren wir sehr skeptisch", sagt Geschäftsführer Hubert Meyer. "Wir haben sehr viel mehr Bürokratie, ob wir einen besseren Kinderschutz haben, wissen wir nicht."

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