Interview mit Forstwissenschaftler

Ole Anders: „Der Luchs ist hier angekommen“

Seit dem Jahr 2000 leben im Harz wieder Luchse in freier Wildbahn. Die Population hat sich gut entwickelt, sagt der Luchsexperte Ole Anders.
22.06.2020, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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Von Reimar Paul
Ole Anders: „Der Luchs ist hier angekommen“

Vor rund 200 Jahren wurde im Harz der letzte Luchs geschossen. Heute locken Luchse Touristen dorthin, sagt der Forstwissenschaftler Ole Anders.

privat
Herr Anders, vor 20 Jahren wurden Luchse im Harz ausgewildert. Wie hat sich die Population entwickelt?

Ole Anders: Wir haben hier im Harz eine sehr vitale Population. Der gesamte Harz ist von Luchsen besiedelt.

Was heißt das in Zahlen?

Wir können das nur schätzen, wir können die Luchse ja nicht durchzählen. Aber mit Wildkameras haben wir im ganzen Harz Luchse fotografiert. Danach haben wir hier etwa 55 selbstständige Luchse – also Luchse, die nicht mehr hinter ihrer Mutter herlaufen. Dazu kommen ungefähr 35 Jungtiere, insgesamt sind rund 90 Luchse im Harz unterwegs.

Haben Sie das damals erwartet?

Kein Mensch wusste, ob das Vorhaben einen guten Verlauf nimmt oder scheitert. Viele Experten haben uns damals wenig Hoffnung gemacht. Auch weil der Harz als eine Waldinsel galt in einer intensiv genutzten Kulturlandschaft mit wenig Bäumen. Und die Frage war: Schaffen wir hier nicht letztlich nur eine kleine isolierte Population im Nirgendwo, sozusagen Tierparkhaltung auf großer Fläche? Im Bayerischen Wald werden Luchse trotz strengen Verbotes gejagt und die Kadaver teils Umweltschützern vor die Tür gelegt. Wie wurden und werden die Luchse hier von den Menschen akzeptiert? Anfangs gab es schon Befürchtungen. 2000 gab es in Deutschland praktisch noch keine Wölfe, da galt der Luchs als großes Raubtier. Wir bekamen mal einen Brief, in dem stand, wir kommen jetzt nicht mehr in den Harz, das ist uns zu gefährlich.

Ole Anders Koordinator Luchsprojekt Harz Nationalparkverwaltung Harz

Ole Anders Koordinator Luchsprojekt Harz Nationalparkverwaltung Harz

Foto: Privat
Die Stimmung hat sich aber gedreht?

Ja. Wir haben viel Öffentlichkeitsarbeit gemacht und kamen uns vor wie Wanderprediger, die von Veranstaltung zu Veranstaltung gezogen sind. Heute können wir sagen: Die Luchse haben eine sehr hohe Akzeptanz.
Der Luchs ist mittlerweile so eine Art Maskottchen für die Region. Er steht in Schaufenstern, Firmen machen damit Werbung. Heute
kommen Menschen in den Harz, weil es hier Luchse gibt. Also, der Luchs ist hier ange­kommen.

Und es gab nie Probleme?

Doch. Der Luchs frisst nun mal Rehe, das wird sich auch nie ändern. Und gelegentlich frisst er auch ein Schaf, da steckt ein gewisses Konfliktpotenzial drin.

Kann man denn mal einen Luchs in freier Wildbahn treffen?

Möglich ist es, aber man kann es nicht planen.

Haben Sie schon einen gesehen?

Ich habe schon viele gesehen, aber meistens in Situationen, die konstruiert waren. Aus reinem Zufall heraus hat es zwölf Jahre gedauert, bis ich einen gesehen habe.

Wie viele Luchse haben den Harz schon verlassen und sich anderswo niedergelassen?

Das ist in Zahlen kaum zu bemessen. Wir können nur die zählen, die irgendwo angekommen sind. Andere werden unterwegs überfahren und verenden irgendwo im Wald, die tauchen in keiner Statistik mehr auf. Es gibt inzwischen Luchs-Nachweise in den meisten Bundesländern. Und auch in mehreren Gebieten, etwa im Solling und im Westerhöfer Wald in Niedersachsen, eine nachgewiesene Reproduktion. Eigentlich ist das eine positive Entwicklung, aber es gab auch Rückschläge. 2010 gab es im Kaufunger Wald in Hessen Luchse mit mehreren reproduzierenden Tieren, und dann ist der Bestand innerhalb kurzer Zeit auf null zusammengebrochen.

