Schulöffnung umstritten

Kanzleramt kritisiert Schulöffnungen in Niedersachsen

Niedersachsens Umgang mit Schulen widerspricht dem Geist der Bund-Länder-Beschlüsse: Diese Kritik kommt aus dem Kanzleramt. Bremen öffnet seine Schulen und Kitas unterdessen noch stärker als Niedersachsen.
12.01.2021, 05:00
Lesedauer: 3 Min
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Von Sara Sundermann, Nico Schnurr und Peter Mlodoch
Kanzleramt kritisiert Schulöffnungen in Niedersachsen

Mehr als 90 Prozent der Schüler lernen in Niedersachsen momentan zu Hause, in Bremen wird Grundschülern der Schulbesuch von der Behörde empfohlen.

Felix Kästle / dpa

Niedersachsen bekommt zum Schulstart nach den Ferien Kritik aus dem Kanzleramt zu hören: Die Schulöffnung in Niedersachsen sei „sehr eindeutig gegen den Geist der Beschlüsse von Bund und Ländern“, sagte der Staatsminister im Kanzleramt, Hendrik Hoppenstedt, der „Hannoverschen Allgemeinen Zeitung“. „Die Schule ist ein normaler Infektionsort. Es gibt keine Erkenntnisse, dass es in den Schulen besser ist als im Rest der Gesellschaft.“

An Niedersachsens Grundschulen gibt es in dieser Woche Homeschooling, anschließend bis Ende Januar Unterricht im Wechselmodell. An weiterführenden Schulen gehen die meisten Klassen komplett zum Homeschooling über. Für Abschlussklassen gilt schon in dieser Woche Wechselunterricht. In Kitas gibt es eine Notbetreuung mit bis zu 50 Prozent der Gruppengröße.

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Für 94 Prozent der knapp 850.000 niedersächsischen Schüler gilt weiterhin Homeschooling. Dabei gab es mancherorts Ärger, so wurden Zwölftklässler in Hannover am Freitag zur Biologie-Arbeit am Montag bestellt. Kultusminister Grant Hendrik Tonne (SPD) sah einen halbwegs ordentlichen Start. „Alle geben alles, um mit der aktuellen Lage bestmöglich klar zu kommen. Dass sich einiges noch verbessern und routinierter werden muss, ist keine Überraschung“, meinte der Ressortchef mit Blick auf IT-Probleme bei der Lernplattform Iserv, die am Montag teilweise nicht erreichbar war.

Bremens Schulbeschlüsse kommentierte der Staatsminister im Kanzleramt auf Nachfrage des WESER-KURIER nicht: Er habe sich zu Niedersachsen geäußert, weil er selbst Niedersachse sei, ließ Hoppenstedt ausrichten. Allerdings öffnet Bremen seine Schulen und Kitas stärker als Niedersachsen. In Bremen entscheiden bis Ende Januar die Eltern jedes Kindes, ob es zur Schule geht.

Bremen in der Kritik

Für die Klassen eins bis sechs empfiehlt Bremens Bildungssenatorin den Eltern ab dem 18. Januar ausdrücklich, ihre Kinder in die Schule zu schicken. Abschlussklassen bekommen Wechselunterricht. Ab Klasse sieben sollen Lehrkräfte sowohl Präsenzunterricht als auch Distanzlernen anbieten.

Die Gewerkschaft GEW fordert die komplette Schließung der Schulen: „Bremen sollte keinen Sonderweg gehen“, sagt Barbara Schüll von der GEW Bremen. „Auch Grundschüler können andere anstecken.“ Bremen sende ein gefährliches Signal, die Senatorin bewege sich „auf sehr dünnem Eis“.

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Besorgt äußert sich Margarethe Cimiotti, Sprecherin der Grundschulleitungen: „Wir vermuten, dass es ab kommender Woche wieder richtig voll wird“, so die Osterholzer Schulleiterin. „Das macht uns angesichts der Pandemie einiges Kopfzerbrechen.“

Anders äußert sich die Elternvertretung: Dass jüngere Kinder in der Schule und ältere eher zu Hause lernen könnten, bezeichnet Martin Stoevesandt vom Zentraleltern-Beirat als „sinnvollen Kompromiss“. Für einige Eltern sei zwar wohl eine klarere Regelung besser gewesen, aber: „Wir hören, dass sehr viele berufstätige Eltern am Anschlag sind, und viele sind froh, dass sie ihre Kinder in die Schule schicken können.“

Corona-Tests

Die aktuelle Woche wird von der Behörde als „Übergangswoche“ bezeichnet. In dieser Woche ist die Präsenzpflicht ausgesetzt, und bis 17. Januar können sich alle Schüler und Schulbeschäftigten testen lassen. „Die mobilen Test-Teams sind unterwegs, die Testzentren sind am Start“, sagt Behördensprecherin Annette Kemp. Wie viele Kinder ab jetzt wieder in die Schulen kommen, sei noch nicht absehbar. „Die Abfragen laufen.“

Viele Eltern von Kita-Kindern haben in der vergangenen Woche ihren Nachwuchs zu Hause gelassen. Laut dem städtischen Träger Kita Bremen kamen 1500 von 9000 Kindern in die Einrichtungen. Wolfgang Bahlmann, Geschäftsführer von Kita Bremen, rechnet damit, dass in dieser Woche wieder deutlich mehr Kinder betreut werden.

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Diese Tendenz habe sich schon am Montag in den Kitas gezeigt. Kritik üben Gewerkschaftsvertreter: „Die Verantwortung dafür, ob ein Kind zu Hause bleibt oder nicht, wird in Bremen auf die Eltern abgeschoben“, sagt Verdi-Gewerkschaftssekretär Jörn Kroppach.

Fabian Lohschelder arbeitet als Erzieher in Bremen. Mit einer Online-Petition fordert er mehr Schutz für seine Berufsgruppe. Mehr als 5000 Personen haben den Aufruf auf der Plattform Campact unterschrieben. Lohschelder findet es wichtig, dass die Kitas geöffnet bleiben. Er wünscht sich aber, dass die Betreuung in kleineren Gruppen stattfindet als bisher. „So wie es gerade läuft, fühlt man sich dem Virus als Erzieher manchmal ausgeliefert“, sagt er. „Wir tragen das Risiko, und das wird oft vergessen“.

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