Oberbürgermeisterwahl

Kopf-an-Kopf-Rennen in Hannover

Erstmals seit mehr als 70 Jahren stellt die SPD nicht mehr den Oberbürgermeister der Stadt Hannover. Bei der Wahl am Sonntag lag der Kandidat der Grünen nur 49 Stimmen vor der CDU - nun gibt es eine Stichwahl.
27.10.2019, 21:17
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Kopf-an-Kopf-Rennen in Hannover
Von Peter Mlodoch
Kopf-an-Kopf-Rennen in Hannover

Eckhard Scholz (parteilos), CDU-Kandidat für die Oberbürgermeisterwahl.

Sina Schuldt

Hannover. Um 18.51 Uhr bricht im Raum Leipzig des Rathauses Hannover unbeschreiblicher Jubel aus. 32,2 Prozent zeigt die grüne Säule, 31,9 Prozent die schwarze. „Belit, Belit“– Sprechchöre branden auf, frenetisch feiern die Grünen ihren Wahlsieger beim der Oberbürgermeisterwahl. Belit Onay, 38-jähriger Landtagsabgeordneter, lächelt versonnen und schließt seine Frau fest in den Arm. „Das ist ein historisches Ergebnis, es zeigt, dass die Menschen in Hannover sich den Aufbruch wünschen.“ Dann wird der Jurist und Sohn türkischer Einwanderer ernst und blickt nach vorn. „Jetzt geht es in die Vollen. Im Stichwahlkampf werden wir alles geben müssen.“

Das sagt so ähnlich auch sein Konkurrent von der CDU. Der frühere VW-Manager Eckhard Scholz und Onay liefern sich bis zur Auszählung aller 469 Wahlbezirke ein spannendes Kopf-an-Kopf-Rennen; am Ende liegen beide bei 32,2 Prozent mit leichtem Vorteil für den Grünen: Onays hauchdünner Vorsprung beträgt ganze 49 Stimmen. „Wir müssen also noch einmal richtig Gas geben“, beschwört der Christdemokrat seine Parteifreunde und Anhänger für den Urnengang in zwei Wochen. „Ich werde um Vertrauen werben und um jede Stimme kämpfen.“ Dabei werde er persönlich seine große Führungserfahrung ins Feld führen, kündigt der 55-jährige Vater und Großvater an. Es ist kleiner Seitenhieb auf seinen grünen Mitbewerber, der außerhalb der Politik noch mit keinem richtigen Job aufwarten kann.

Dass allerdings Führungsstärke in diesem OB-Rennen nicht automatisch Siegchancen bedeutet, müssen an diesem Abend der Stadtwerke-Chef Marc Hansmann und seine Genossen schmerzhaft erleben. Mit 23,5 Prozent liegt der SPD-Kandidat abgeschlagen auf dem dritten Platz vor sieben weiteren Bewerbern. Offensichtlich hat sich die Rathausaffäre um illegale Gehaltszulagen und Ämterpatronage unter dem im April zurückgetretenen SPD-Oberbürgermeister Stefan Schostok doch stärker im Wählerwillen wiedergefunden, als es die Parteigranden um Ministerpräsident Stephan Weil wahrhaben wollten.

Am Wahlabend gibt sich der Regierungschef, der einst selbst Oberbürgermeister in Hannover war, denn auch ungewohnt wortkarg: „Jetzt sind die Verhältnisse so, wie sie eben sind.“ Sein Blick in die Kamera des NDR drückt das ganze Desaster für die SPD aus. „Ich bin maßlos enttäuscht und traurig“, bekennt der frühere Stadtkämmerer Hansmann. Tapfer bedankt sich der ausgeschiedene Kandidat bei seinen beiden erfolgreichen Mitbewerbern für den fairen Wahlkampf. Für wen seine Partei eine Empfehlung zum Stichentscheid am 10. November abgeben werde, macht er lieber keine Angaben. Der Vorstand der Stadt-SPD tage am Montag und werde sich dann dazu äußern. Seine persönliche Präferenz mag er nicht verraten. Im Rat der Stadt gibt ein rot-grünes Bündnis mit Stimmhilfe der FDP bislang den Ton an. Die siegreichen Grünen spekulieren derweil, ob sie tatsächlich mit Unterstützung der Genossen rechnen können. „Die SPD soll sich ja im Land noch mit der CDU in einer Koalition befinden“, raunt eine Landtagsabgeordnete. Andere Grüne im Raum Leipzig werden trotz der Feierlaune drastischer. „Für die SPD sind wir jetzt doch die Erzfeinde.“ Einige Parteifreunde sehen auch Onays knappen Vorsprung kritisch. „Das mobilisiert eher die CDU“, warnt ein Stadt-Grüner. „Das kann man auch ganz anders sehen“, kontert ein Kollege. „Für uns ist dieses grandiose Ergebnis doch eine riesige Motivation.“

Einen solchen Schub verspüren genauso die Christdemokraten. „Unsere Landeshauptstadt hat einen Neustart verdient“, lässt CDU-Landeschef Bernd Althusmann aus Afrika von seiner Dienstreise als Wirtschaftsminister ausrichten. „Ecki Scholz steht mit hochgekrempelten Ärmeln bereit.“ CDU-Fraktionschef Dirk Toepffer freut sich angesichts des bereits feststehenden Wechsels in der roten Hochburg „über einen der schönsten Tage, die ich je erlebt habe“. Gleichzeitig warnt er vor zu viel Euphorie: „Stichwahlen haben ihre eigene Gesetze.“

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