Interview zur Situation der Krankenpflege „100 Prozent aller Kräfte sind ausgelastet“

Carsten Hermes ist Sprecher der Sektion Pflege in der Deutschen Gesellschaft für Internistische Intensiv- und Notfallmedizin. Im Interview spricht er über die Situation der niedersächsischen Krankenpflege.
15.11.2020, 05:00
Lesedauer: 6 Min
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„100 Prozent aller Kräfte sind ausgelastet“
Von Martin Wein

Herr Hermes, es gibt in Deutschland laut Robert Koch-Institut (RKI) 28.771 Intensivbetten, in Relation zur Bevölkerung mehr als in jedem anderen EU-Land. Davon sind rund 2400 mit Covid-19-Patienten belegt und 7200 frei. Wo ist das Problem?

Carsten Hermes: Wir haben eine hervorragende Bettenreserve verglichen mit allen anderen Ländern Europas. Aber davon ist ein erheblicher Anteil belegt. Ein Teil dieser Patienten hatte einen Herzinfarkt, einen Schlaganfall oder einen großen operativen Eingriff unabhängig von Covid-19. Dazu kommen Überwachungspatienten, die nach größeren Eingriffen ein bis drei Tage auf der Intensivstation bleiben. Wenn die Zahl der Covid-19-Patienten stark steigt, können wir diese Betten nicht ad hoc freimachen. Die freien 7200 Betten existieren nur physisch irgendwo in einer Ecke oder im Keller. Es gibt weder genügend Ärzte noch Pflegepersonal, um darin Patienten zu versorgen.

Wie viele Betten sind tatsächlich Reserve, die nicht für andere Fälle benötigt werden?

Trotz aller Statistiken wissen wir nicht, wie viele Intensivpflegende auf den Stationen tatsächlich arbeiten. Wir kennen zwar die Zahl der Pflegefachpersonen in Deutschland, aber ein großer Anteil übt oft schon seit Jahrzehnten patientenferne Tätigkeiten aus – sei es in Schulen, Kliniken oder Ministerien. Wenn wir eine gute bis sehr gute Versorgung wollen, sind nach den Rückmeldungen, die ich bekomme, heute annähernd 100 Prozent aller eingesetzten Kräfte ausgelastet und teilweise überlastet. Alle zusätzlichen Patienten bedeuten Abstriche in der Versorgungsqualität wie eine Zunahme von vermeidbaren Sekundärkomplikationen wie Infektionen, längere Liegedauer, Delir oder generelle körperliche und kognitive Funktionseinschränkungen.

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Die Zahl der Patienten wird wachsen, weil Kontaktbeschränkungen erst verzögert greifen. Ist ein Engpass unvermeidlich?

Wir haben den in Deutschland zum Teil schon. So kommt bereits jetzt positiv getestetes Personal in der direkten Patientenversorgung zum Einsatz, weil die sonst nicht mehr sichergestellt wäre.

Wie ist die Lage in Niedersachsen?

Die Lage in Niedersachsen ist sehr heterogen. In der Fläche gibt es teilweise nur wenige Covid-19 Erkrankte. Aber die Situation verschärft sich stetig, vor allem in den Ballungszentren zunehmend. Verschiedene Kliniken verzeichnen durchaus eine Zunahme der Covid-Patienten auf den Intensivstationen und fangen an, ihre Abläufe umzustellen.

Haben sich die Kliniken in der Vergangenheit nicht genug bemüht, freie Stellen zu besetzen?

Die Kliniken haben sich nicht bemüht, ihr Personal zu halten. Die Arbeitsbedingungen sind seit Jahren prekär.

Auch normales Pflegepersonal hat eine medizinische Ausbildung. Können frei werdende Kräfte den Intensivpflegekräften nicht unter die Arme greifen?

