Eine Reise zum ältesten Offshore-Bauwerk

Leuchtturm Roter Sand: Schlafen in der Deutschen Bucht

Der Leuchtturm Roter Sand ist das älteste Offshore-Bauwerk der Welt: Seit 1885 steht er in der Nordsee. Von Bremerhaven aus kann man ihn mit dem Schiff anfahren - unsere Reporterin hat es getan.
31.10.2017, 06:00
Lesedauer: 6 Min
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Leuchtturm Roter Sand: Schlafen in der Deutschen Bucht
Von Stefanie Heitmann
Leuchtturm Roter Sand: Schlafen in der Deutschen Bucht

Der Leuchtturm Roter Sand wurde 1885 erbaut - er ist damit das älteste Offshore-Bauwerk der Welt.

dpa

Er ist das maritime Symbol für die Menschen an der Nordsee: Der Leuchtturm Roter Sand ist seit seiner Erbauung im 19. Jahrhundert Symbol des Aufbruchs, der Heimkehr und Orientierungspunkt in rauer See.

Um den Turm aus unmittelbarer Nähe zu erleben, gibt es die Möglichkeit, per Schiff zum Leuchtturm Roter Sand zu fahren, ihn von innen zu erkunden und sogar auf ihm zu übernachten. Doch nur, wenn das Meer es zulässt.

Zimmer mit Aussicht: Gäste, die sowohl eine Tagesfahrt als auch eine Übernachtung auf dem Roten Sand gebucht haben, können einen einmaligen Blick über die Weite der Nordsee vom obersten Stockwerk des Leuchtturms genießen. Spielt das Wetter jedoch nicht mit und die "Lev Taifun" kann nicht anlegen, wird aus einer Übernachtung auch mal eine zweite.

Zimmer mit Aussicht: Gäste, die sowohl eine Tagesfahrt als auch eine Übernachtung auf dem Roten Sand gebucht haben, können einen einmaligen Blick über die Weite der Nordsee vom obersten Stockwerk des Leuchtturms genießen. Spielt das Wetter jedoch nicht mit und die "Lev Taifun" kann nicht anlegen, wird aus einer Übernachtung auch mal eine zweite.

Foto: Stefanie Heitmann

Elf Grad im August

„Wir versuchen alles, damit wir am Turm anlegen können. Versprechen können wir aber nichts.“ Ein Mitglied der Crew bereitet die Tagesgäste schon mal vorsichtig darauf vor, dass es mit dem Anlegen am Roten Sand an diesem Tag im August vielleicht nichts wird. Der Wind weht böig und das Meer ist aufgewühlt. Die Temperaturen norden schon mal auf die Fahrt ein: Es sind gerade einmal frische elf Grad Celsius.

„Und die Leute, die die Nacht da verbracht haben?“, fragt einer der Reisenden. „Ja dann müssen die eben warten. Wenn es heute nicht klappt, dann vielleicht morgen.“ Der Seemann lässt sich nicht aus der Ruhe bringen. „Es geht nur, wenn die Wellen nicht höher als einen Meter sind. Es ist sonst zu gefährlich, am Turm festzumachen.“ So ist das auf See.

Am Morgen zeigt sich die Nordsee zu Beginn von ihrer rauen Seite. Es regnet in Bremerhaven. Das Schiff namens „Lev Taifun“, ein ehemaliger Tonnenausleger Baujahr 1964, liegt im Hafenbecken des Westkais. Auf dem umgebauten Deck des knapp 42 Meter langen Schiffes steht ein Zelt, das die Mitreisenden vor Regen und Wind schützen soll. In seinem Inneren stehen ein paar Tische und Stühle sowie eine kleine Bar.

„Am besten kerzengerade ins Meer springen“

Sechs Gäste wollen an diesem Morgen zum Roten Sand. Einige von ihnen freuen sich besonders auf die Fahrt, denn die Plätze auf dem Schiff sind begrenzt und es gibt eine Warteliste. Gerade weil das schlechte Sommerwetter in diesem Jahr auch dazu führte, dass viele Fahrten ausfallen mussten. An Bord der „Lev Taifun“ macht sich unter den Tagesgästen Abenteuerstimmung breit, als die Fahrt beginnt. Fast alle Teilnehmer sind eingefleischte Landratten, bei einigen hört man einen weichen süddeutschen Dialekt heraus.

