Kommunalwahl

Nachspiel in Hannover mit grüner Überraschung

Bei der Wahl zum neuen Präsidenten der Region Hannover kommt es in zwei Wochen zum Stichentscheid zwischen SPD-Mann Steffen Krach und CDU-Frau Christine Karasch.
13.09.2021, 00:32
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Nachspiel in Hannover mit grüner Überraschung
Von Peter Mlodoch
Nachspiel in Hannover mit grüner Überraschung

Stephan Weil (r, SPD), Ministerpräsident von Niedersachsen, spricht auf der Wahlparty der SPD Hannover neben Steffen Krach (l), Kandidat für das Amt des Regionspräsidenten der Region Hannover.

Moritz Frankenberg

Die Balken pendelten sich schnell ein, auf 38, auf 29, auf 16: Rot vor Schwarz, Grün abgeschlagen. Bei der Wahl zum neuen Präsidenten der Region Hannover kommt es in zwei Wochen zum Stichentscheid zwischen SPD-Mann Steffen Krach und CDU-Frau Christine Karasch. Die grüne Hoffnung Frauke Patzke war ohne Chancen, auch wenn sie im Laufe doch noch die 20-Prozent-Marke knackte. Die fünf anderen Kandidaten inklusive AfD-Mann Siegfried Reichert blieben im einstelligen Bereich. Für die Regionsversammlung, auf deren 84 Stimmen der Präsident oder die Präsidentin im täglichen Geschäft angewiesen sind, zeichnete sich ein Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen SPD und CDU ab. Die Grünen landeten auch hier trotz Stimmgewinnen nur auf dem dritten Platz.

Ähnliche Ergebnisse gab es auch bei den 14 Bürgermeisterwahlen in der Region: Die Kandidatinnen und Kandidaten von SPD und CDU stritten um den Sieg. Den Grünen blieb die Statistenrolle. Das war auch bei der Oberbürgermeisterwahl in Wolfsburg der Fall, wo SPD-Amtsinhaber Klaus Mohrs nicht mehr antrat. Hier geht der CDU-Kandidat Dennis Weilmann mit 43 Prozent in die Stichwahl gegen SPD-Bewerberin Iris Bothe, die 32,2 Prozent erreichte. In Braunschweig lag SPD-Mann Thorsten Kornblum zwar vorn, muss sich aber in der Stichwahl mit dem CDU-Bewerber Kaspar Haller messen lassen. Im Kreis Stade gewann der CDU-Landtagabgeordnete Kai Seefried gegen SPD-Kandidat Björn Protze souverän die Wahl zum neuen Landrat

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„Man sollte uns nicht vorschnell aufgeben“, warnte CDU-Landtagsfraktionschef Dirk Toepffer die politische Konkurrenz. Auch bei der Bundestagswahl sei das Rennen längst noch nicht gelaufen. Da wusste er allerdings noch nicht, dass es sein Parlamentsgeschäftsführer Jens Nacke bei der Landratswahl im Kreis Ammerland nicht geschafft hatte und nun dem Landtag als Abgeordneter erhalten bleibt. Den Chefsessel dort besetzt die von SPD und Grünen gestützte Einzelbewerberin Karin Harms, die mit 50,6 Prozent die absolute Mehrheit erreichte. Im Kreis Helmstedt hat SPD-Herausforderer Jan Fricke mit 41,5 Prozent den amtierenden CDU-Landrat Gerhard Radeck (48,9 Prozent) in die Stichwahl gezwungen. So wertete denn SPD-Landeschef und Ministerpräsident Stephan Weil denn auch die sich abzeichnenden Wahlausgänge als Bestätigung für den Aufwärtstrend der Genossen mit ihrem Kanzlerkandidaten Olaf Scholz.

