Erdgasfeldes Söhlingen Kritik an Gutachten zu erhöhter Krebsrate

Das niedersächsische Landesamt für Bergbau, Energie und Geologie (LBEG) hat keine erhöhten Quecksilber- und Benzolwerte im Umfeld des Erdgasfeldes Söhlingen im Landkreis Rotenburg festgestellt.
18.05.2016, 00:00
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Kritik an Gutachten zu erhöhter Krebsrate
Von Silke Looden

Das niedersächsische Landesamt für Bergbau, Energie und Geologie (LBEG) hat keine erhöhten Quecksilber- und Benzolwerte im Umfeld des Erdgasfeldes Söhlingen im Landkreis Rotenburg festgestellt.

Das ist das vorläufige Ergebnis einer Langzeitmessung, die das LBEG bei einem unabhängigen Labor in Auftrag gegeben hatte. Auslöser für die Untersuchungen ist die erhöhte Krebsrate in der Samtgemeinde Bothel. Bürgerinitiativen vermuten einen Zusammenhang mit der Erdgasförderung in der Region.

Nach Angaben des LBEG enthält die Luft im Umfeld des Förderfeldes durchschnittlich 1,6 Nanogramm pro Kubikmeter Quecksilber und 0,4 Mikrogramm pro Kubikmeter Benzol. Der Grenzwert für Quecksilber liegt bei 50 Nanogramm, der für Benzol bei fünf Mikrogramm. „Damit befinden sich die vorläufig ermittelten Konzentrationen auf einem vergleichsweise sehr niedrigen Niveau“, erklärte ein Sprecher. Auch die Messungen bei Fackelarbeiten in der Nähe des Erdgasfeldes hätten bislang keine auffälligen Werte ergeben. Bereits 2012 hatte das LBEG Messungen in der Region durchgeführt. Auch damals gab es keine auffälligen Befunde. Wegen der erhöhten Krebsrate im Landkreis Rotenburg lässt das Land Niedersachsen seit Julli 2015 insgesamt 200 Erdgasförderplätze auf mögliche Schadstoffbelastungen untersuchungen. Erste Zwischenergebnisse brachten allerdings keine auffälligen Werte hervor. Die 1,8 Millionen Euro teure Untersuchung soll Ende diesen Jahres abgeschlossen sein.

Umweltmediziner skeptisch

Der Umweltmediziner Matthias Bantz aus Rotenburg, der im vergangen Jahr einen Brandbrief von 200 Ärzten aus der Region an Niedersachsens Gesundheitsministerin Cornelia Rundt (SPD) initiiert hatte, glaubt den neuen Untersuchungsergebnissen erstmal nicht: „Die haben gemessen, ohne dass gefackelt wurde. Messungen von reiner Heideluft sind natürlich ideal für Exxon.“ Das Erdgasunternehmen ist Betreiber der umstrittenen Förderstätte in Söhlingen.

Auch Hartmut Horn von der örtlichen Bürgerinitiative „Frackloses Gasbohren“ bleibt in dieser Frage spektisch: „Das ist ein vorläufiges Ergebnis.“ Mitglieder der Bürgerinitiative wollen beobachtet haben, dass das Abfackeln wegen der Messungen verschoben wurde. Horn fragt sich zudem, wie unabhängig das vom LBEG beauftragte Labor tatsächlich ist.

Befragung der Bürger beendet

Unterdessen hat der Landkreis Rotenburg die Befragung der Bevökerung in der Samtgemeinde Bothel im Zusammenhang mit der erhöhten Krebsrate abgeschlossen. 7000 Fragebögen wurden an Einwohner ab 16 Jahren verschickt, 5000 Antwortbögen bearbeitet, 370 telefonische und persönliche Gespräche mit Betroffenen geführt.

Die Daten werden in den kommenden sechs Monaten beim Landesgesundheitsamt ausgewertet. Ursprünglich sollten die Ergebnisse schon lange vorliegen, doch die Befragung dauerte länger als geplant. „Für die Betroffenen war es nicht leicht, über ihre Krankheit oder die Krankheit ihrer Angehörigen offen zu sprechen“, erklärte der Leiter des Gesundheitsamtes, Frank Stümpel. Mit den Daten habe man eine wichtige Grundlage für die weiteren Untersuchungen, so Landrat Hermann Luttmann: „Wir wollen der Ursache für der gehäuften Krebserkrankungen auf den Grund gehen.“

Bereits 2012 hatte das niedersächsische Krebsregister eine Häufung von Leukämien und Lymphomen bei Männern in der Samtgemeinde Bothel festgestellt. Zwischen 2003 und 2012 gab es fast doppelt so viele Erkrankungen wie statistisch zu erwarten gewesen wären. Auch in der Stadt Rotenburg war die Krebsrate im gleichen Zeitraum erhöht. Als im vergangenen Jahr noch immer keine Ergebnisse der Befragung vorlagen, forderten 200 Mediziner das Land auf, seiner Fürsorgepflicht endlich nachzukommen und Geld in die Ursachenforschung zu investieren. Initiator Matthias Bantz: „Das dauert viel zu lange, auch weil die Behörden nicht genug Personal haben.“

Offener Brief an Exxon

Exxon hatte in der Vergangenheit immer wieder betont, dass keine Gefahr von der Erdgasförderung ausgehe. Derzeit plant das Unternehmen eine umstrittene Anlage zur Behandlung von Reststoffen in Söhlingen. Die Einladung der Samtgemeinde Bothel zu einer Informationsveranstaltung am Mittwoch um 18 Uhr im Gasthof Meyer in Hemslingen hat das Unternehmen im Gegensatz zum Landesbergamt ausgeschlagen. In einem offenen Brief an Exxon Mobil erklärte Samtgemeindebürgermeister Dirk Eberle: „Die Skepsis, ja das Misstrauen der Bürgerinnen und Bürger in der Region wird weiter wachsen, wenn Sie es nicht einmal für erforderlich halten, an einem solchen Informationsabend teilzunehmen.“ Er forderte Exxon auf, einen Zusammenhang zwischen den Krebsfällen und der Erdgasförderung nicht von vornherein auszuschließen. „Es gibt hier Menschen, die aus irgendeinem Grund an Krebs erkranken und sterben“, betont Eberle. Die Samtgemeinde werde weiter kompromisslos nach der Ursache zu suchen.

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