Niedersachsen prescht vor

Kompletter Abschied vom Turbo-Abi

Niedersachsen kehrt als erstes Bundesland vollständig zum Abitur nach 13 Jahren zurück. Die Rückkehr zum alten Modell ist mit einer neuen Oberstufenverordnung abgeschlossen.
25.08.2016, 22:00
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Kompletter Abschied vom Turbo-Abi
Von Peter Mlodoch
Kompletter Abschied vom Turbo-Abi

Mit einer neuen Oberstufenverordnung hat Niedersachsen als erstes Bundesland die Rückkehr zum Abitur nach 13 Jahren abgeschlossen. Auf die Schüler kommen ­einige Neuerungen zu.

dpa

Niedersachsen kehrt als erstes Bundesland vollständig zum Abitur nach 13 Jahren zurück. Die Rückkehr zum alten Modell ist mit einer neuen Oberstufenverordnung abgeschlossen.

„Weniger Stress, mehr Tiefe“, das verspricht Niedersachsens Kultusministerin Frauke Heiligenstadt (SPD) durch die Rückkehr zum Abitur nach 13 Jahren Schulzeit. Jetzt hat die Ressortchefin die Stundentafeln und Regeln für das neue G 9 vorgelegt. „Dadurch nehmen wir den Druck aus den Schulen und Familien. Und gleichzeitig gewährleisten wir ein hohe Qualität der Ausbildung in den Gymnasien“, sagte Heiligenstadt in Hannover. Niedersachsen ist das ­erste Bundesland, das sich wieder komplett vom Turbo-Abi verabschiedet; dieses hatte die damalige CDU/FDP-Regierung zum Schuljahr 2004/05 eingeführt.

Im Frühjahr 2021 legen die ersten ­Schüler das neue Abitur ab, im Schuljahr 2018/19 startet die reformierte Oberstufe. Klasse 11 bildet dann die „Einführungsphase“; die ­Jugendlichen müssen hier 30 Pflichtwochenstunden absolvieren. „Mehr bleibt natürlich möglich“, betonte der zuständige Referatsleiter im Ministerium, Andreas Stein, mit Blick auf eine dritte Fremdsprache oder ein viertes Fach in Naturwissenschaften. Im ­bisherigen G 8 sind es im elften Jahrgang 34 Pflichtstunden. Im Unterrichtsfach ­Politik-Wirtschaft kommt eine weitere Stunde hinzu; sie soll der Studien- und Berufswahlorientierung, insbesondere durch ein Betriebspraktikum, dienen.

Abi-Prüfung bekommt eine "Frischzellenkur"

In der „Qualifikationsphase“ der Jahrgänge 12 und 13 sinken die Pflichtwochenstunden von derzeit 34 auf künftig 32. Auf der anderen Seite stärkt das Ministerium die Schwerpunktfächer um eine weitere auf dann fünf Stunden. „Dadurch können ­Inhalte und Kompetenzen vertieft und verinnerlicht werden“, erklärte Heiligenstadt. Jugendlich können zudem Informatik als neues Schwerpunktfach wählen – sofern denn auch genug Fachlehrer dafür vorhanden sind. Das sei bei 60 Kräften für die 220 Gymnasien zwar noch nicht flächendeckend der Fall, aber man sei auf einem guten Weg, sagte Experte Stein.

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?Heiligenstadt wies Unkenrufe über den „bevorstehenden Untergang des Abendlandes“ wegen der Stundenreduzierungen in den einzelnen Jahrgängen zurück. Kritik hatte sich vor allem an der Kürzung von Kunst- und Musikunterricht geregt. Über die gesamten neun Jahrr Gymnasien gerechnet erreiche man künftig im Schnitt 273 Wochenstunden, gleiche also entfallene Stunden mehr als aus, stellte die Ressortchefin klar. Mit diesem Wert liege man deutlich über den Vorgaben der Kultusministerkonferenz und nach Hessen auf dem zweitbesten Platz. Im derzeitigen G 8 betrage die ­Wochenstundenzahl lediglich 265.

Auch die Abi-Prüfung selbst bekommt laut Ministerin eine „Frischzellenkur“: Die Kandidaten können künftig zwischen 32 bis 36 Kurse einbringen; bisher liegt die Zahl starr bei 36. Einige schlechte Noten lassen sich dadurch besser wegstreichen, gute dagegen aufwerten. Außerdem werden in der mündlichen Prüfung Präsentationen mit moderner Technik möglich. „Der sichere und zielgenaue Einsatz von Medien ist in Universitäten und Betrieben gang und gäbe“, meinte Heiligenstadt. Die Gymnasien seien technisch dafür gut gerüstet.

?Kritik an Fremdsprachen-Alternative

Die Lehrerorganisationen GEW und ­Philologenverband sowie die Elternräte an Gymnasien, die das von ihnen geforderte Aus fürs das Turbo-Ab insgesamt lobten, lehnten dagegen diese neue Prüfungsform als nicht praktikabel und auch ungerecht ab, da sie Schüler mit entsprechenden Vorwissen bevorzuge. Helga Olejnik vom Philologenverband bemängelte zudem den Wegfall von jeweils einer Klausur in den ­Prüfungsfächern in der Klasse 13.

„Dadurch erhöht sich der Druck, weil die Schüler eine Möglichkeit weniger haben, ein schlechtes Ergebnis auszubügeln.“ Bedauerlich sei schließlich, dass ab der 11. Klasse eine ­zweite Fremdsprache nicht mehr zwingend sei, sondern vom Schulvorstand durch ein anderes Wahlpflichtangebot ersetzt werden könne. „Das zeigt nur die unprofessionelle Mangelverwaltung dieser Ministerin“, meinte auch Petra Wiedenroth vom Verband der Elternräte an Gymnasien. Heiligenstadt hatte die Fremdsprachen-Alternative als „flexible Lösung, die allen Anliegen gerecht wird“, ­verteidigt.

Ungeachtet aller Kritik sieht die ­Ministerin Niedersachsen als deutschlandweites Vorbild. Jetzt wachse auch in den anderen ­Bundesländern der Druck gegen das Turbo-Abi. So wolle Bayerns Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU) den Gymnasien die Wahl zwischen acht und neun Jahren freistellen; 80 Prozent der Schulen könnten sich dabei G 9 vorstellen. In Nordrhein-Westfallen werde ebenfalls über eine Rückkehr zum G 9 diskutiert.

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