Niedersachsen

Inseln droht Trinkwassermangel

Langeoog. Nicht nur in Halbwüsten droht weitere Wüstenbildung. Auch die Ostfriesischen Inseln könnten in wenigen Jahrzehnten auf dem Trockenen sitzen. Durch den steigenden Meeresspiegel könnte Salzwasser in die Süßwasserblasen eindringen.
10.06.2013, 05:00
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Von Martin Wein
Inseln droht Trinkwassermangel

Unter der Insel Langeoog lagern einige Millionen Kubikmeter Trinkwasser. Der ansteigende Meeresspiegel kann die Wasserlinsen nach Ansicht von Wissenschaftlern gefährden.

Klaus Kremer

Langeoog. Nicht nur in Halbwüsten droht durch den Klimawandel weitere Wüstenbildung. Auch die Ostfriesischen Inseln könnten in wenigen Jahrzehnten auf dem Trockenen sitzen. Durch den steigenden Meeresspiegel könnte Salzwasser in die empfindlichen Süßwasserblasen eindringen. Ein Forschungsprojekt der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR) sucht im Süßwasser Langeoogs nun nach Spuren des vom Menschen gemachten Klimawandels.

Thomas Himmelsbach liebt Milchkaffee – unten schön aromatisch, oben schaumig-mild. Das Gleichgewicht bleibt so lange bestehen, bis der Fachbereichsleiter für Grundwasserressourcen bei der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR) den Löffel in die bauchige Tasse steckt und kräftig umrührt. So ähnlich müsse man sich vorstellen, was den Grundwasservorkommen der Ostfriesischen Inseln droht, erklärt der Wissenschaftler. Wie in der Kaffeetasse schwimmt nämlich im Boden Langeoogs weniger dichtes, leichtes Regenwasser auf dem schwereren salzigen Grundwasser.

Die drei Süßwasserlinsen sind schätzungsweise einige Millionen Kubikmeter groß und werden durch Niederschläge regelmäßig aufgefüllt. Doch das Gleichgewicht ist fragil, denn grundsätzlich sind Süß- und Salzwasser durchaus mischbar. Deshalb fördert der Oldenburgisch-Ostfriesische Wasserverband (OOWV) das benötigte Trinkwasser für die Insulaner und ihre 220000 Übernachtungsgäste im Jahr sehr vorsichtig aus 18 flachen Brunnen im Pirolatal. Mit Hilfe des stattlichen Wasserturms in den Dünen über dem Inseldorf kommt so seit über einem Jahrhundert zuverlässig Trinkwasser aus allen Wasserhähnen in der Inselgemeinde.

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Nun plant natürlich niemand, mit einem überdimensionierten Kaffeelöffel durch Langeoogs Untergrund zu rühren. Wenn mit dem weltweiten Anstieg der Temperaturen die Festlandgletscher schmelzen und das Meerwasser sich ausdehnt, geraten die Süßwasserreserven der Inseln allerdings durch den steigenden Meeresspiegel akut in Bedrängnis. "Das Salzwasser in den Dünenrändern quetscht sie dann seitlich und von unten zusammen. Bei schwereren Sturmfluten könnte Salzwasser in die Süßwasserlinsen eindringen. Sie wären auf Jahrzehnte unbrauchbar", fürchtet Himmelsbach. Ein Anstieg um 20 Zentimeter bis 2050 – viele Wissenschaftler fürchteten deutlich Schlimmeres – könne ausreichen, das labile Gleichgewicht aus Neubildung und Wasserentnahme zu zerstören. "Dieser Prozess ist praktisch nicht mehr umkehrbar und führt im schlimmsten Fall zum Zusammenbruch der Wasserversorgung. Es dauert dann viele Jahrzehnte oder sogar Jahrhunderte, um die Süßwasserlinse wiederherzustellen", warnt Himmelsbach.

Gemeinsam mit Experten des Landesamtes für Bergbau, Energie und Geologie (LBEG) und der Universität Bremen erkundet er deshalb seit letztem Herbst, welche Vorräte an Süßwasser im Boden der Insel lagern und wie sie beschaffen sind. Die Größe der Linsen wurde bereits durch geoelektrische und elektromagnetische Messungen mit dem BGR-Hubschrauber "Sikorsky S-76B" bestimmt. In den vergangenen Tagen haben die Experten nun Messungen zur Neubildungsmenge an Grundwasser, zur Ausdehnung der Süßwasserlinse, der chemischen Zusammensetzung des Grundwassers, der Altersschichtung sowie der Versickerungsrate des Wassers in den Dünensanden vorgenommen. Die Ergebnisse sollen auch zeigen, welche Spuren der Klimawandel seit Beginn der Industriellen Revolution in den letzten 100 Jahren in den verschiedenen Wasserschichten hinterlassen hat. Vor allem aber soll berechnet werden, ob der OOWV mit derzeit rund 330 000 Kubikmetern Wasser im Jahr langfristig nicht zu viel Wasser abpumpt, um bei steigendem Meeresspiegel die Stabilität der Wasserlinsen nicht zu gefährden.

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Auch auf andere Inseln und Küstenstriche weltweit sollen die Erkenntnisse übertragbar sein. Während beispielsweise Langeoogs Nachbarinsel Baltrum bereits mit einer Fernwasserleitung vom Festland aus versorgt wird, müssten viele Inseln in Entwicklungsländern wohl aus Kostengründen aufgegeben werden, sobald sie ihr Trinkwasserreservoir verlieren.

Die Geschichte lehrt, dass die Wissenschaftler keine theoretische Gefahr beschwören. An Weihnachten 1717 hatte eine Sturmflut Langeoog in zwei Teile gespalten. Dabei brach Salzwasser auch in die Süßwasserlinse ein. Himmelsbach: "Zwar wurde die Insel durch einen Dammbau später wieder vereinigt. An der Bruchstelle hat sich die Süßwasserlinse aber bis heute nicht erholt."

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