Insolvenz der Beluga-Reederei Heute neuer Termin am Amtsgericht

Bremen/Spiekeroog. Neuer Gerichtstermin in Sachen Beluga: Heute um 9 Uhr treffen sich Gläubiger und Insolvenzverwalter Edgar Grönda am Amtsgericht. Ungewiss ist derweil die Zukunft des Künstlerhauses Spiekeroog.
14.08.2011, 05:00
Lesedauer: 6 Min
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Von Martin Wein

Spiekeroog. Die Insel liegt in diesen Wochen mitten im Auge des Sturms. Nach der Insolvenz der Gesellschaften von Niels Stolberg ist die Zukunft seiner Investitionen auf Spiekeroog ungewiss. Das Künstlerhaus wurde inzwischen geschlossen - wohl endgültig.

Spiekeroog, Globalisierung und Wirtschaftskrise - auf den ersten Blick passt das nicht zusammen. Sacht streicht der Wind durch die Dünen und auf dem Slurpad schleppen die Feriengäste ihre Schwimmringe, Kescher und Badetücher fast andächtig in langer Prozession vom Bilderbuchdorf zum blütenweißen Strand. Spiekeroog im August ist ein Nordsee-Idyll - so beschaulich, dass selbst der eilige Fußgänger schon unnötig viel Wind zu machen scheint. Radfahrer sind auf der zentralen Nervenader der Insel sowieso tabu. Eine Fahrrinne für regelmäßige Schiffsverbindungen gibt es nicht, einen Flugplatz schon gar nicht. Manche sprechen von einem besonderen Gefühl, dem Spiekeroog-Gefühl. Wer es eilig hat, der soll woanders hinfahren.

Doch hinter der malerischen Kulisse ist die Insel zum Spielball globaler Finanzströme geworden: Niels Stolberg, ein ganz Eiliger, hat sie mit der Insolvenz seines Firmen-Konsortiums in den Strudel gerissen. Und ein rettendes Ufer ist trotz allem Anschein von Normalität noch nicht in Sicht.

Wer die haarsträubende Geschichte hören will, der muss Bernd Fiegenheim besuchen. Fiegenheim - Sozialpädagoge, gepflegtes Mittelalter, rotes Hemd, schwarzes Jackett - ist der Bürgermeister der Insel. Aus seinem Bürofenster im ersten Stock des kleinen Rathauses am Westerloog schweift der Blick über den Rosengarten und hinüber zum Inselmuseum in einem niedlichen weißen Fachwerkhaus.

Doch Fiegenheim schaut nicht raus. Er deutet auf einen Plan des Dorfes im Gastgeberverzeichnis auf seinem Besprechungstisch. "Das Haus gehörte Stolberg, und dieses und dieses auch. Dieses steht gerade zum Verkauf. Das Angebot hängt im Schaufenster der Sparkasse - es war übrigens sein erstes." Das Problem sei nicht gewesen, dass der Mann investierte. Das Problem war, wie er es tat. Wie ein Rollkommando, fanden viele Eingesessene und hätten den Fremden am liebsten ins Hafenbecken geworfen.

Eines Tages im Jahr 2000 war Niels Stolberg auf die Insel gekommen. Der Reeder suchte eine Sommerfrische für die Familie und kaufte ein Haus. Doch auch auf Spiekeroog konnte er nicht ausspannen. Auf der Insel gebe es nach 21 Uhr nicht mal warme Küche, stöhnte der Mann von Welt, und die Ferienwohnungen erfreuten mit "Gelsenkirchener Barock". Das gehe doch besser, sagte er denen, die es hören wollten. Stolberg gründete die Vermögensverwaltung "Wundervolle Ferien" und kaufte, was zu haben war.