Sicher an vielen Stellen – aber nicht alleine und nicht ersetzend. Das geht nur unter Aufsicht und Weisung von Fachpflegekräften. Fakt ist: Bei der Arbeit in der Praxis verschwimmen häufig die Aufgabengrenzen von Arzt und Pflege. Ärzte müssen mittlerweile an vielen Stellen nur noch Ziele und Korridore der Therapie vorgeben. Pflege auf der Intensivstation füllt das handwerklich aus und erreicht diese Ziele teilweise selbstständig. Das geht nur, wenn man sich im Team gut kennt und große Expertise hat. In einem Crash-Kurs kann man das niemandem beibringen.

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Auch auf einer Normalstation kommt es doch zu Notfällen. Wie unterscheidet sich die Ausbildung zur Intensivfachpflegekraft?

Der Umgang mit akuten Notfällen ist überall in den ersten Minuten gleich. Nur ist das nach wenigen Stunden vorbei. Allerdings haben die Pflegefachpersonen aus den Fach- und Funktionsbereichen eine größere Routine mit solchen Situationen. Dann geht es darum, einen solchen Patienten zu stabilisieren und ins Leben zurück zu führen. Das verlangt Spezialfähigkeiten wie technisches Know-how, Wissen in Pharmakologie oder physikalische Kenntnisse, zum Beispiel wie bestimmte Blutgase entstehen und zu interpretieren sind.

Auch in der Frühmobilisation und Delir-Prophylaxe sind wir anders tätig als auf einer Normalstation. Und wenn wir die anderen Stationen entvölkern – wer soll die Corona-Patienten betreuen, die von der Intensiv dorthin verlegt werden? Die Entwöhnung von einer Beatmung kann Wochen dauern und die notwendige Nachsorge auf anderen Stationen ebenfalls.

Der Aufschrei von Intensivmedizinern und Pflegenden macht vielen Menschen Angst. Dabei lässt sich kurzfristig nichts ändern. Ist das Stimmungsmache?

Zu Wort gemeldet haben wir uns seit Jahren. Wir sind aber nicht gehört worden. Über Pflege wird viel gesprochen, aber nicht mit der Pflege – und wenn dann mit Vertretern des Managements.

Wir sprechen doch gerade?

Das ist eine positive Ausnahme. Bundespolitisch kommen im Regelfall ärztliche Vertreter der Fachgesellschaften, der Krankenkassen oder der Krankenhaus-Lobby zu Wort. In der Öffentlichkeit steht Pflege immer noch als ärztlicher Assistenzberuf da. Das sind wir nicht.

Warum will Ihren Job niemand machen?

Er ist unattraktiv im Verhältnis von Arbeitszeiten, Verantwortung und Bezahlung. Im besten Fall verdienen Sie 2500 Euro netto nach fünf bis sieben Jahren Ausbildung mit einem Fachexamen. In Niedersachsen weist das Gesundheitsministerium Pflegekräfte jetzt per Verordnung an, bis zu 60 Stunden in der Woche zu arbeiten. Dafür gibt es keinen finanziellen Ausgleich! Auch der Tarifabschluss bringt trotz hoher Steigerung maximal 200 Euro mehr brutto. Und von der Corona-Prämie für Intensivpflegende haben Kollegen von mir auf der Intensivstation einen Betrag von 3,64 Euro, manche auch rund 35 Euro ausbezahlt bekommen. Das ist mehr als eine Ohrfeige.

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Viele treten aktiv den Rückzug an?

Der erste Schritt führt meist in die Leiharbeit, wenn nicht ganz aus dem Beruf, weil man dort Gehalt und Arbeitszeit weitestgehend selbst bestimmen kann. Deshalb möchten Teile der Politik Leiharbeit in der Pflege jetzt verbieten. Das ist der falsche Ansatz, mit den Nöten der Betroffenen umzugehen. Wenn wir aus Überlastung Fehler machen, haben die gravierende Folgen. Wir müssen dringend und nachhaltig die Arbeitsbedingungen ändern, noch vor der Gehaltsfrage.

