20 Jahre JVA Oldenburg

Volle Härte im „Alcatraz des Nordens“

Auch nach 20 Jahren ist die JVA Oldenburg immer noch ein Mustergefängnis in Deutschland. Ein Einblick in das „Alcatraz des Nordens“.
08.11.2020, 05:00
Lesedauer: 5 Min
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Von Lutz Wetzel
Volle Härte im „Alcatraz des Nordens“

Die Justizvollzugsanstalt Oldenburg wurde im Herbst 2000 nach fünfeinhalbjähriger Planungs- und Bauzeit fertiggestellt.

Lutz Wetzel

Zwanzig Jahre nach ihrer Fertigstellung hat die Justizvollzugsanstalt (JVA) Oldenburg noch immer Vorbildfunktion im norddeutschen Strafvollzug. Eine Party zum Jubiläum wird es wohl kaum geben: In der Anstalt hat man genug damit zu tun, das Coronavirus draußen vor den fast sieben Meter hohen Mauern zu halten. Neulinge müssen erst einmal zwei Wochen auf eine Quarantäne-Station, und alle Kontakte zur Außenwelt unterliegen einem besonders strengen Hygiene-Konzept. Aber gerade in der Pandemie kommt der Haftanstalt zugute, dass eine eiserne Hausordnung Gesetz ist: „Null Toleranz“ ruft ein Plakat dem Neuankömmling in 15 Sprachen zu: „Keine Gewalt, keine Drogen, absolute Sauberkeit“ sind die drei Gebote, die für Disziplin, Übersichtlichkeit und Einhaltung des Hygienekonzepts sorgen.

In der Oldenburger JVA geht es besonders freundlich zu. Vollzugsbeamte und Häftlinge grüßen mit einem auffallend munteren „Moin“. So grüßt der Krankenhausmörder Niels Högel die Mithäftlinge, wenn er morgens zur Arbeit geht, und so grüßt der Schwerstkriminelle Christian B. in seiner seit fast 6000 Tagen dauernden Einzelhaft den Beamten, der ihm das Frühstück hereinreicht. Aber Gitter und Stacheldraht werden dadurch nicht weniger sichtbar. Nicht umsonst ist diese JVA unter dem Namen „Alcatraz des Nordens“ bekannt – nach dem berühmten Hochsicherheitsgefängnis in der Bucht von San Francisco. Auch dort kam nur einer raus. Aus dem Oldenburger Knast gelang einem Häftling eine kurze Flucht, weil ein korrupter Beamter ihm geholfen hatte.

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Die JVA Oldenburg wurde als mit modernster Technik aufgerüstete Festung der Justiz geplant: Das Gebäude bildet einen inneren Sicherheitsring, den der Häftling im gesamten Tagesablauf nicht verlassen muss, weder zur Arbeit noch zum Sport. Mehr als 200 Kameras blicken in jeden Winkel der Haftanstalt. Die Überwachungszentrale sieht alles. Von dort kann der diensthabende Beamte die Kameras steuern und notfalls mit jedem Häftling Kontakt aufnehmen. Und es gibt ein Gefängnis im Gefängnis: Die Sicherheitsstation. Ein Flur, zehn Spezialzellen für einige der gefährlichsten Verbrecher Deutschlands: Kinderschänder, Polizistenmörder, Ausbrecherkönige, Mafiabosse, Geiselnehmer, Terroristen. Einige sind so gefährlich, dass sie unter starker Bewachung mit dem Hubschrauber eingeflogen werden und ihre Namen geheim sind. Sie leben hinter Spezialtüren, die drei Tonnen Druck aushalten. Panzerglas. Selbstmordsichere Einrichtung. Freistunde im „Tigerkäfig“.

Bevor die JVA im Herbst 2000 nach fünfeinhalbjähriger Planungs- und Bauzeit fertiggestellt wurde, gab es heftige Proteste im Stadtteil Kreyenbrück. Mitten in dem bürgerlichen Wohngebiet sollte damals auf etwa zehn Hektar eines ehemaligen Bundeswehrgeländes dieser Hochsicherheitsknast errichtet werden. Andernorts, so die Kritiker, siedele man neue Haftanstalten vor den Toren der Städte in absoluter Alleinlage an. In Oldenburg hätte man dagegen Schwerverbrecher als unmittelbare Nachbarn. Die Proteste blieben ohne Wirkung, und heute ist die JVA im Stadtteil ein positiver Wirtschaftsfaktor und sogar ein beliebter Arbeitgeber.

