Kein Schnee und zu hohe Temperaturen

Im Harz muss man sich wohl vom Wintersport verabschieden

Die Wetterumstände sorgen dafür, dass mitten im Januar noch keine Abfahrtpiste geöffnet hat. Mehr Natur- und Kulturangebote sollen nun die Attraktivität des Mittelgebirges für Touristen steigern.
11.01.2020, 20:22
Lesedauer: 4 Min
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Von Reimar Paul
Im Harz muss man sich wohl vom Wintersport verabschieden

Bei Temperaturen deutlich über dem Gefrierpunkt sind auf dem Wurmberg die Liftanlagen abgestellt.

Hauke-Christian Dittrich/DPA

Kein Schnee, dafür Regen und böiger Wind aus Südwest, bei sieben Grad über Null. In Braunlage, dem am höchsten gelegenen Wintersportgebiet des Harzes, waren die Bedingungen für Skifans auch in dieser Woche trostlos. Ski und Rodel schlecht beziehungsweise unmöglich: Das gilt auch für Schierke, Hahnenklee, den Sonnenberg oder Bad Sachsa. Keine der Abfahrtspisten in dem Mittelgebirge ist geöffnet, kein Meter Loipe für Langläufer ist gespurt. Die Liftanlagen stehen still, wie der Harzer Tourismusverband mitteilt. Und das Anfang Januar, mitten im Winter. Die Aussichten? Trübe. Allenfalls am übernächsten Wochenende, so der Deutsche Wetterdienst, könnte es in den Hochlagen des Harzes ein wenig Schnee geben.

Noch zu Beginn der 2000er-Jahre bedeckte dort über Monate eine dicke Schneedecke Berge und auch Täler. Nur selten stiegen die Temperaturen in diesem Zeitraum über minus fünf Grad. Die Skisaison dauerte von November bis April. Doch zuletzt fielen die Winter immer häufiger aus. Auch auf den Hängen des 971 Meter hohen Wurmbergs bei Braunlage fielen in den vergangenen Jahren erst sehr spät die ersten Flocken. Zumindest dort war einige Wochen lang Skifahren trotzdem möglich. Denn der Seilbahn-Betreiber verlässt sich seit sechs Jahren nicht mehr allein auf die ­Natur. Er setzt auf Kunstschnee aus Schneekanonen.

Schneekanonen helfen nur bedingt

Rund zehn Millionen Euro hat das Unternehmen in den vergangenen Jahren in den Ausbau dieses Skigebietes investiert. Zwei Millionen Euro schoss das Land Niedersachsen zu. Mit dem Geld wurden unter anderem neue Pisten und Lifte gebaut, unzählige Bäume für den Bau von Parkplätzen gefällt und an die 100 Schneekanonen errichtet. Neun Pisten können damit beschneit werden. Theoretisch. Denn auch die Schneekanonen und -lanzen entlang der Abfahrten brauchen passende Bedingungen für die Produktion von Kunstschnee, also Temperaturen um null Grad oder darunter. Immerhin konnte in der vergangenen Woche am Wurmberg ein bisschen gerodelt werden. Als das Thermometer für ein paar Tage auf drei Grad plus fiel, schalteten Mitarbeiter der Seilbahn-Gesellschaft an der Rodelbahn die Schneekanonen ein.

Dazu kommt: Die Kunstschnee-Produktion ist ökologisch äußerst fragwürdig. Schnee-­kanonen seien keine nachhaltige Lösung, argumentiert der Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND). Wenn die Hänge an einem Wochenende beschneit werden, komme am nächsten Montag wieder eine Wärmewelle „und alles ist weg“. Der Naturschutzbund (Nabu) wies jüngst auf andere Folgen für die Umwelt hin: Insgesamt wurden nach seinen Angaben für den Ausbau des Skigebietes rund 16,5 Hektar Wald gerodet. Davon entfielen allein 11,5 Hektar auf die Erweiterungen der Skipisten, ein Hektar auf die Fläche für den Speichersee, aus dem das Wasser für die Schneekanonen entnommen wird, und 3,5 Hektar auf die Erweiterung von Parkplätzen.

Millioneninvestitionen und Naturzerstörung: Ist Skifahren im Harz künftig nur noch unter diesen Bedingungen möglich? Außer auf dem Bocksberg bei Hahnenklee, wo acht Schneekanonen die sogenannte Familienabfahrt beschneien können, und im Skizentrum Hohegeiß, wo demnächst eine mobile Beschneiungsanlage angeschafft werden soll, deuten manche Zeichen auf Abschied vom Wintersport.

Nach 50 Jahren gab 2018 der Betreiber des Naturschnee-Skigebietes auf dem Sonnenberg auf. Die Gemeinde Walkenried im Südharz wollte im vergangenen Winter noch nicht einmal in einen neuen Bulli zum Spuren von Loipen investieren. Das bisher genutzte Fahrzeug war altersschwach und hätte mitten im Wald stehen bleiben können, hieß es.

Neue Wanderwege

Weil der Wintertourismus, über Jahrzehnte die Säule des Geschäfts, wegen des Klimawandels zusammenbricht, setzt bei Fremdenverkehrsstrategen ein Umdenken ein: Natur und Kultur werden jetzt mehr beworben. Der Harzklub hat begonnen, die Wanderwege zu entflechten und übersichtlicher zu gestalten. Das Angebot soll für Gäste überschaubarer und das Wandern in dem Mittelgebirge attraktiver werden, teilte der Verein mit. Zudem wurden neben Klassikern wie dem „Harzer-Hexen-Stieg“ und dem „Goetheweg zum Brocken“ neue Themenwanderwege erschlossen.

Beim „Harzer Klostersommer“ 2019 gab es mehr als 50 Konzerte, Führungen, Feste und andere Veranstaltungen. Das Krimi-Festival „Mordsharz“ ging mit einem guten Dutzend Lesungen, die teils in Bergwerken oder an anderen „gruseligen“ Orten stattfanden, in die siebte Saison. Derzeit lockt der „Harzer Kulturwinter“ mit Theater, Konzerten und Kerzenscheinführungen in Klöster und andere alte Gemäuer.

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Auch die Klimakrise selbst soll den Fremdenverkehr beleben. Beim Harzer Tourismustag im Herbst wurde die Kampagne „Der Wald ruft!“ vorgestellt. Statt den Urlaubern den Zustand der durch Stürme und Borkenkäfer massiv geschädigten Wälder zu verschweigen, sollen Harz-Reisende bereits vor dem Start im Internet, mit Flyern und in Broschüren darauf vorbereitet werden, welcher Anblick sie erwartet.

Ein Beispiel: Im Nationalpark Harz, der mit rund 250 Quadratkilometern etwa zehn Prozent der Gesamtfläche des Gebirges umfasst, werden umgestürzte und abgestorbene Bäume oft nicht mehr entfernt. Was für manche Besucher ein ungewohnter Anblick sein mag, mache aus ökologischer Sicht Sinn, sagt Nationalpark-Sprecher Friedhart Knolle. Das Totholz bleibe soweit wie möglich im Wald und biete so zahlreichen Tieren Nahrung und Unterschlupf. Wer genau hinschaue, könne selbst im scheinbar toten Wald überall Leben entdecken. „Nutzen Sie die seltene Gelegenheit, einer neuen Wildnis beim Wachsen zuzuschauen“, appelliert die Nationalparkverwaltung an Besucher.

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