Auf Juist steigt die Nachfrage

Hochzeits-Boom wegen Lockerungen?

Weil die Corona-Infektionszahlen sinken, dürfen wieder mehr Menschen gemeinsam feiern. Strandhochzeiten auf Juist sind gefragt. Für Locations in ganz Niedersachsen ist die Lage aber noch alles andere als rosig.
12.06.2021, 08:28
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Von dpa
Hochzeits-Boom wegen Lockerungen?

Ein Brautpaar geht nach der Trauung am Strand von Juist entlang. Auf der Nordsee-Insel ist die Zahl der Eheschließungen stark angestiegen.

Matthias Balk / dpa

Der Terminkalender von Hochzeitsplanerin Christiane Schivelbein ist leer. Ein paar Termine trudeln bei ihr für nächstes Jahr ein, aber die Lockerungen in der Veranstaltungsbranche machen sich nicht bemerkbar. „Über jede Lockerung freue ich mich, weil Licht am Ende des Tunnels sichtbar ist, aber für dieses Jahr wird uns das praktisch nichts bringen“, sagt sie. Die Hochzeitsplanerin aus Hatten im Landkreis Oldenburg hat viele Gespräche mit Paaren geführt. Es mache sich mehr Frust als Erleichterung breit. „Jetzt gerade in der Hochzeitbranche tätig zu sein, macht keinen Spaß.“

Selbst für eine Feier mit zehn Personen habe sie einen sehr hohen Aufwand – allein wegen der Corona-Auflagen. Um die Pandemie-Zeit zu überbrücken, wurde Schivelbein aus Verzweiflung erfinderisch – wie viele ihrer Kollegen suchte sie sich einen anderen Job. „Ich kenne Kolleginnen, die angefangen haben, bei der Post zu arbeiten.“

Nicht nur die Wedding Planner sind betroffen, sondern die gesamte Branche. So hat das Virus auch Brautmodengeschäfte hart getroffen. „Wir merken, dass die Resonanz ein bisschen stärker wird, aber es ist kein Boom durch die Lockerungen eingetreten“, sagt Margret Hoeksma, Inhaberin von „Brautmode Prinzenstraße“ in Hannover. Viele Paare denken pragmatisch: Jetzt in Corona-Zeiten wird standesamtlich geheiratet, mit vielen Gästen gefeiert wird nach der Pandemie. Circa dreißig Jahre ist sie mit ihrem Brautmodengeschäft auf dem Markt. So eine Situation habe es noch nie gegeben, sagt Hoeksma.

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Viele Veranstaltungs-Locations profitieren nicht von den Lockerungen. Nach dem Stufenplan 2.0. der niedersächsischen Landesregierung sind private geschlossene Feiern mit bis zu 100 Personen in der Gastronomie erst bei einer Inzidenz unter 10 möglich. „Auf Schloss Marienburg werden eher große Hochzeiten gefeiert. Die Lockerungen sind deshalb für uns noch nicht so rosig und spürbar“, sagt Katrina Bläsig, Sprecherin der Welfenresidenz bei Hannover.

Anders ist es auf Juist. Die Nachfrage für Eheschließungen ist dem Standesamt der Nordsee-Insel zufolge in den vergangenen Wochen wieder enorm gestiegen, da seit einigen Wochen wieder Gäste nach Juist anreisen dürften. Ingo Steinkrauß, Standesbeamter auf Juist, berichtet, dass sich viele Paare einen Termin für 2022 sichern. In diesem Jahr könne das Standesamt nicht allen Anfragen gerecht werden. Laut Steinkrauß ist Juist der einzige Ort, an dem Strandhochzeiten unter freiem Himmel möglich sind.

Die Lockerungen könnten aber auch Leichtsinn wecken, meint der Standesbeamte. „Das Ordnungsamt und die Polizei werden in den nächsten Wochen sicher die vorhandenen Hygieneabstände stichprobenhaft kontrollieren müssen.“

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In Hannover haben die Lockerungen bisher keinen Heiratsboom ausgelöst. Die gleichbleibende Anzahl der Trauungen zeige aber, dass der Heiratswille - trotz Abstandsgebots und Personenbeschränkung - ungebrochen ist, sagt Stadtsprecher Udo Möller. Vor der Corona-Pandemie im Jahr 2019 seien es 1856 Trauungen in Hannover gewesen. Im Jahr 2020 hätten sich 1726 Paare getraut.

Der Bund deutscher Hochzeitsplaner beobachtet, dass aktuell wieder viele standesamtliche Trauungen angefragt werden. Doch davon profitierten nicht die Wedding Planner. „Die großen Feiern, die dann wiederum uns als Hochzeitsplaner betreffen, werden erst im Jahr 2022 und 2023 nachgeholt“, sagt Alexander Pohl, einer der Verbandssprecher. Der Hochzeitsplaner, der im Raum Aachen in Nordrhein-Westfalen arbeitet, hofft auf viele kurzfristige Feiern in der zweiten Jahreshälfte. Doch die Skepsis bleibt: „Irgendwann hat auch die euphorischste Braut keine Lust mehr, mit dieser Ungewissheit und Planungsunsicherheit zu leben.“

Die Herausforderungen in den vergangenen Monaten hätten zumindest die Branche zusammengeschweißt, sagt Pohl: „Es haben sich wieder engere Kontakte und Freundschaften aufgebaut.“ Durch den ständigen Austausch mit Kolleginnen und Kollegen habe niemand das Gefühl, allein zu sein mit der Situation. „Das war einer der wenigen schönen Aspekte dieser Zeit.“

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