Rolf Pilz (Mitte), Vorsitzender des Fördervereins Leuchtturm Roter Sand, betreut Gäste, die über Nacht auf dem Leuchtturm bleiben.

Rolf Pilz (Mitte), Vorsitzender des Fördervereins Leuchtturm Roter Sand, betreut Gäste, die über Nacht auf dem Leuchtturm bleiben.

Foto: Stefanie Heitmann

Als das Schiff das Klimahaus, den Zoo am Meer und auch den Containerhafen passiert, klicken die Fotoapparate ohne Unterlass. Nachdem die erste Begeisterung für die Hafenkulisse Bremerhavens ein wenig abgeebbt ist, folgt eine Sicherheitseinweisung durch ein Mitglied der Crew.

Mit dem so typischen trockenen Seemannscharme erklärt der Mann, welche Signaltöne was bedeuten, wie die Rettungswesten funktionieren und was zu tun ist, wenn man über Bord geht. „Am besten kerzengerade ins Meer springen wenn nötig, das verhindert Verletzungen.“ Glaubt man den Gesichtsausdruck des ein oder anderen Reisenden richtig deuten zu können, so scheint der maritime Ausflug gerade etwas an seinem unbeschwerten Flair zu verlieren.

Roter Sand: Erstes Offshore-Bauwerk der Welt

„Keine Sorge, die Nordsee hat gerade 17 Grad Wassertemperatur. Das ist eher wie eine Wellness-Behandlung“, scherzt der Seemann. Die „Lev Taifun“ sei aber ein sicheres Schiff, keiner brauche sich zu sorgen. Das Hinweisen auf Gefahren gehöre nun einmal dazu. Darauf brauchen einige Gäste erst einmal eine Stärkung und der Smutje sorgt mit kleinen Snacks für Ablenkung.

Etwa zweieinhalb bis drei Stunden braucht die „Lev Taifun“ vom Westkai bis zum Roten Sand. Den Seeweg säumen diverse Bojen, Tonnen, Leuchtfeuer und Schifffahrtszeichen. Doch keine dieser modernen Navigationshelfer ist so beeindruckend wie der Rote Sand. 1885 wurde das erste Offshore-Bauwerk der Welt eingeweiht. Die besondere Leistung der Ingenieure bestand darin, das Fundament auf dem Meeresboden zu verankern. Dazu wurde eine Technik angewendet, die auch heute noch bei der Errichtung von Windkraftanlagen benutzt wird: Man versenkte einen etwa im Durchmesser 30 Meter großen Ring auf dem Meeresboden und goss diesen mit Beton aus. Darauf wurde dann der Turm errichtet.

Die Leuchtfeuer des Roten Sands sind mittlerweile erloschen.

Die Leuchtfeuer des Roten Sands sind mittlerweile erloschen.

Foto: Stefanie Heitmann

Für viele Auswanderer das letzte Bauwerk vor Amerika

Bis 1964 wurde der Turm noch in seiner ursprünglichen Funktion genutzt. Seit 1999 gibt es Tagesfahrten und die Möglichkeit, auch über Nacht auf dem Leuchtturm zu bleiben. Seit 1987 ist die Deutsche Stiftung Denkmalschutz Besitzer des Bauwerks. Heute hat der Leuchtturm keinerlei nautische Funktion mehr.

Rund drei Stunden nach dem Ablegen und dem Passieren unzähliger großer und kleiner Fracht- und Containerschiffe taucht der Turm endlich am Horizont auf. Im Übrigen ist der Turm einzig von der Insel Wangerooge aus von Land zu sehen. Für viele Auswanderer im 19. und 20. Jahrhundert war der Leuchtturm mit seinem markanten Anstrich das letzte Bauwerk, das sie sahen, bevor sie in die Neue Welt aufbrachen.

