Deichschutz auf der Insel: Jäger rücken Kaninchen mit tierischer Unterstützung auf den Pelz

In den Dünen wird frettiert

Norderney/Aurich. Für viele sind sie possierliche Tiere. Auf der Insel Norderney gelten Kaninchen als Plage.
24.11.2016, 00:00
Lesedauer: 3 Min
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In den Dünen wird frettiert
Von Justus Randt

Norderney/Aurich. Für viele sind sie possierliche Tiere. Auf der Insel Norderney gelten Kaninchen als Plage. „Dauerproblematisch“ nennt Heinz Gronewold von der Jagdbehörde des Landkreises Aurich das Verhältnis der Inselbewohner zu den Langohren, und in seinem Zuständigkeitsbereich trifft das auch auf Juist und Baltrum zu. Das Mitleid mit den Kaninchen hält sich in Grenzen, wenn es ihnen an den Kragen geht.

„Nur auf Spiekeroog und auf Langeoog, da gibt es mehr Feldhasen als Kaninchen. Warum auch immer das so ist“, sagt Wilke Siebels, der langjährige Auricher Kreisjägermeister, der auch dem Vorstand der Landesjägerschaft Niedersachsen angehört. Die große Zahl der Kaninchen geht der Insel an die Substanz. Sie unterhöhlen die Inselschutzanlagen. Die Deiche leiden, aber auch die Dünen und die Vegetation auf der Insel. Das betrifft nicht nur die Gärten der Insulaner. Insgesamt hat die Jägerschaft im Kreis während des Jagdjahrs 2015/2016 rund 3500 Kaninchen erlegt, in den Jahren zuvor haben Jäger mal 100 oder auch 200 Kaninchen mehr zur Strecke gebracht.

Nur 2012/2013 waren es weniger: Exakt 1601 listet die Statistik auf. Die Myxomatose, die Kaninchenpest, hatte den Bestand dezimiert. In der laufenden Saison sieht es offenbar ähnlich aus: Diesmal ist es die Hämorrhagische Kaninchenkrankheit, die auf Norderney ebenso um sich greift wie auf dem Festland, wo Kaninchen laut Wilke Siebels „schon lange nicht mehr bejagt“ worden sind.

Bestände durch Seuche dezimiert

Jürgen Vißer, Umweltamtsleiter bei der Stadt Norderney, schätzt, dass in normalen Jahren allein auf Norderney 3000 Kaninchen erlegt werden. Selbst jetzt, da die Kaninchenbestände durch die Seuche dezimiert sind, seien die Tiere „durchaus präsent“, stellt er fest: „Von meinem Wohnzimmerfenster aus kann ich sie sehen, bestimmt zehn pro Quadratmeter. Das Problem beschränkt sich nicht nur auf die Brennpunkte alter Fliegerhorst und Friedhof.“

Kaninchen machen nicht nur der Insel schwer zu schaffen, sondern bereiten auch ihren Jägern Kopfzerbrechen: Wenn nicht gerade eine Krankheit grassiert, haben die Tiere kaum natürliche Feinde auf den Inseln. „Da sind keine Füchse, kaum Greifvögel“, gibt Kreisjägermeister Wilke Sie­bels zu bedenken. „Auf der Insel herrscht ja sowohl im Sommer als auch im Herbst und zu Weihnachten starker Publikumsverkehr. Die Kaninchen sind aber überall, nicht nur im Außenbereich, sondern auch in bewohnten Gebieten, wo die Jagd mit der Flinte schwierig ist.“

Dass die Waidleute auf den Inseln unter besonderer Beobachtung von Touristen stehen, macht die Sache nicht einfacher. „Da geht es schließlich auch um das Image der Jäger“, sagt Siebels. Das habe die Jagd auf Damwild gezeigt, das sich mit Vorliebe am Friedhof aufgehalten und auf der Suche nach Fressbarem auch vor Grabschmuck nicht Halt gemacht habe. Immer wieder sei auch der Verdacht geäußert worden, die Tiere würden angefüttert. Mittlerweile gibt es einen neuen Zaun, der zwar den Hirschen, nicht aber den Kaninchen Einhalt gebieten kann.

Jagdpächter Klaus Harms setzt schon lange auf Falkner, die den Langohren mit Hilfe ihrer Vögel ans Fell gehen. Kostbare Falken kommen dabei allerdings nicht zum Einsatz. „Vor allem sind es Habichte, die da eingesetzt werden“, sagt Harms. Die sogenannte Beizjagd gebe es auf Norderney seit mindestens 40 Jahren. Das gilt im Übrigen auch für die Jagd mit Frettchen, denen ein Maulkorb übergestreift wird, ehe sie in die Baue geschickt werden, um Kaninchen aufzuscheuchen. „Dann wird geschossen, da muss man allerdings schnell sein“, sagt Siebels. „Das Frettieren geht sehr gut in den Dünen.“

Leiches Graben im sandigen Boden

Aber nicht nur dort finden Kaninchen sandigen Boden, in dem sich viel leichter als in Kleiboden graben lässt. Sehr zum Leidwesen von Klaus Harms, der einen Campingplatz gleich hinterm Grohdepolderdeich betreibt und sich darüber ärgert, dass das rund 90 Jahre alte Bollwerk, anders als der angrenzende Südstrandpolderdeich, „immer noch einen Sandkern hat und außerdem noch nicht erhöht wurde, wie wir es schon lange fordern“. Die Kaninchen tummelten sich munter dort in ihren Bauen, beobachtet Harms. „Schon deshalb bejage ich dort intensiv, ich habe schließlich selbst großes Interesse an intakten Deichen.“

Zu deren Schutz hat der Niedersächsische Landesbetrieb für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz (LWKN) unter anderem am östlichen Teil des Grohdedeiches Kaninchenschutzzäune errichtet. „Ein solcher Zaun ist für das kommende Frühjahr auch am Grohdedeichsiel vorgesehen“, sagt NLWKN-Sprecher Achim Stolz. Zur Sicherung des Deichfußes seien bereits der Binnenringgraben erneuert und die Gräben vor und hinter dem Deich verbreitert worden.

Zu normalen Zeiten, wenn die Kaninchenpopulation gesund und groß ist, sagt Wilke Siebels, würden die auf Baltrum erlegten Tiere an Hotel- und Gastronomiebetriebe in Nordrhein-Westfalen geliefert. „Die von Juist und Norderney wohl auch, die werden eigentlich alle verwertet.“

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