25 Jahre Deutsche Einheit

Helmstedt: Plötzlich in der Mitte Europas

Abseits von Erinnerungsschildern und Gedenkstein an der Bundesstraße 245 a zwischen Helmstedt und Harbke entwickelt sich die praktische Einheit: Eine riesige Senke füllt sich hier stetig mit Wasser. Im Jahr 2030 sollen 122 Millionen Kubikmeter sein.
02.10.2015, 00:00
Lesedauer: 4 Min
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Von Peter Mlodoch

Abseits von Erinnerungsschildern und Gedenkstein an der Bundesstraße 245 a zwischen Helmstedt und Harbke entwickelt sich die praktische Einheit: Eine riesige Senke füllt sich hier stetig mit Wasser. 36 Millionen Kubikmeter sind es derzeit, im Jahr 2030 sollen 122 Millionen sein. Dann ist der Lappwaldsee fertig, mit elf Kilometern Uferlänge und rund vier Quadratkilometern Oberfläche. „Das wird ein Freizeitparadies mit allem Pipapo“, schwärmt Helmstedts Bürgermeister Wittich Schobert (CDU) und zählt Radstrecken, Wanderwege, Angelplätze, Badestrände und sogar einen Jachthafen auf. „Hier entsteht eines der größten Zukunftsprojekte, die dank der Deutschen Einheit möglich sind.“

Ein paar Kilometer weiter sind die Relikte des Kalten Krieges im Original zu betrachten, ausgemustert zwar, aber auch nach 25 Jahren Wiedervereinigung immer noch Erinnerungen an Schauer und Schrecken weckend: die überdachten Auto-Abfertigungsstraßen, in die man damals oft nach Stunden im Stau einfuhr und sich unangenehmen Fragen der DDR-Grenzsoldaten gefallen lassen musste. Oder die Lkw-Halle mit ihren unzähligen Spiegeln im Dachgestänge, damit ja niemand auf die Idee kam, auf den Planen Personen oder Propagandamaterial in den Osten zu schmuggeln.

Helmstedt-Marienborn war seinerzeit der mit Abstand größte Kontrollpunkt an der innerdeutschen Grenze; hier lief der Hauptstrom des Waren- und Personentransits zwischen der Bundesrepublik und West-Berlin durch. „Sag bloß keinen Piep“, sei ihnen als Kindern von den Eltern vor der Filzerei eingebläut worden, berichtet der gebürtige Helmstedter Schobert von Besuchen „drüben“, wo etliche Verwandte im grenznahen Sperrbezirk wohnten. Einmal hätten ihm die Grenzer sogar seine Comics konfisziert. Ehemalige Mitglieder der DKP, des West-Ablegers der Ulbricht- und Honecker-Partei SED, erzählen dagegen, dass sie als politisch willkommene Gäste am Wochenende schon mal an den Schlangen der anderen West-Bürger vorbeigeleitet worden seien.

„Plötzlich war dann alles offen“, erinnert sich Schobert an die Wende, die er als 19-jähriges Mitglied des Deutschen Roten Kreuzes aktiv begleitete. Helmstedt, jahrzehntelang im Zonenrandgebiet, war auf einmal Mittelpunkt Europas. Tausende Trabis machten sich über die Grenze, fielen im Schritttempo in die Stadt ein. Geduldig warteten die DDR-Bürger in langen Schlangen vor dem Rathaus, bevor sie sich dort das Begrüßungsgeld von 100 D-Mark pro Person auszahlen ließen. „Da gingen zig Millionen raus“, sagt Schobert. „Aber hinterher fehlte kein Pfennig.“ Alles sei korrekt abgerechnet worden.

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Beruhigt hat sich auch das Nachtleben in der Grenzstadt. Besonders an den Wochenenden gab es vor der Wende eine legendäre Kneipenszene, in der sich nicht nur die Helmstedter selbst, sondern auch die Angehörigen der alliierten Grenztruppen und etliche Besucher aus den Braunschweig und Wolfsburg tummelten. Die Öffnung des Eisernen Vorhangs ließ Berlin ganz nah heranrücken, das Partyvolk zog dann dort lieber hin. Mit dem Abzug der Alliierten und des Bundesgrenzschutzes, den es damals offiziell an der innerdeutschen Grenze gar nicht geben durfte, verlor Helmstedt einen erheblichen Teil seiner Einwohner. Vor der Wende waren es über 26.000, heute sind es 23.800 – Tendenz aber seit drei Jahren wieder steigend. Inzwischen pendeln täglich rund 3000 Arbeitnehmer aus Sachsen-Anhalt nach Helmstedt, fast ein Drittel der sozialversicherungspflichtigen Jobs.

Fragt man nach Vorbehalten und Vorurteilen, fallen die Antworten unterschiedlich aus. „Der Neid-Faktor ist noch ziemlich groß“, raunen zwei Passantinnen in Helmstedts Fußgängerzone über ihre östlichen Nachbarn. „Die merken langsam, dass man für seinen Wohlstand auch selbst etwas tun muss.“ Echte Probleme zwischen West und Ost, sagt dagegen Bürgermeister Schobert, gehörten der Vergangenheit an. Natürlich gebe es hier und da landsmannschaftliche Frotzeleien. Aber das sei schließlich üblich – etwa wie zwischen Braunschweig und Hannover oder Bayern und Franken. Aber: „Eine Mauer im Kopf existiert definitiv nicht.“

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