Erfolgserlebnisse anderswo

Die Grünen holten sich ihre Erfolgserlebnisse andernorts. In Lüneburg geht ihre Kandidatin Claudia Kalisch als Führende in die Stichwahl gegen den Parteilosen Heiko Meyer. Die Bewerber von CDU und SPD bleiben außen vor. Auch in Osnabrück haben es die Grünen mit Annette Niermann kamen ihre Kandidatinnen in die Stichwahl geschafft. „Niedersachsen wird grüner“, jubelte Landeschefin Anne Kura und hofft nun auf Rückenwind für den Endspurt des Bundestagswahlkampfs. Nach ersten Trends konnten die Grünen landesweit 4,3 Prozent zulegen. Ein leichtes Plus erzielte danach auch die FDP. Bei der Landratswahl im Kreis Northeim hatte ihr Parlamentsgeschäftsführer Christian Grascha mit 39,8 Prozent gegen SPD-Amtsinhaberin Astrid Klinkert-Kittel 60,2 Prozent) keine Chance. CDU und SPD mussten landesweit einige Federn lassen. Die Union konnte allerdings ihre Position als stärkste kommunalpolitische Kraft behaupten, was CDU-Landeschef Bernd Althusmann als gutes Signal für die Bundestagswahl wertete.   

„Das Ergebnis übertrifft meine Erwartungen, es ist sensationell“, freute sich derweil der vorläufige Regionsgewinner Krach im Gespräch mit dem WESER-KURIER. Optimistisch gehe er nun in die Stichwahl: „Das ist ein deutlicher Vorsprung vor der Kandidatin der CDU. Von daher glaube ich, dass wir eine richtig gute Chance haben“, sagte Krach, der bislang noch Staatssekretär für Wissenschaft und Forschung beim Berliner Senat ist. Der Tagessieger bedankte sich ausdrücklich bei seiner grünen Mitbewerberin Patzke für deren „ausgesprochen fairen Wahlkampf“ – wohl wissend, dass er in zwei Wochen die Stimmen aus deren Lager gut gebrauchen kann.

Ärger mit den Autofahrern

Eitel Sonnenschein auch bei der Zweitplatzierten, die mit einem großen Tross inklusive Junge-Union-Chef Tilman Kuban und dem Staatsminister im Kanzleramt Hendrik Hoppenstedt, im Wahlzentrum aufschlug. „Dass ich in die Stichwahl komme, war mir klar“, sagte Karasch, die bereits Dezernentin für Umwelt, Bau und Planung in der Region ist, selbstbewusst lächelnd. „Aber dass es so eindeutig wird, erstaunt mich doch.“ Das schlechte Abschneiden ihrer grünen Konkurrentin begründete die Juristin mit der umstrittenen Stadtpolitik von Hannovers grünem Oberbürgermeister Belit Onay, der insbesondere die Autofahrer gegen sich aufgebracht habe.

Die Region Hannover ist ein bundesweit einmaliges Kommunalgebilde mit der niedersächsischen Landeshauptstadt und dem früheren Landkreis mit seinen 20 Städten. Mit ihren 1,16 Millionen Bürgern gilt die Region als der einwohnerstärkste Landkreis Deutschlands. Der Posten des Präsidenten ist mit 12.000 Euro monatlich (Besoldungsgruppe B 9 plus Zulage) dotiert. SPD-Amtsinhaber Hauke Jagau war nach 15 Jahren nicht mehr angetreten.

In der Region zeichnete sich schnell eine deutlich höhere Beteiligung als 2016 ab. Ein Wert deutlich über 60 Prozent schien in Reichweite. Die Zahl der Briefwähler hatte sich verdoppelt, die Kommunen stockten vorsorglich ihre Wahlvorstände auf. Vor den Wahllokalen bildeten sich teilweise lange Schlangen. Vereinzelte Wahllokale mussten die dort Stehenden auch noch nach 18:00 Uhr hineinlassen. „Das liegt schlicht und ergreifend an Corona“, erklärte Regionswahlleiter Andreas Kranz. Statt wie üblich drei oder vier Wahlkabinen habe man wegen der notwendigen Abstände in der Regel nur zwei aufgestellt. Landeswahlleiterin Ulrike Sachs bestätigte den Anstieg der Wahlbeteiligung auch für ganz Niedersachsen. „Ich denke, dass wir 2016 übertreffen können“, sagte Sachs. Vor fünf Jahren lag der Wert bei 55,6 Prozent.

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