Niedersachsen erlaubt Exporte aus Vogelgrippe-Sperrbezirken unter strengen Auflagen Küken soll Tötung erspart bleiben

Hannover/Oldenburg. Niedersachsen will die Tötung von Hunderttausenden gesunder Eintagsküken in Vogelgrippe-Sperrbezirken nicht dulden. Brütereien sollen deshalb Ausfuhrgenehmigungen unter strengen Auflagen erhalten.
20.01.2017, 00:00
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Küken soll Tötung erspart bleiben
Von Martin Wein

Hannover/Oldenburg. Niedersachsen will die Tötung von Hunderttausenden gesunder Eintagsküken in Vogelgrippe-Sperrbezirken nicht dulden. Brütereien sollen deshalb Ausfuhrgenehmigungen unter strengen Auflagen erhalten. Außerdem soll das Fleisch gesunder Tiere aus Sperrbezirken in Deutschland künftig ohne einen Stempelvermerk frei verkauft werden. Über diese Auslegung der entsprechenden EU-Verordnung hat das Landwirtschaftsministerium jetzt alle Landkreise informiert.

Für beide Regelungen hatte sich in den vergangenen Wochen die Geflügelwirtschaft mit einer eigenen Studie eingesetzt. „Es ist ethisch einfach nicht vertretbar, gesunde Tiere vorsorglich zu töten und gesundes Fleisch zu vernichten“, sagt Friedrich-Otto Ripke, Verbandspräsident der Niedersächsischen Geflügel-Wirtschaft (NGW). Die Branche hält in Niedersachsen insgesamt rund 105 Millionen Hühner, Puten, Enten und Gänse. Rund 270 000 Tiere wurden seit dem ersten Auftreten des hochansteckenden H5N8-Virus Mitte November im Land vorsorglich getötet. Nach dem Nachweis in einem Entenbestand bei Diepholz wurde das Virus inzwischen in 14 Betrieben, überwiegend Putenzuchtanlagen, registriert. Um die weitere Ausweitung zu verhindern, sind nach Zählung des Ministeriums ­aktuell 971 Sperrbezirke ausgewiesen.

Ripke schätzt den entstandenen Schaden auf mehrere Millionen Euro. Betriebe, ­deren Tiere auf behördliche Anordnung getötet werden, haben Anspruch auf eine staatliche Entschädigung. Wer gesunde Tiere nicht mehr verkaufen kann, weil ihr Fleisch innerhalb der dreiwöchigen Sperrfrist nach einer EU-Verordnung von 1991 einen sogenannten Kreuzinnenstempel erhält, geht hingegen leer aus – es sei denn, er hat eine spezielle Versicherung abgeschlossen. ­Viele Landwirte halten die Tiere deshalb länger im Stall als vorgesehen und müssen sie weiterhin füttern und den folgenden Produktionszyklus verschieben.

Bei den Küken kommt hinzu, dass vielen gesunden Tieren die vorzeitige Tötung droht, da in den Brütereien kein Platz für sie vorhanden ist, eine Ausfuhr aus den Sperrbezirken aber bislang untersagt war. Tausende Tiere sollen deshalb in den vergangenen Wochen bereits getötet worden sein. „Eine Tötung von Küken aus wirtschaftlichen Gründen wäre ein Verstoß gegen das Tierschutzgesetz“, warnt Ministeriumssprecher Klaus Jongebloed. Man gehe entsprechenden Medienberichten gerade nach. Gleichzeitig müssten die Brütereien die Anzahl ihrer Bruteier reduzieren, wenn sie dafür keine Abnehmer hätten. „Natürlich ­brütet niemand Eier aus, wenn er die Küken nicht loswird. Aber es waren mehrere Hunderttausend befruchtete Eier bereits im Brüter als die Sperrbezirke eingerichtet wurden“, entgegnet Ripke.

Ein Kunstgriff soll jetzt für Entlastung sorgen. Stammen die Eier selbst nicht aus den betroffenen Gebieten, gibt es eine Ausnahmegenehmigung für Küken auch für den Export innerhalb und aus der EU. In verplombten Käfigen dürfen die Tiere auf festgelegten Routen abtransportiert werden. Ein Veterinär muss die Sendung entgegennehmen und überprüfen. Weibliche Putenküken würden bevorzugt nach Polen ausgeführt, wo – anders als in Deutschland – die Hennenzucht stark im Aufbau sei, so Ripke.

Obgleich die Vogelgrippe in diesem Jahr europaweit so stark wütet wie noch nie zuvor, sieht Geflügelzüchter-Chef Ripke die Lage noch entspannt. „Die Zahl der betroffenen Tiere im Land ist verhältnismäßig gering.“ Auch dass die Konzentration der Brut- und Zuchtbetriebe in den Landkreisen ­Oldenburg und Cloppenburg die Lage verschärfen könnte, lässt er so nicht gelten. „Durch die Nähe von Brutbetrieben, Futtermittelproduzenten, Aufzuchtbetrieben und Schlachthäusern verkürzen wir die Wege und minimieren Transporte und damit Infektionsgefahren.“ Außerdem sei ein Höchstmaß an Seuchenschutzkompetenz entstanden. 2008 hatten die NGW zusammen mit den Kreislandvolkverbänden Cloppenburg, Oldenburg und Vechta, dem Hauptverband des Osnabrücker Landvolkes, dem Landvolkverband Niedersachsen und der In­teressengemeinschaft der Schweinehalter die Gesellschaft für Seuchenvorsorge gegründet, die bei Tierseuchen schnell und tierschutzgerecht die Räumung von Tierbeständen organisieren soll. „So ein System gibt es weltweit nirgendwo sonst“, betont Ripke.

Das Agrarministerium plädiert trotzdem für eine deutliche Auflockerung und Reduzierung der Bestandsdichte in den Geflügelpestregionen. Ministeriumssprecher Jongebloed sagt: „Neubelegungen im Umkreis von fünf Kilometern um Ausbruchsbestände werden nicht mehr erlaubt.“

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