Feuchttücher sollen Grund für verstopfte Abwasserleitungen sein

Kollaps im Kanalrohr

Schwanewede. Feuchttücher verdrängen in vielen Haushalten Feudel, Staubtuch und Waschlappen. Nach Gebrauch landen die Einwegartikel häufig in der Toilette statt in der Abfalltonne und blockieren Abwasserkanäle.
25.07.2014, 17:30
Lesedauer: 3 Min
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Von Berit Böhme

Schwanewede. Ob Bodenreinigung, Babypflege oder Badputz – das Feuchttücher-Sortiment ist üppig. Doch der Griff nach dem reißfesten Wegwerf-Vlies hat auch Schattenseiten. Neben dem hohen Ressourcenverbrauch sorgt die unsachgemäße Entsorgung über die Toilette in vielen Abwassersystemen für Probleme. Die Folgen müssen alle Verbraucher tragen – über die Gebühren.

Der Wasser- und Abwasserband Osterholz mit Sitz in Schwanewede hat immer wieder mit dem Problem zu tun: „Die Schneidwerke schaffen es nicht, alles zu zerkleinern, die Pumpen verstopfen“, sagt Verbandsgeschäftsführer Arno Seebeck. „Oft lässt sich gar nicht mehr feststellen, was die Ursache ist. Die Stoffe rückwärts zu verfolgen, ist schwierig.“ Dennoch haben auch Seebeck und seine Leute Feuchttücher im Verdacht. „Wir haben auch schon Papiertaschentücher untersucht, weil die Vermutung aufkam, sie enthielten ein PVC-Netz und würden sich deshalb nicht auflösen. Das stimmte aber nicht.“

Vor ein paar Monaten geriet ein Altenheim als mutmaßlicher Verursacher in den Blick der Abwassertechniker. Die Feuchttücher-Theorie ließ sich dort nicht erhärten, „in der Gegend ist auch viel Wohnbebauung“, sagt Seebeck. Wie immer in solchen Fällen, wurden in den eingekreisten Straßenzügen Handzettel in die Briefkästen geworfen, auf denen daran erinnert wird, was nicht in die Toilette gehört.

Feuchttücher bestehen aus Materialien wie Polyester, Viskose, Zellstoff oder Baumwolle. Sie sind mit Pflege- oder Reinigungslösungen getränkt. „Die Tücher stellen zunehmend ein Problem dar“, sagt auch Bianca Nitsch, Betriebsleiterin beim Kreisverband für Wasserwirtschaft in Nienburg. „Sie verknoten sich ineinander.“ Und dann verstopfen sie die Pumpen, wie André Haase vom Wasser- und Abwasserverband Wesermünde-Nord ergänzt.

Bereitschaftsdienste müssen deswegen auch feiertags und nachts ausrücken, um Pumpen auszubauen und zu reparieren. „Feuchttücher sind wahre Pumpenkiller“, sagt Andreas Körner vom Oldenburgisch-Ostfriesischen Wasserverband (OOWV). „Fast täglich sind Pumpen verstopft, die das Abwasser ganzer Ortsteile zu den Kläranlagen befördern sollen.“ Im flachen Norden ist die Behebung des Schadens dabei aufwendiger als beispielsweise in Göttingen. Während im Flachland häufig mit Druckentwässerung gearbeitet werden müsse, könnten in Göttingen die topografischen Höhenverhältnisse genutzt werden. Das Abwasser „läuft schon im Freigefälle ab“, erläutert Werner Rusteberg von den Göttinger Entsorgungsbetrieben. Feststoffe wie die Feuchttücher könnten per Rechen herausgefiltert, geräumt und gepresst werden.

Die Fachleute appellieren an die Verbraucher, Feuchttücher stets über den Hausmüll zu entsorgen. „Selbst wenn auf manchen Verpackungen was anderes draufsteht“, sagte der OOWV-Sprecher. „Grundsätzlich schaffen Feuchttücher viel Abfall und sollten daher am besten nur auf Reisen verwendet werden und nicht auch noch zu Hause“, rät Ann-Katrin Sporkmann vom Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland.

Feuchttücher sind allerdings nicht die einzigen Irrläufer im Kanal. Die Palette reicht von Kondomen, Wattestäbchen und Tampons bis hin zu Katzenstreu, Unterhosen, Medikamenten, Lösungsmitteln, Essensresten und Fett. Durch Fett und Essensreste könne sich der Kanal zusetzen, warnt Nitsch. Zudem würden Ratten angelockt, sagt Oliver Ladeur von Hansewasser Bremen. „Wanderratten fressen Küchenabfälle, die fälschlicherweise über die Kanalisation entsorgt werden.“

Probleme gibt es freilich nicht nur, weil in die Toilette geworfen wird, was nicht reingehört. Zu schaffen macht den Abwasserexperten auch ein geringer werdender Wasserverbrauch. „Die Leitungen sind für einen anderen Verbrauch dimensioniert. Aber der Frischwasseranteil geht immer mehr zurück“, sagt Nitsch. Und weil nicht mehr genug Wasser durch die Rohre fließt, komme es häufiger zu Geruchsbelästigung und Verstopfungen. Die Kanalisation müsse öfter durchgespült werden. „Sparen ist ja gut und schön“, meint Haase. „Aber die Kanäle sind für andere Mengen ausgelegt. Eigentlich müsste man die Rohre austauschen.“ Das würde allerdings teuer.

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