Klare Regeln und respektvoller Umgang

Verband man die Vollzugsbeamten in dem mehr als 150 Jahre alten ehemaligen Gefängnis im Gerichtsviertel noch mit brummigen Kerkermeistern, so verlangt man heute in der modernen JVA deutlich mehr. „Wer hier arbeitet, hat es mit Menschen von rund 40 Nationalitäten zu tun, zunehmend auch mit extremistischen und psychisch auffälligen Gefangenen“, sagt Anstaltsleiter Marco Koutsogiannakis. „Wir brauchen Bedienstete, die konsequent und trotzdem sensibel sind.“ Die Arbeit hinter Gittern lasse sich nicht mit anderen Berufen vergleichen. Solch eine komplizierte Einrichtung könne nur durch klare Regeln funktionieren, einen respektvollen Umgang miteinander und Konsequenzen bei Fehlverhalten, sagt der Anstaltsleiter.

Das Konzept der JVA Oldenburg ist immer noch Vorbild für den Bau zahlreicher anderer Haftanstalten. Der damalige JVA-Chef Gerd Koop setzte das 53 Millionen Euro teure Projekt gegen große Widerstände durch und plante den Bau mit Praktikern des Strafvollzugs. So kam beispielsweise auch der Pförtner zu Wort und konnte darauf aufmerksam machen, dass die großzügig bemessene Toreinfahrt für das Hubrettungsfahrzeug der Feuerwehr immer noch zu niedrig war. Seit dem ersten Tag gilt in der Anstalt das Prinzip: „Konsequent und liberal“. Die Häftlinge bekommen große Vergünstigungen eingeräumt: Fünf Stunden Besuch im Monat, auf jeder Station ein Fitnessraum, immer offene Duschen, Waschmaschine, Küche für selbstständiges Kochen, Freizeitraum, Fernseher, Kicker- und Billardtisch. Aber wer gewalttätig wird, Drogen nimmt oder seine Zelle nicht sauber hält, dem wird eines der Privilegien gestrichen. Das wirkt. „Der Häftling erfährt, dass es Grenzen gibt, die nicht überschritten werden dürfen“, erklärt Koutsogiannakis. Gegen Unterdrückung und Übergriffe wird in der JVA sofort mit Härte vorgegangen. Deshalb hat es hier von Anfang an wenig Gewalt gegeben.

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Zwanzig Jahre haben den Strafvollzug in Oldenburg verändert. Aktuell prägt die Angst vor einem Infektionsfall die Arbeit. „Für Neuzugänge haben wir einen Trennungsbereich für die ersten 14 Tage eingerichtet“, erklärt der Gefängnis-Chef. „Es darf keinen unkontrollierten Kontakt geben. Natürlich herrscht im Haus Maskenpflicht, es gibt Trennungsscheiben und einen Skype-Besuch für Gefangene. Diese Maßnahmen sind für Bedienstete als auch für Gefangene belastend und einschneidend.“

Gegen die Sprachhindernisse mit ausländischen Häftlingen, etwa ein Drittel der Belegung, wird heute Technik eingesetzt. Per Tablet übersetzt der Videodolmetscher und macht so die Verständigung im Vollzug leichter. Nach zwanzig Jahren gibt es jetzt deutlich mehr Gefangene mit extremistischem Gedankengut. Sie stehen unter besonderer Beobachtung. „Wir achten darauf, wie sie sich im Vollzug verhalten, welche Kontakte sie pflegen und wie sie zu ihrer Straftat stehen“, sagt Koutsogiannakis. „Eine Beeinflussung anderer Inhaftierter müssen wir unbedingt verhindern.“

Die Seele mit Drogen zerstört

Ein zentrales Problem ist die rasante Zunahme seelischer Erkrankungen. Geschätzt sind mehr als 50 Prozent der Insassen psychisch auffällig. Bei der Eröffnung der JVA waren Drogenabhängige überwiegend Heroinsüchtige. Heute landen hier Straftäter, die ihre Seele mit Drogen zerstört haben, deren Zusammensetzung oft nicht mehr nachvollzogen werden kann. „Fast jede Woche gibt es auf dem Markt eine neue unbekannte Droge und oft werden alle möglichen Stoffe miteinander kombiniert“, sagt der Anstaltsleiter. Diese Konsumenten seien als Häftlinge besonders schwierig. Deshalb gebe es inzwischen eine Vollzugsabteilung mit psychiatrischem Schwerpunkt.“

90 Gefangene arbeiten in der JVA in einer Werkhalle für Unternehmer der Region. Besonders erfolgreich sind Tischlerei und Schlosserei der Anstalt. Ihre Produkte können im Internet unter JVA-Shop bestellt werden. Ein absoluter Renner ist der Gartengrill aus Edelstahl. „Modell Oldenburg“.

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