Landkreis und Staatsanwalt leiten Untersuchung ein

Jäger ködert Wolf mit totem Reh

Barnstorf·Hannover. Die wilde Wölfin aus dem Grenzgebiet der Landkreise Diepholz und Vechta beschäftigt einmal mehr die Behörden: Jetzt stehen ein Barnstorfer Jagdpächter und sein Jagdaufseher im Verdacht, auf unzulässige Weise mit Wölfen experimentiert zu haben.
16.01.2016, 00:00
Lesedauer: 3 Min
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Jäger ködert Wolf mit totem Reh
Von Justus Randt
Jäger ködert Wolf mit totem Reh

Der Wolf sorgt für Verunsicherung.

Julian Stratenschulte, dpa

Die wilde Wölfin aus dem Grenzgebiet der Landkreise Diepholz und Vechta beschäftigt einmal mehr die Behörden: Jetzt stehen ein Barnstorfer Jagdpächter und sein Jagdaufseher im Verdacht, auf unzulässige Weise mit Wölfen experimentiert zu haben.

Die Staatsanwaltschaft Verden bestätigt lediglich, dass sie derzeit Strafanzeigen in der Angelegenheit prüfe. Christian Berge, Wolfshundzüchter und Volljurist aus Buchholz, war im Internet auf Jagdpächter Egon Schumacher und dessen Jagdaufseher aufmerksam geworden. Die beiden hatten ein bereits totes Reh – laut Schumacher von einem Wolf gerissen – ein Stück vom Fundort entfernt als Köder für die Wölfin ausgelegt, mit einer Wildkamera in unmittelbarer Nähe. Der Jagdpächter wollte den Nachweis führen, dass seit anderthalb Jahren „ein und dieselbe Wölfin immer wieder kommt und sich auffällig den Dörfern und den Leuten nähert“.

Tatsächlich tappte ein Wolf in die Fotofalle. Schumacher sieht sich bestätigt. „Ich bekomme am laufenden Band Anrufe von verängstigten Menschen“, sagt er. Schließlich handle es sich um „eine übermäßig starke Wölfin“, die auch zwei Meter hohe Schutzzäune überspringe. „Wenn gar nichts hilft, muss man das Tier in letzter Konsequenz erschießen. Da ist ein Gefahrenpotenzial.“

Christian Berge, selbst ernannter Anwalt der Wölfe, erstattete Anzeige. „Mein Ziel ist die Aufklärung. Es handelt sich ja laut Bundesnaturschutzgesetz nicht erst um eine Straftat, wenn ein Wolf erschossen wird. Es ist auch verboten, den Tieren nachzustellen.“ In der Gegend um Goldenstedt (Landkreis Vechta) und Bassum, Twistringen und Barnstorf (Landkreis Diepholz) „wird ja zunehmend gegen die Problemwölfin gewettert“, sagt Berge. Er sieht im Wolf „den König der deutschen Wälder“ und vertritt die Ansicht: „Es ist gut, dass das Umweltministerium standhaft ge-

blieben ist, der bequeme Weg ist nicht der bessere Weg.“

Die CDU-Landtagsfraktion hatte vor Monaten die „umgehende Entnahme“ des Tieres aus der freien Wildbahn gefordert, weil die Fähe innerhalb eines Jahres etwa

100 Schafe in den beiden Kreisen getötet oder verletzt haben soll. Das niedersächsische Umweltministerium verwies auf den strengen Schutz des Wolfes und darauf, dass eine Entnahme – nicht die Tötung – der Wölfin die letzte Möglichkeit sei.

„Ob es sich um eine Straftat oder eine Ordnungswidrigkeit handelt, ist unklar“, sagt Staatsanwalt Lutz Gaebel. Abgesehen vom „Verstoß gegen das Datenschutzgesetz, weil eine Kamera aufgestellt worden ist“, sei das Ganze „juristisches Neuland“, glaubt Christian Berge, der besonders einen Aspekt hervorhebt: „Seit Jahren schon wird darüber aufgeklärt, dass wilde Wölfe keinesfalls vom Menschen angefüttert werden dürfen.“ Genau das sei aber geschehen, indem der Rehkadaver ausgelegt worden sei.

Darauf ist zwischenzeitlich auch der Naturschutzbund Nabu eingestiegen. Holger Buschmann, der niedersächsische Landesvorsitzende, befürchtet, dass ein angefütterter Wolf beginnen könne, die Nähe des Menschen nicht mehr zu meiden, sondern gezielt zu suchen. „Deshalb ist eine Fütterung auch zum einmaligen Anlocken strikt zu unterlassen und muss Konsequenzen haben.“ Welche sagt Buschmann jedoch nicht.

Jagdpächter Egon Schumacher, gegen den ermittelt wird, beruft sich auf das Einverständnis des vom Landkreis Diepholz eingesetzten Wolfsberaters Marcel Holy. Der versteht die Aufregung nicht und hält das Vorgehen im Zusammenhang mit dem Wolfsmonitoring für „normal“ – wenngleich die Spuren an dem toten Reh „deutlich auf einen Fuchs“ gedeutet hätten.

„Wir haben den Kadaver genutzt, um den Wolfsnachweis zu erbringen“, räumt Holy ein. „Uns beschäftigt die Frage, ob die Wölfin einen Partner hat, das hat Priorität. Schließlich könnte das bedeuten, dass im Frühjahr mit Welpen zu rechnen ist. Das ist wichtig, wenn es ums Fangen oder Besendern der Fähe geht.“ Natürlich sei der Wolf auf dem Foto nicht zu identifizieren gewesen. „Aber es hätten ja auch zwei Tiere drauf sein können, dann wäre alles klar gewesen.“

Jagdpächter Schumacher und Wolfsberater Holy verwahren sich gegen den Vorwurf, sie könnten menschliche Witterung am Köder hinterlassen haben, als sie das tote Reh bewegten. „Das Tier wurde nur kurz mit Einmalhandschuhen angefasst“, sagt Holy. „Die ganze Landschaft riecht nach Mensch – der Wolf ist ständig mit Menschengeruch konfrontiert.“

Die Landesjägerschaft Niedersachsen hält den Einsatz von Wildkameras an Orten, an denen gerissene Tiere aufgefunden wurden, für eine „übliche Maßnahme“, sagt Verbandssprecher Florian Rölfing. „Diesen Vorgang in einen Zusammenhang mit regelmäßigem Anfüttern beispielsweise durch Speisereste zu bringen, geht aus unserer Sicht fehl.“

Der Niedersächsische Landesbetrieb für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz (NLWKN), bei dem das Land Niedersachsen sein Wolfsbüro angesiedelt hat, kennt den Fall – der „aus Sicht des Wolfsmanagements als ordnungsgemäß“ bewertet werden könne. Dass tote Wildtiere aus der Nähe von Straßen entfernt werden, sei aus Sicherheitsgründen „übliche Praxis“

Seit die Staatsanwaltschaft den Fall untersucht, lässt Detlef Tänzer, als Fachdienstleiter beim Landkreis Diepholz auch für Naturschutz zuständig, die Lage prüfen. Die Behörden-Ressorts sollen eine Einschätzung sowohl der naturschutz- als auch der veterinär- und strafrechtlichen Lage erarbeiten.

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