Niedersachsen legt Unfallstatistik 2020 vor

So wenig Verkehrstote wie nie

Im Corona-Jahr 2020 ist die Zahl der Unfälle und Verkehrstoten in Niedersachsen auf einen Rekordwert gesunken. Die Gesamtzahl aller polizeilich registrierten Verkehrsunfälle sank um 15,2 Prozent.
13.04.2021, 21:27
Lesedauer: 3 Min
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So wenig Verkehrstote wie nie
Von Peter Mlodoch
So wenig Verkehrstote wie nie

In Niedersachsen ist die Zahl der Verkehrstoten im Jahr 2020 um 15 Prozent zurückgegangen.

Julian Stratenschulte/DPA

Hannover. Sogenannte Baumunfälle trüben die Bilanz. Weil im Corona-Jahr 2020 auf den Straßen nicht mehr so viel los war, ging zwar die Zahl der Verkehrstoten in Niedersachsen insgesamt um 15 Prozent auf 370 deutlich zurück. Aber fast ein Drittel davon − vor allem jüngere Leute – verlor das Leben bei einem meist selbst verursachten Aufprall gegen einen Baum. Die Tendenz ist steigend. Im Vorjahr betrug der Anteil noch ein Viertel. Auffällig: Die meisten Todesopfer waren männlich und allein unterwegs. Experten vermuten zu schnelles Fahren und Ablenkung durch einen Blick aufs Handy als Hauptursache.

„Das zeigt: Zu hohes Tempo und auch nur sehr kurze Unaufmerksamkeit sind lebensgefährlich“, sagte Innenminister Boris Pistorius (SPD) bei der Präsentation der polizeilichen Unfallstatistik 2020 am Dienstag in Hannover. Welche Rolle Ablenkung durch Smartphones tatsächlich spiele, könne man noch nicht genau sagen. Die Erfassung und Auswertung entsprechender Daten erfolgten bundeseinheitlich erst ab diesem Jahr.

Der Ressortchef kündigte eine landesweite Präventionskampagne an. 2014 war bereits ein dreijähriges Modellprojekt zu Baumunfällen in den Landkreisen Cuxhaven, Emsland, Friesland, Hildesheim, Osnabrück und Osterholz gestartet worden: Die Zahl der Getöteten und Schwerverletzten ging im Untersuchungszeitraum um 34 Prozent zurück, stieg aber 2020 wieder an. Sorgen bereiten der Polizei auch die Elektrofahrräder. Zwar ging die Zahl der getöteten Radfahrer von 73 auf 51 zurück, der Anteil der betroffenen Pedelecfahrer stieg mit 22 Todesopfern aber auf 43 Prozent. „Viele unterschätzen schlicht die Gefährlichkeit der leicht zu erreichenden Geschwindigkeiten“, warnte Pistorius. „Je schneller man mit dem Pedelec fährt, desto kürzer ist die Reaktionszeit. Das scheint insbesondere den Älteren Probleme zu bereiten“, meinte der Minister mit Blick auf die Statistik: 17 der 22 im vergangenen Jahr getöteten Pedelec-Piloten waren demnach älter als 65 Jahre. Und in 82 Prozent aller tödlichen Pedelec-Unfälle waren deren Fahrer die Hauptverursacher.

Über die Hälfte aller getöteten Radfahrer trug keinen Helm. Eine Pflicht zum Tragen eines Kopfschutzes lehnte der Innenminister aber ab. „Ich bin persönlich kein Anhänger der Helmpflicht.“ Um das genau beurteilen zu können, müsse man zunächst die Art der tödlichen Verletzungen statistisch erfassen. „Ich bin mir aber nicht sicher, ob uns eine Helmpflicht wirklich weiterhilft.“

Grünen-Verkehrsexperte Schulz-Hendel forderte, Radwege in Niedersachsen „mit mehr Elan“ auszubauen und sicherer zu gestalten. Außerdem rief der Landtagsabgeordnete die Regierung in Hannover dazu auf, den Widerstand gegen ein Tempolimit auf Autobahnen und Landesstraßen aufzugeben − und sich im Bundesrat dafür starkzumachen. Die rückläufige Zahl der Verkehrstoten sei zwar erfreulich. „Das darf aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass diese Entwicklung eine vorübergehende Momentaufnahme ist und zu einem überwiegenden Teil auf die Einschränkungen in der Corona-Pandemie zurückgeht.“

Die Gesamtzahl aller polizeilich registrierten Verkehrsunfälle in Niedersachsen sank 2020 um 15,2 Prozent auf 184.844. Rückgänge gab es auch bei den Schwerverletzten von 6140 auf 5260 sowie um 16,9 Prozent bei den Leichtverletzten auf 29.745. „Die Corona-Pandemie verändert vieles, das gilt auch für die Mobilität und insbesondere für die Verkehrsunfälle“, sagte Pistorius. So sei wegen des Homeschoolings auch die Zahl der Schulweg-Unfälle gesunken. Zwar gab es nie zuvor so wenig Todesopfer auf Niedersachsens Straßen. „Das ist aber keine gute Botschaft, denn das sind immer noch 370 Menschen zu viel, die ihr Leben verloren haben“, mahnte der Minister. Die wichtigsten Ursachen tödlicher Unfälle waren laut Polizei zu schnelles Fahren, Missachtung der Vorfahrt, Fehler beim Überholen und Abbiegen sowie zu wenig Abstand. Technische Defekte seien dagegen so gut wie nie schuld.

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