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Wie werden Luchse nachgewiesen außer durch Fotofallen?

Die Basis sind Zufallsbeobachtungen, Sichtungen. Wir sammeln alles, was von Spaziergängern, Förstern oder Jägern gemeldet wird. Dann können wir mit unseren Kameras in das Gebiet gehen. In den vergangenen Jahren hat sich das genetische Monitoring sehr stark etab­liert. Das heißt, dass wir Kot oder Tierhaare untersuchen lassen. Der BUND hat kürzlich festgestellt, dass es drei größere Kernvorkommen – Harz, Bayrischer Wald, Pfälzer Wald – gibt, aber keine Vernetzung. Und dass eine genetische Schwächung droht, wenn es nicht gelingt, die Populationen zu vernetzen. Die Population im Pfälzer Wald ist noch sehr jung und wird sich erst mal nicht ausbreiten. Dasselbe gilt wegen der illegalen Nachstellungen auch für die Luchse im Bayrischen Wald. Die Harzer sind derzeit die Aktivposten. Wir haben die höchste genetische Diversität aller wieder angesiedelten Luchs­populationen in Europa. Es gibt also keine akute Gefahr. Aber klar, mit jeder Generation nimmt die ­Diversität ab. Und deshalb brauchen wir auf lange Sicht die Vernetzung, nur dann können wir diese Vorkommen sichern.

Wie kann das geschehen?

Die Tiere müssen wandern. Einige tun das. Einzelne Männchen aus dem Harz haben auch schon mal 300 Kilometer zurückgelegt, da müssen wir eine Regelmäßigkeit erreichen.

Wie denn?

Eine Möglichkeit ist, dass sich Luchse zwischen den drei genannten Luchs-Gebieten ansiedeln. Das würde aber großen, auch politischen Vorlauf benötigen und erscheint als kurzfristige Lösung deshalb fraglich. Die andere Möglichkeit ist, dass die Tiere das auf ihren eigenen Pfoten realisieren. Und durch Tierkorridore über die Bundesstraßen und Autobahnen geleitet werden. Und auch einen Waldverbund haben. Der Luchs braucht und sucht den Wald. Wenn er aus dem Wald ­heraustritt, dann guckt er erst mal, wo sind die nächsten Bäume. Da wäre ein dickes Brett zu bohren in unserer intensiv genutzten Landschaft. Aber wir müssen versuchen, dieses Brett zu bohren.

Im Harz gibt es bislang keine Wölfe. Wenn welche kommen, würden die sich mit den Luchsen vertragen?

Es gibt weltweit Regionen, in denen beide Tierarten vorkommen. Insofern hätte ich da keine Bedenken. Klar, bei Kontakt mit einem Wolfsrudel kann ein Luchs schon mal unter die Räder kommen. Aber solange da ein Baum in der Nähe ist, kann er auch entkommen. Aus Weißrussland gibt es aktuell Berichte, dass ein Luchs einen Wolf so schwer verletzt hat, dass der eingegangen ist.

Sie haben also keine Bedenken, wenn der Wolf in den Harz kommt?

Na ja, wir hätten hier eine andere Diskussion, eine hoch emotionale und teils irrationale Diskussion. Ich habe überhaupt nichts gegen Wölfe, ich bin nur nicht scharf auf so eine Auseinandersetzung.

Sie begleiten und beobachten die Luchse seit dem Jahr 2000. Hätten Sie sich damals vorstellen können, dass das 20 Jahre Ihr berufliches Thema bleibt?

Für mich ist es nach wie vor der persönliche Sechser im Lotto. Ja, ich hätte mir damals vorstellen können, dass ich das 20 Jahre mache, aber nicht, dass ich das 20 Jahre lang machen darf.

Das Gespräch führte Reimar Paul.

Info

Zur Person

Ole Anders

ist Forstwissenschaftler. Er begleitet und koordiniert seit nunmehr
20 Jahren das Projekt
zur Wiederansiedlung
des Luchses
im Nationalpark Harz.

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