Symposium in Leer Krähen sorgen für Probleme

Leer. Krähenkolonien werden oft als Plage empfunden: Der Kot und vor allem der Krach, den die Vögel machen, stört die Menschen. Bei der ersten Krähen-Konferenz in Leer haben Leidtragende kürzlich den Schulterschluss gegen die Tiere geübt.
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Von Justus Randt

Leer. Krähenkolonien werden oft von benachbarten Bewohnern menschlicher Siedlungen als Plage empfunden: Der Kot und vor allem der Krach, den die Vögel machen, stört die Menschen. Die Krähen kratzt das wenig. Sie lassen sich nicht vertreiben. Bei einer ersten Krähen-Konferenz in Leer haben Leidtragende kürzlich den Schulterschluss gegen die klugen Tiere geübt.

Krähen sind aus den Städten nicht mehr wegzudenken - was vielen Bewohnern Kopfzerbrechen bereitet. In Achim (Kreis Verden) hat der Lärm, den die in Kolonien nistenden Rabenvögel verursachen, dazu geführt, dass Bürger vor dem Verwaltungsgericht Stade klagen. Das Ergebnis ist noch offen. Ziel ist es, den Kreis als untere Naturschutzbehörde dazu zu bringen, dass er die Vögel verscheucht. Diese Methode, sich der "Problemvögel" zu entledigen, hat andernorts just eine Abfuhr erhalten: Beim ersten nationalen Krähen-Symposium in Leer.

"Vergrämungsmethoden haben sich alle nicht bewährt", sagt Werner Klöver, Stadt- und Landschaftsplaner der Stadt Leer. Rund 70 Teilnehmer habe das jüngst dort ausgerichtete Symposium gehabt - Bürger und Fachleute sowie Vertreter von Kommunen und Kreisen waren dort. Verwaltungen haben vielerorts auf Einwohnerproteste gegen die Schwärme schwarzer Vögel zu reagieren, sollen Aufträge der politischen Gremien abarbeiten. Ruhe, Ordnung und Sauberkeit sind in Gefahr, wo Krähen krächzend ihren Kot hinterlassen.

Der Leeraner Ornithologe Klaus Gerdes hat dem Symposium erklärt, warum sich die Krähe so verhält: "Entwässerung und Umbruch von Grünland in Ackerland mit hochwüchsigen Anbaupflanzen erschweren ihr die Nahrungssuche", sagt er. "Nur auf ständig kurz gehaltenen Grünflächen in oder nahe von Siedlungen finden die Saatkrähen noch ein vielfältiges Nahrungsangebot. Kein Wunder also, dass sie dorthin ausweichen." Der Konflikt sei hausgemacht, sagt Gerdes.

"Zunehmende Naturentfremdung lässt viele Menschen den ständigen Verkehrslärm eher ertragen als Naturlaute." Was auch immer erwogen werde, es sei zu beachten, dass die Saatkrähe nach der Bundesartenschutzverordnung eine - ganzjährig - streng geschützte Art ist, gab Gerdes bei der Krähen-Konferenz mit auf den Weg. Als Altvogel ist die Saatkrähe an ihrer weißlichen, federlosen Schnabelwurzel zu erkennen. Ihre rabenschwarze Schwester, die auch am Schnabelansatz dunkelgefiederte Rabenkrähe, ist hingegen nicht geschützt. Sie wird regelmäßig bejagt. Beispielsweise in Delmenhorst und im Kreis Osterholz, wo die Jägerschaft im Frühjahr erfolgreich die Aufhebung der Schonzeit für Rabenkrähen und Elstern vom 1. Juli bis zum 31. März beantragt hatte.

Aber mit Feuerwaffen und ähnlich gefährlichem Geschütz in den Städten zu Werke zu gehen, das verbietet sich von selbst. Und die Saatkrähen sind ohnehin tabu. Werner Klöver aus Leer ist das vollkommen klar. Vor sechs Jahren hatten die Jäger im Kreis Leer gemeinsam mit der Tierärztlichen Hochschule Hannover für eine Feldstudie Rabenvögel gefangen und sie mit Knüppeln erschlagen. Das "unselige" Projekt, wie Klaus Gerdes es nennt, löste weithin Empörung aus und beschäftigte in Form einer Anfrage auch den Landtag. "Gebracht hat die ganze Aktion übrigens gar nichts", sagt Gerdes.

Auch das war ein Grund für die Stadt Leer, zum ersten Krähen-Symposium einzuladen - zum Erfahrungaustausch. "Wir haben uns von der unteren Naturschutzbehörde die Vergrämung erlauben lassen", sagt Werner Klöver: "Wir haben vor Beginn der Brutzeit die Nester aus den Bäumen geholt - ruckzuck wurden neue gebaut. Wir haben Holzklatschen aufgehängt, um Krach zu machen. In Nienburg habe man mit Lautsprecher- und Böllereinsatz - rund um die Uhr - experimentiert, erfuhren die Teilnehmer der Konferenz, die unter anderem auch aus Diepholz, Otterndorf, Wilhelmshaven und Jever kamen.

Umsiedeln könnte die Lösung sein

Deshalb stieß das Konzept des niederländischen Verhaltensbiologen Diederik van Liere auf großes Interesse, Nester aus Bäumen in Wohngebieten herauszunehmen und sie außerhalb wieder ins Geäst zu setzen. Van Liere hat damit bereits Erfahrung in der Nähe Aachens gesammelt. Klöver ist begeistert, das könnte die Lösung sein - obwohl es aufwendig wäre, die derzeit 680 Leeraner Brutpaare aus den großen Bäumen der Altstadt umziehen zu lassen. Gut zu wissen, sagt Werner Klöver, dass van Liere herausgefunden habe: Die hochintelligenten Krähen pflegen ihre Vorlieben. "Sie richten sich nach ihren Geburtsbäumen. Wenn eine Krähe in einer Pappel geschlüpft ist, wird sie später auch in einer Pappel nisten", sagt Klöver. Den Verdacht, es gebe eine Kräheninvasion, kann Klöver übrigens entkräften: "Seit dem Jahr 1911 hat sich die Population noch nicht einmal verdoppelt. Damals gab es etwa 400 Brutpaare."

Auch Klaus Gerdes ist angetan von der Umsiedlungsmethode. "Die Niederländer haben es mit nur 18 künstlichen Nestern geschafft, dass sich im Folgejahr bereits 127 Brutpaare niederließen wo es niemanden stört, an einer Autobahn." Werner Klöver vor allem von dem Ansatz beeindruckt den Uta Maria Jürgen aus Heppenheim vorschlug: Sie habe empfohlen, die Anwesenheit der Krähen nicht nur zu hinzunehmen, sondern sie sich touristisch zunutze zu machen. Die Psychologin hat einen Krähen-Lehrpfad in Ascheberg (Schleswig-Holstein) mitbegründet.

"So etwas gibt es in Mecklenburg-Vorpommern auch für Kraniche", sagt Klöver. Ob Hinweis- und Informationstafeln den Leeranern - oder Achimern - ihre Krähen sympathischer machen würden, sei dahingestellt. Fest stehe, dass es wieder eine Krähen-Konferenz geben werde - "und dass wir weiter untersuchen sollten, welche Bedürfnisse die Vögel haben", sagt Klöver.

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