Drei von fünf Hotels gehörten bald ihm und insgesamt jedes zehnte Gästebett. Ganz neue Qualität sollte auf Spiekeroog erblühen - für zahlungskräftiges Publikum. "Spiekerooger Leidenschaft" hieß sein Vier-Sterne-Haus, "Künstlerherberge" ein weiteres Hotel. Dazu kamen Ferienwohnungen, die Buchhandlung "Inselzauber" und 2006 die Idee fürs "Künstlerhaus". Mit Kursen und Ateliers wollte der Geschäftsmann ganzjährig Gäste locken. Er holte Ulrich Wickert als Referenten und Jean Pütz und zweimal sogar für Opern-Aufführungen am Hafen das komplette Ensemble des Bremer Theaters. Das spielte vor der Kulisse des eigens hergeschleppten Geisterschiffs den "Fliegenden Holländer" - Stolberg lud die ganze Insel ein.

Nun sollte man sich darüber freuen und wohl auch artig bedanken. Aber mit dem "Fliegenden Holländer" ist das so eine Sache. Wer das Geisterschiff mit den blutroten Segeln zu Gesicht bekommt, der kann sich auf Unheil gefasst machen. Da machte Spiekeroog keine Ausnahme. Denn Stolberg machte nicht nur Geschäfte wie andere auch. Er machte sie zumindest hier ein bisschen so, wie er wollte. Die Insulaner nahm er nicht ernst. Ihre Gemeinde mit neun Angestellten ist eine der kleinsten in Niedersachsen. In dem Dorf mit 700 Seelen, umringt von der gegen jeden Eingriff geschützten Ruhezone des Nationalparks Wattenmeer, gibt es wenig Platz. Auf der Insel waren Hotels und Gastronomie deshalb zuvor nur so gewachsen wie es auch Quartiere für die zusätzlichen Mitarbeiter gab.

Stolberg sah das nicht ein. Sein Saisonpersonal pferchte er in eine Bretterbaracke zwischen Pferdestall und Klärwerk, und als er partout keine weiteren Unterkünfte für die bis zu 100 Leute fand, ließ er die übrigen Mitarbeiter mit der so genannten "Zickenflotte" jeden Morgen auf die Insel bringen und abends zurück aufs Festland. Dass die drei Boote ohne Rettungsinsel fuhren und ohne Kapitän, und dass sie somit kommerziell gar nicht fahren durften, störte den Groß-Reeder erst, als die Berufsgenossenschaft See sie an die Kette legte.

Auch örtliches Baurecht auf der Insel oder eine fehlende Ausschank-Konzession für sein Künstlerhaus empfand der Investor nicht als bindend. "Und als er kritische Worte zur Eröffnung des Künstlerhauses fürchtete, lud er mich einen Tag vorher aus", sagt Bürgermeister Fiegenheim kopfschüttelnd. Damit nicht genug: Stolberg zog am nächsten Tag eine der beiden Vermögensgesellschaften von der Insel nach Bad Zwischenahn ab. Dann gab es eben keine Gewerbesteuer.

Bald war die traute Inselgemeinde erbittert gespalten in Stolberg-Freunde und Stolberg-Gegner. Bei der Kommunalwahl 2006 scharten sie sich um zwei Listen. Einer der größten Kritiker war Georg Germis. Vom Rathaus führt der Weg zu ihm durch den Süderloog mit seinen schattigen Bäumen und den geduckten Backsteinbauten mit Cafés und Boutiquen darunter. Gleich vor der alten Inselkirche biegt man rechts ab und steht vor dem Hotel "Inselfriede".

"Der Dorfkern ist hübsch wie ein Museum", sagt Germis, Insel-Urgestein im offenen Polo-Hemd, Gemeinderat und Hotelier seit fast vier Jahrzehnten. In den 70er-Jahren habe man der Dorferneuerung widerstanden, wie sie die anderen Inseln mit breiten Straßen und hohen Häusern betrieben. Heute hat man ein Juwel. Man müsse sachte wachsen, findet Germis, dürfe nicht alles auf die hohe Kante legen. Er hatte schon vor Stolberg ein Schwimmbad im Keller und Vier-Sterne-Standard. "Aber es war doch Platz für alle da. Nur sollte Geld von der Insel auch auf der Insel bleiben. Und fair sollte man bleiben."