Politiker suggerieren, wenn es genug Beatmungsplätze gibt, gibt es kein Problem. Ist das Verharmlosung? Weniger als die Hälfte der Beatmeten überlebt eine Infektion.

Richtig. Und eine Intensivtherapie zu überleben ist eine Tortur mit offenem Ausgang. Die Betroffenen liegen bis zu drei Monate auf der Intensivstation. Nur weil das Herz wieder schlägt, gehen Sie danach nicht einfach wieder einkaufen! Die Sprache kann weg sein, weil die Stimmritze kaputt ist. Gar nicht so selten kommt es zu einem Delir, einem akuten Verwirrtheitszustand. Ein Viertel dieser Patienten muss dauerhaft mit Einschränkungen wie bei einer leichten Alzheimer-Erkrankung oder Schädel-Hirn-Trauma leben. Insgesamt brauchen diejenigen, die schwere Verläufe überleben – das wissen wir von anderen schweren Erkrankungen wie Blutvergiftung oder Influenza – oft bis zu einem Jahr, bis sie wieder so fit sind wie vorher. Nur die, die in Spezialkliniken behandelt werden, haben eine gute Chance auf volle Genesung.

Wünschen Sie sich spezialisierte Behandlungszentren, um die Covid-Patienten besser zu betreuen?

Die gibt es leider nicht. Die besten Kliniken sind diejenigen, die täglich schwere Lungenerkrankungen behandeln. Dazu zählen Maschinen wie die ECMO, aber ebenso wichtig ist die pflegerische Expertise, etwa in einer versierten Bauchlagerung. Die Niels-Stensen-Kliniken Osnabrück, die Medizinische Hochschule Hannover, das Klinikum Oldenburg und natürlich das UMG in Göttingen sind Zentren mit sehr hoher Expertise.

Nur etwa die Hälfte der Covid-Patienten auf Intensivstationen wird beatmet. Sind diese Fälle einfacher zu behandeln?

Ein Beatmungspatient ist technisch aufwendiger. Ein nicht beatmeter Patient macht dagegen oft in der direkten Pflege viel mehr Arbeit. Das Gleiche gilt, wenn der Beatmete entwöhnt werden soll.

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Mit den aktuellen Regelungen wollen die Länder die Zahl der Erkrankten wieder unter den Wert von 50 pro 100.000 Einwohner senken. Reicht das, um die Lage zu entspannen?

Ich wünsche mir, dass alle Menschen sich an die Einschränkungen halten und sie nicht rechtlich im Maximum ausreizen. Hier in Bonn suchen die Leute oft nach juristischen Hintertüren. Die Kinder sollen zu St. Martin nicht von Tür zu Tür ziehen. Jetzt hat ein Sportverein in Godesberg seine Mitglieder angeschrieben, der Vorstand wolle stattdessen von Tür zu Tür fahren und die Kinder anhören, zwar mit Abstand. Noch im Oktober war intensiver Kontaktsport mit 30 Leuten erlaubt, aber ein Einkaufsbummel nur mit Mundschutz, Abstand und maximal zwei Familien. So etwas führt die Regeln ad absurdum.

Bis alle geimpft sind, dauert es im besten Fall bis zum nächsten Sommer. Halten wir das durch?

Das können wir schaffen. Dafür sind wir im Gesundheitssystem ausgebildet. Aber alle müssen mitmachen. Jeder, der die Corona-Regeln missachtet, beugt oder versucht, andere „Auswege“ zu finden, bringt den Ärzten und Pflegekräften Verachtung entgegen.

Das Gespräch führte Martin Wein.

Info

Zur Person

Carsten Hermes (42) ist Sprecher der Sektion Pflege in der Deutschen Gesellschaft für Internistische Intensivmedizin und Notfallmedizin. Er ist europaweit als freiberuflicher Dozent und Berater für Kliniken und andere Einrichtungen tätig.

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