Als die „Lev Taifun“ endlich den Leuchtturm erreicht, hat sich die See mittlerweile beruhigt und die Crew beginnt mit dem Andocken. Um in das Innere des Turmes zu gelangen, wird eine Metallbrücke an der festen Außenleiter des Turms verankert. Ein Netz, das die Seemänner um die Brücke spannen, soll verhindern, dass ein Gast, falls er stürzt, im Meer landet. Von innen wird die einzige Zugangstür des Leuchtturms von Rolf Pilz geöffnet. Der Vorsitzende des Fördervereins Leuchtturm Roter Sand hat die Nacht mit fünf Gästen auf dem Turm verbracht. Sie sind die letzten Übernachtungsgäste in diesem Jahr.

Der Turm wird mit einer Brücke mit der „Lev Taifun“ verbunden.

Der Turm wird mit einer Brücke mit der „Lev Taifun“ verbunden.

Foto: Stefanie Heitmann

Fünf Etagen im Leuchtturm

Der Weg zwischen Schiff und Turm ist nichts für Menschen mit Höhenangst: Die Metallbrücke ist am unteren Teil der Außentreppe verankert, danach muss man etwa vier Meter Höhenunterschied auf rutschigen Metallsprossen überwinden, um die Zugangspforte zu erreichen.

Und während die Übernachtungsgäste den Turm wieder verlassen, wuchten die Crew-Mitglieder der „Lev Taifun“ schwere Seesäcke mit Gepäck und Utensilien an Bord. Für die Tagesreisenden kommt nun der spannendste Moment: den Roten Sand erkunden.

Im Inneren des Turms führt eine eiserne Wendeltreppe von einer der fünf Etagen in die nächste. Neben einem Schlafraum, in dem noch die originalen hölzernen Stockbetten stehen, in denen einst die Leuchtturmwärter nächtigten, gibt es eine kleine Küche und einen Aufenthaltsraum. Von diesem aus sind die Balkone auf dem Dach erreichbar, von denen die Aussicht in die Weite des Meeres einmalig ist. Der rot-weiße Anstrich des Turms markiert die einzelnen Stockwerke.

2018 soll der Rote Sand neu gestrichen werden

An mancher Stelle ist zu sehen, wie der Zahn der Zeit am Leuchtturm nagt. „2018 bekommt der Rote Sand einen neuen Anstrich“, sagt Pilz. Auch die Fenster müssen repariert und Rost entfernt werden. Zuletzt wurden 2011 Reparaturarbeiten ausgeführt. Wenn alles planmäßig verläuft, dürfte den Gästefahrten im nächsten Sommer nichts im Wege stehen. Für Pilz ist der Turm etwas Besonderes: „Der Rote Sand ist ein einmaliges Bauwerk mit hoher Symbolkraft.“

Nachdem auch der letzte Gast den Turm ausgiebig erkundet hat, wird der Rote Sand von außen verschlossen. Die „Lev Taifun“ macht sich wieder auf den Heimweg. Für den Leuchtturm kommt nun die Zeit der Winterruhe. Bis es 2018 wieder Besucher zu dem einmaligen Bauwerk zieht. Wenn es das Meer zulässt.

Wissenswertes:

Der Name des Leuchtturms soll von einer Legende herrühren: Wie man sich erzählte, soll ein Riese namens Rik bei Bremerhaven an der Unterweser gelebt haben. An einem Frühjahr aber führte die Weser ungewöhnlich viel Wasser und Eis und überspülte die Burg des Riesen. Eine scharfkantige Eisscholle traf dabei Rik und riss eine große Wunde in seinen Körper. Das Blut strömte weserabwärts und ergoss sich über eine nahe Sandbank, die daraufhin den Namen „Roter Sand“ erhielt und auf der später der gleichnamige Leuchtturm errichtet wurde. Nachzulesen ist die Sage in „Der Klabautermann und andere Sagen und Geschichten in und um Bremerhaven“ von Eberhard Michael Iba, Riemann-Verlag.

Die Fahrt zum Roten Sand von Bremerhaven aus dauert ca. 2,5 Stunden und kann über www.bremerhaven.de/tourismus gebucht werden. Tagesfahrten mit Besichtigung des Turmes beziehungsweise Übernachtungen auf dem Roten Sand sind nur in den Monaten Juni, Juli und August und nur für Personen ab zwölf Jahren möglich.

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