Niedersachsen

Lehrkräfte am Limit

Die drei großen Lehrerverbände in Niedersachsen fordern 7000 neue Stellen für Pädagogen und 750 Millionen Euro pro Jahr für die Digitalisierung und Sanierung von Schulen.
05.05.2021, 20:51
Lesedauer: 4 Min
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Lehrkräfte am Limit
Von Peter Mlodoch
Lehrkräfte am Limit

Fordert mehr Personal und Geld für die Schulen: GEW-Landeschefin Laura Pooth.

Julian Stratenschulte/dpa

7000 neue Lehrerstellen, schnelle Sanierung von maroden Schulen: Vor den jetzt anstehenden Haushaltsberatungen der SPD/CDU-Landesregierung haben die Lehrerverbände GEW, VBE und VNL gemeinsam eine umfassende Investitionsoffensive gefordert. Das Land müsse dafür 750 Millionen Euro pro Jahr zusätzlich bereitstellen. Das gelte gerade jetzt in der Pandemie, meinte der Vorsitzende des Verbandes Bildung und Erziehung (VBE), Franz-Josef Meyer, am Mittwoch in Hannover. „Corona hat die Schwachstellen schonungslos aufgedeckt.“ Meyer verwies auf verstopfte Toiletten, defekte Heizungen, nicht zu öffnende Fenster, bröckelnde Decken und ein nicht funktionierendes Internet. Mehr als 60 Prozent der rund 3000 Schulen im Land seien betroffen; der Sanierungsbedarf betrage rund fünf Milliarden Euro.

Die Landeschefin der Gewerkschaft GEW, Laura Pooth, beklagte enorme Belastungen der Lehrkräfte, die durch die Pandemie und die verschiedenen Unterrichtsszenarien noch mal deutlich zugenommen hätten. „Gesundheitsschutz ist mehr als Testen, Impfen und Hygiene.“ Die Lehrkräfte arbeiteten weit über Limit und könnten den Interessen ihrer Schüler nicht mehr gerecht werden. Schon 2018 habe die vom Kultusministerium eingesetzte Arbeitszeitkommission festgestellt, dass allein an Grundschulen, Gesamtschulen und Gymnasien 3600 neue Stellen nötig seien, um zu spürbaren Entlastungen zu können. Für den gesamten Bereich brauche man hochgerechnet 7000 neue Lehrer. Notwendige Sozialpädagogen und Schulpsychologen seien da noch gar nicht eingerechnet. Pooth gestand ein, dass die benötigten Lehrer „nicht von heute auf morgen“ zu holen seien. Wichtig sei aber, mit einer spürbaren Personalaufstockung überhaupt erst mal zu beginnen.

„Die Bildung muss endlich die Mittel bekommen, die sie benötigt“, erklärte Torsten Neumann, Vorsitzender des Verbandes Niedersächsische Lehrkräfte (VNL/VDR). Die Finanzierungslücke betrage 750 Millionen Euro pro Jahr. Nur so könne Niedersachsen das von Bund und Ländern vor mehr als zehn Jahren selbstgesteckte Ziel erreichen, mindestens zehn Prozent des Bruttoinlandsprodukts in die Bildung zu stecken. „Ein Weiter-so darf es nicht geben.“

Schulleitermangel in Niedersachsen

Zeigt sich gesprächsbereit: Niedersachsens Kultusminister Grant Hendrik Tonne (SPD).

Foto: Julian Stratenschulte/dpa

Jeder Euro mehr für die Bildung sei ein Euro mehr für die Zukunft der Kinder, zeigte Niedersachsens Kultusminister Grant Hendrik Tonne (SPD) Sympathie für die Forderung der Verbände. „Es gilt angesichts der massiven Investitionen in die Corona-Bekämpfung gleichwohl realistisch zu sein, das Geld muss auch erwirtschaftetet werden – und zwar dauerhaft“, sagte Tonne dem WESER-KURIER. „Projektgelder sind häufig Strohfeuer, die nicht weiterhelfen.“ Er werbe deshalb dafür, dass sich Bund, Länder und Bildungsverbände an einen Tisch setzen und Vorschläge für nachhaltige, dauerhafte und strukturelle Finanzierungen zu sprechen. „Diesen Diskurs zu führen, ist definitiv richtig.“

Fraktionsvorsitzende der niedersächsischen Grünen

Kritisiert die niedersächsische Bildungspolitik: Julia Willie Hamburg (Grüne).

Foto: Moritz Frankenberg/dpa

Grünen-Fraktionschefin Julia Willie Hamburg warf Tonne dagegen „massive Versäumnisse“ bei Personalausstattung, Digitalisierung und Sanierung der Schulen vor. „Nicht einmal die bescheidenen Vorgaben aus dem Koalitionsvertrag für diese Regierungsperiode sind erfüllt.“ Kurzfristiges Stopfen von Löchern reiche nicht, schimpfte die Abgeordnete. „Der Bildungsbereich braucht wieder mehr Priorität - und das heißt natürlich auch mehr Geld für Investitionen und Personal.“

Unisono lehnten die drei Verbandschefs den milliardenschweren Nachhilfe-Topf von Bundesbildungsministerin Anja Karliczek (CDU) ab. Daraus sollen vor allem Kinder aus sozial benachteiligten Familien bei Aufholen versäumten Unterrichtsstoffs unterstützt werden. Dies sei jedoch nichts anderes als ein teures Konjunkturprogramm für kommerzielle Institute, kritisierte Pooth. „Das Geld sollte besser eins zu eins in die Schulen gehen“, meinte Meyer.

Skeptisch zeigten sich die Lehrervertreter auch gegenüber den Rufen nach einer „Sommerschule“, um verpasste Lerninhalte nachholen zu können. „Pauken und Nachsitzen brauchen die Schüler gerade nicht“, warnte die GEW-Chefin. „Stumpf rumsitzen ist keine Lösung“, erklärte Neumann. Gefragt seien vielmehr kreative Mitmachmodelle, wie sie Kultusminister Tonne im vergangenen Sommer mit Hilfe von Sportvereinen, Museen und Kirchen angestoßen habe.

Info

Zur Sache

Kritik an Inzidenz 165

Die von der SPD/CDU-Landesregierung am Vortag angekündigte weitere Öffnung der Schulen stieß auf ein geteiltes Echo der Lehrerverbände. Nach den Plänen von Kultusminister Grant Hendrik Tonne (SPD) soll es ab nächsten Montag in den Kommunen mit einem Inzidenzwert bis zu 165 Neuansteckungen pro 100.000 Einwohner wieder in den Wechsel-Unterricht mit geteilten Klassen gehen. Bisher lag die Grenze in Niedersachsen schon bei 100.

Diese im Vergleich zum Bund strengere Regel habe sich bewährt, betonte der Philologenverband. Dessen Vorsitzender Horst Audritz mahnte angesichts der jetzt steigenden Ansteckungsrisiken, die vor allem von den Schülern in die Schulen hineingetragen würden, drei statt wie bisher zwei Selbsttests der Kinder und Jugendlichen an. Torsten Neumann, Chef des Verbandes der Niedersächsischen Lehrkräfte (VNL), warnte vor einer trügerischen Sicherheit dieser Tests und protestierte gegen die hochgesetzte Grenze.

Die Vorsitzende der Gewerkschaft GEW, Laura Pooth, begrüßte dagegen das ausgeweitete Wechselmodell als positiv für Kinder und Jugendliche. Diese benötigten jetzt aber intensive pädagogische und psychologische Unterstützung: „Nach der langen Zeit ohne Präsenzunterricht kann man jetzt nicht so starten, als wäre nichts gewesen.“

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