Internationale Tagung „Vaterlos und ausgegrenzt?“ befasst sich mit lange tabuisiertem Thema

Kinder des Krieges brechen ihr Schweigen

Hannover·Delmenhorst. Winfried Behlau war 13 Jahre alt, als ihn seine Mutter knapp informierte, dass er das Kind eines sowjetischen Soldaten ist. Danach schwieg sie eisern darüber, was im Sommer 1945 auf ihrem elterlichen Bauernhof im ostpreußischen Ottendorf passiert war.
05.06.2015, 00:00
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Kinder des Krieges brechen ihr Schweigen

Die „Russenkinder“ Winfried Behlau und Birgrit Michler in Hannover.

Julian Stratenschulte, dpa

Winfried Behlau war 13 Jahre alt, als ihn seine Mutter knapp informierte, dass er das Kind eines sowjetischen Soldaten ist. Danach schwieg sie eisern darüber, was im Sommer 1945 auf ihrem elterlichen Bauernhof im ostpreußischen Ottendorf passiert war.

Erst Jahrzehnte später sprach Behlau eine Tante auf seine Zeugung an. „Die erzählte mir, dass russische Soldaten die Frauen auf dem Hof mehrfach vergewaltigt hatten.“ Seine Mutter sei einmal von „einem Herrn mit blauen Augen“ vergewaltigt worden.

Die „Kinder des Feindes“ rückten erst vor kurzem in das Blickfeld der Wissenschaft. Unter dem Titel „Vaterlos und ausgegrenzt?“ wurde am Donnerstag bei einer internationalen Tagung der Volkswagenstiftung in Hannover über das lange tabuisierte Schicksal der Besatzungs- und Wehrmachtskinder diskutiert.

Die Kriegerwitwe Behlau floh mit ihren Kindern und Schwestern 1945 aus Ostpreußen nach Westen und landete im lippischen Lage. Der einzige Sohn Winfried lebte nach dem schockierenden Geständnis mit dem Gefühl, dass sein Vater ein Verbrecher war. Bis vor etwa fünf Jahren achtete der inzwischen pensionierte Lehrer aus Delmenhorst penibel darauf, dass niemand von seiner Herkunft erfuhr. Inzwischen geht der 69-Jährige mit seinem Schicksal offen um und hat ein Buch mit den Lebensgeschichten von 13 Kindern russischer Soldaten veröffentlicht.

Mindestens 200 000 Kinder von alliierten Soldaten und deutschen Mütter kamen nach dem Zweiten Weltkrieg in Deutschland zur Welt. Als Folge von Vergewaltigungen oder weil ihre Mütter Sex gegen die knappen Lebensmittel tauschten.

Direkte Beschimpfungen musste Winfried Behlau in seiner Kindheit im Gegensatz zu anderen „Russenkindern“ nicht erleben. In einer Schublade zu Hause fand er als Jugendlicher eine Akte vom Amt, in der er als „Kriegsschadensfall“ geführt wurde. „Das hat mich sehr getroffen“, sagt er. Auch in seiner Taufurkunde steht anstelle des Vaters „Mutter vergewaltigt“, wie er später herausfand. Birgrit Michlers Mutter hatte dagegen eine Liebesbeziehung mit einem russischen Soldaten, den sie nie kennen lernte. „Vater unbekannt“ steht in ihrer Geburtsurkunde.

„Mich bewegt, was mit meinem Vater passiert ist“, sagt die 68-Jährige aus dem sächsischen Zittau. Nach einer Studie der Universität Leipzig sind Besatzungskinder bis heute häufig stark belastet. Mehr als die Hälfte der 146 befragten Betroffenen berichteten von Stigmatisierung und Diskriminierungen. Im Laufe ihres Lebens litten sie häufiger unter traumatischen Erfahrungen und depressiven Störungen als Gleichaltrige ohne fremden Soldatenvater. Nach Jahrzehnten des Schweigens wollen viele Besatzungskinder ihre unbekannten Väter beziehungsweise deren Familien finden. Die besten Chancen haben dabei Töchter und Söhne von US-Amerikanern. Sie bekommen Unterstützung von der Organisation GI Trace. Im Unterschied zu den USA hätten die Franzosen, Briten und Russen ihre Militärarchive nicht geöffnet, sagt die Leiterin der Leipziger Studie, Heide Glaesmer.

Bei der Tagung sind auch Forscher zu Gast, die sich mit Kindern beschäftigen, die in afrikanischen Konflikten oder im Balkankrieg gezeugt wurden. „Wie es aussieht, haben die Kinder des Krieges überall mit ähnlichen Problemen zu kämpfen, ganz gleich um welches Land und um welche Zeit es sich handelt“, sagt Glaesmer.

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