Interview zum Aus vieler Landgasthöfe

Dehoga-Chef: Das ist ein Verlust für die Dorfkultur

Seit einigen Jahren ist zu beobachten, dass die Zahl der Landgasthöfe sinkt. Die Corona-Krise beschleunigt das Aussterben, sagt Rainer Balke, Hauptgeschäftsführer der Dehoga Niedersachsen im Interview.
01.08.2020, 05:00
Lesedauer: 3 Min
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Dehoga-Chef: Das ist ein Verlust für die Dorfkultur
Von Silke Hellwig
Dehoga-Chef: Das ist ein Verlust für die Dorfkultur

Immer mehr Landgasthöfe verschwinden. Die Corona-Krise beschleunige diesen Prozess mein Niedersachsens Dehoga-Geschäftsführer Rainer Balke.

Alexander Bösch
Herr Balke, leiden die Wirte von Landgasthöfen unter der Corona-Krise besonders, womöglich stärker noch als ihre Kollegen in der Stadt?

Rainer Balke : Das kann man nicht bestreiten. Die Dorfgasthöfe haben schon seit einigen Jahren Schwierigkeiten. Das heißt, für die Betriebe, die ohnehin schon große wirtschaftliche Sorgen hatten, ist die Corona-Krise der K.o.

Gibt es Zahlen zum Verschwinden solcher gastronomischen Betriebe?

Nein, das wird bei uns nicht eigens ausgewertet. Aber wir haben vor einigen Jahren eine Erhebung über sogenannte Kleinstgastronomie in Lüneburg, Hannover und den entsprechenden Regionen gemacht und festgestellt, dass Kleingaststätten unter Umsatzrückgängen leiden, sowohl in städtischer Lage als auch auf dem Land.

Das Problem vieler Landgasthöfe ist, dass sie zumindest teilweise von größeren Familienfeiern, von Vereinstreffen und ähnlichen Veranstaltungen leben.

So ist es. Bei denen, die Restaurants betreiben, sind die Gäste weggeblieben. Jetzt kommen sie zurück, aber wegen der Auflagen nur in Teilen. Manche dieser Gasthöfe haben ihr À-la-carte-Geschäft bereits eingestellt, weil es sich irgendwann nicht mehr gelohnt hat. Sie öffnen nur nach Bedarf, am Wochenende, wenn Ausflügler unterwegs sind, oder für gebuchte Veranstaltungen wie Hochzeiten, Jubiläen und Geburtstage. Das fällt jetzt, angesichts der Beschränkungen, weitgehend aus. Manche haben 100 Prozent ihrer Veranstaltungen eingebüßt, meist bis in die zweite Jahreshälfte hinein.

Rainer Balke ist seit 1992 als Hauptgeschäftsführer für den Deutschen Hotel- und Gaststättenverband Niedersachsen.

Rainer Balke ist seit 1992 als Hauptgeschäftsführer für den Deutschen Hotel- und Gaststättenverband Niedersachsen.

Foto: Barbara Szymanski
Man kann doch auch in einem etwas kleineren Rahmen feiern.

Das kann man, aber wer mit 200 Leuten ausgelassen seine Hochzeit feiern will, mit einem langen Büffet und Schwoofen, bis der Schweiß strömt und man gemeinsam Schlager singt, der kann mit einer Feier auf Abstand und mit Mundschutz wenig anfangen. Alles, was zu so einem Fest in der Regel dazugehört, ist untersagt, weil es hochinfektiös ist. Und viele sagen: Wenn ich das nicht darf, dann will ich gar nicht feiern. Darunter leiden diese Gasthäuser momentan sehr. Manche werden dieses Jahr nicht überleben. Corona ist der Dolchstoß für sie.

Dann haben die Bürger der Gemeinde nichts mehr, wo sie ihren runden Geburtstag oder die Hochzeit feiern können. Das ist für die dörfliche Gemeinschaft von Nachteil.

Das kann man nicht verneinen. Diese Entwicklung beobachten wir seit geraumer Zeit. Die Gewohnheiten der Bevölkerung, auch die Kommunikationsgewohnheiten, verändern sich, das hat Folgen. Im Grunde wiederholt sich, was in der Nahversorgung geschehen ist: Die Tante-Emma-Läden um die Ecke wurden geschlossen, weil die Dorfbewohner zum Einkaufen in den Discounter in der nächsten Stadt fahren. Wenn der Laden dann nicht mehr da ist, wird er furchtbar vermisst. Die Frage ist, ob man Gaststätten, die einmal geschlossen waren, reaktivieren kann. Ich bin da skeptisch.

Weil es in vielen Fällen ohnehin schon an Nachfolgern mangelt?

Das Gastgewerbe an sich ist nicht ertragsstark. Man wird nicht reich, wenn man so einen Gasthof führt. Man muss Idealist sein. Die Wirte, die halbwegs gut verdienen, arbeiten sehr viel und lassen ihre privaten Bedürfnisse außer Acht. Gerade für viele jüngere Menschen ist das nicht mehr sonderlich attraktiv. Deshalb gibt es gut geführte Gaststätten, deren Wirte händeringend nach einem Nachfolger suchen, aber keinen finden.

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In manchen Gemeinden werden wieder Dorfläden in Eigenregie von Genossenschaften betrieben. Wäre das auch ein Modell für Gasthäuser?

Es gibt solche Ansätze, wo Vereine versuchen, den Betrieb wieder aufzunehmen. Im Prinzip ist nichts dagegen einzuwenden, aber die Wettbewerbsbedingungen müssen stimmen. Wenn solche Projekte aus dem kommunalen Haushalt unterstützt werden oder die kommunale Immobile pachtfrei zur Verfügung gestellt wird, ist das für den Gastronomen zwei Dörfer weiter ein großes Problem. Da muss man also genau hingucken. Gewerbeausübung bedeutet auch, dass man vor Ort greifbar und verantwortlich ist, das kann man nicht als Hobby betreiben. Deshalb werden solche Zweckverbünde meist schnell von der Realität eingeholt.

Das Sterben der Gasthäuser auf dem Land wird also nicht aufzuhalten sein?

Ich fürchte nicht, und das ist ein Verlust für die Dorfkultur. Aber alle, die Krokodilstränen weinen, müssen sich vor Augen halten, dass sie selbst einen Beitrag leisten müssen, wenn sie das Gasthaus im Ort erhalten wollen. Sie müssen dort Kunde sein und für Umsatz sorgen. Auch die Ortspolitiker sind gefragt. Wenn die Erträge nicht reichen, um das Kommunikationszentrum im Dorf zu erhalten, müssen sie sich überlegen, wie sie einspringen und unterstützen können. Das ist unser Appell: Denkt daran, wenn das Gasthaus erst einmal geschlossen ist, ist es ganz schwierig, es wieder zu öffnen.

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Das Gespräch führte Silke Hellwig.

Info

Zur Person

Rainer Balke

ist Rechtsanwalt und seit 1992 als Hauptgeschäftsführer für den Deutschen Hotel- und Gaststättenverband Niedersachsen tätig.

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