Ob Stolberg fair war oder die anderen einfach neidisch, ist nicht in jedem Fall zu sagen. Auch Hartmut Brings weiß da keine Antwort. Der Journalist versorgt die Insulaner und ihre Freunde im "Inselboten" regelmäßig mit neuesten Informationen. Auf seiner Veranda fallen ihm immer neue Episoden zu dem widersprüchlichen Wirbelwind ein. Der habe vielen Blumen zum Geburtstag geschickt, aber als er beim Dorffest 2009 seiner Kapelle nach Mitternacht nach der Ortssatzung Schweigen gebieten sollte, sei er auf die Bühne getreten und habe vor Hunderten gesagt: "Wir machen durch bis ein Uhr früh - koste es, was es wolle."

Es wurde der letzte große Tanz vor dem Morgengrauen. Dann begann der bekannte Absturz auf Raten. Die Übernahme der Beluga-Group durch den US-Finanzinvestor Oaktree und die Insolvenz haben im Frühjahr auch zur Insolvenz der Geschäfte auf Spiekeroog geführt. Jetzt fehlen plötzlich 400.000 Euro in der Gemeindekasse. Um Stolbergs Hinterlassenschaft kümmert sich jetzt Rechtsanwalt Michael Waculik aus Jever. Und jetzt kommt auch heraus, dass der schöne Schein auf der Insel letztlich ebenso auf Sand gebaut war wie die vollen Auftragsbücher der Reederei: Vor allem das Künstlerhaus ist mit einem hohen Millionenbetrag in den Miesen und - so Waculik - "wohl nicht zu retten". Seit Juni ist Schluss, die Mitarbeiter sind entlassen. Die Hotels liefen dagegen gut, auch wenn ihr Marktwert derzeit inakzeptabel sei und Waculik selbst gerade lieber Urlaub in Portugal macht. Die diffuse Leitung der Firmengruppe sei von Bremen auf die Insel verlegt worden. Damit sei man künftig besser aufgestellt. In einigen Jahren wolle er sie neu aufgestellt an einen neuen Investor verkaufen.

Tatsächlich sucht die "Spiekerooger Leidenschaft" im Internet noch immer Personal wie einen "Commis de cuisine" und einen "Chef de Rang". Auf der bodenständigen Insel klingt das schlicht überdreht. Journalist Brings ist jedenfalls nicht sicher, wie lange die Fassade hält. Stolbergs Spiekerooger Seetransporte SST befindet sich nämlich ebenfalls in Abwicklung, die "Zickenflotte" wurde abgezogen. Jetzt wohne Personal in den Appartements des geschlossenen Künstlerhauses. Was werde, wenn es dort keine Räume mehr gebe? In die Baracke beim Klärwerk wolle ein "Commis de cuisine" sicher nicht umziehen.

Im kleinen Inselrathaus, das man mit dem Stolberg-Geld aus der Gewerbesteuer jüngst von Feuchtigkeit befreite, grübelt Bürgermeister Fiegenheim ebenfalls darüber, wie es weitergehen soll. Ein anonymer Touristikkonzern könne die Insolvenz-Masse billig kaufen, fürchtet er. "Mit Stolberg konnte man wenigstens reden. Dann haben wir womöglich gar keinen Einfluss mehr." Auch wenn Kapitän Stolberg von Spiekeroog so plötzlich verschwand wie der geisterhafte "Fliegende Holländer" mit seinem unmäßigen Kommandanten, ist der letzte Ton in diesem Drama wohl noch nicht verklungen. Niemand weiß, ob es für die Insel als Operette endet oder als bittere Oper in moll. Das Dorffest jedenfalls gab es in diesem Sommer auch ohne Stolberg. Und um Mitternacht ging die Musik aus - für das Spiekeroog-Gefühl.

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