Neues Zentralgebäude der Leuphana-Universität Lüneburger Uni-Neubau teurer als geplant

83 Millionen Euro statt der einst geplanten 58 - so viel kostet der Neubau der Lüneburger Leuphana-Universität mittlerweile. Von einer "neuen Elbphilharmonie" könne aber nicht die Rede sein, heißt es an der Uni.
01.06.2016, 00:42
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Lüneburger Uni-Neubau teurer als geplant
Von Peter Mlodoch

83 Millionen Euro statt der einst geplanten 58 - so viel kostet der Neubau der Lüneburger Leuphana-Universität mittlerweile. Von einer "neuen Elbphilharmonie" könne aber nicht die Rede sein, heißt es an der Uni.

Die Zinkplatten blitzen leicht in der Sonne, fast wie eine Art Augenzwinkern. „Seht her, hier läuft doch alles nach Plan“, soll wohl die Botschaft an den Besucher auf der Baustelle des neuen Zentralgebäudes der Leuphana Universität Lüneburg lauten. Der Spiegeleffekt werde allerdings bald verschwinden, sagen die Experten und sprechen vom „erwünschten Verwitterungseffekt“, der das Metall im Laufe der Zeit matter und dunkler mache. Die Nachbarn, die sich vielleicht geblendet fühlen könnten, wird es freuen. Der futuristischen Fassade des Baus nach den Entwürfen des New Yorker Stararchitekten Daniel Libeskind dürfte der Farbwechsel aber kaum etwas anhaben können.

Zacken, Kanten, Winkel Schrägen – das alles kommt mit dem Abbau der Gerüste nach und nach zum Vorschein. Auf der bereits freiliegenden Westseite gleicht kein Fenster dem anderen. Das künftige Studierendenzentrum, in das Seminarräume und Mensa einziehen sollen, schiebt sich elegant vor das an der Südspitze siebenstöckige Forschungszentrum mit dem nach Norden abschüssigen Dach. Dass einige zu Bruch gegangene Scheiben provisorisch durch Holzbretter ersetzt wurden, tut der spektakulären, durchaus umstrittenen Optik, die je nach Betrachter an ein Kreuzfahrtschiff in der Hafeneinfahrt oder einen Raumtransporter aus einen Science-Fiction-Film erinnert, keinen Abbruch. Nach dem Sommer sollen sämtliche Bauteile außen von den Gerüstteilen befreit sein.

Geneigte Außenwände, steile Kanten: "Typische Libeskind-Architektur"

Schon jetzt gibt es mit jedem Schritt eine neue Überraschung. „Das ist die typische Libeskind-Architektur“, schwärmt Projektleiterin Susanne Leinss mit ansteckender Begeisterung. Fast alle Außenwände sind geneigt, eine gar um schwindelerregende 25 Grad von der Senkrechten weg. Mal klettert eine Kante steil in die Höhe, mal fällt die Mauer in einem sanften Bogen ab. Selbst die Aussparung für einen Lüftungsschacht in der Zinkfassade wirkt wie gewollt.

Drinnen setzt sich die ungewöhnliche Formgebung munter fort. Im Schmelzpunkt von Foyer, Veranstaltungssaal und Forschungszentrum soll die offene Bauweise bis unters Dach mit Durchbrüchen, Galerien und Oberlichtern für eine kommunikative Atmosphäre sorgen. Auch hier sind die meisten Wände schief, deren Belag wechselt von schlichtem Sichtbeton über eine LED-beleuchtete Verkleidung aus Pressholz bis hin zu knallrot gestrichenen Gipskartonplatten. Auf den Dachschrägen, die mit ihrer geschwungenen Neigung entfernt an Skiabfahrtspisten erinnern, ist eine Begrünung vorgesehen. Dass der Libeskind-Look nicht allen Lüneburgern gefällt, ist natürlich klar. „Das gesamte Gebäude polarisiert“, wissen die Leuphana-Verantwortlichen.

Die Skepsis hängt allerdings auch und gerade mit den vielen Problemen des Baus zusammen. Immer teurer, immer später, so die Dauerkritik. 58 Millionen Euro hatte der Niedersächsische Landtag einst bewilligt, vor zwei Jahren wuchs die Summe auf 72,85 Millionen Euro. Jetzt beziffert das Wissenschaftsministerium in einem neuen Statusbericht, der am Mittwoch in vertraulicher Sitzung dem Haushaltsausschuss des Parlaments präsentiert werden soll, die bislang fest entstandenen Baukosten nach Informationen des WESER KURIER auf 83,2 Millionen Euro. Die Risikosumme wird in dem Papier sogar auf 92,6 Millionen Euro taxiert – mit dem ausdrücklichen Hinweis, dass man mit der Realisierung dieser Risiken durchaus rechnen müsse.

Uni-Mitarbeiter: Vergleich mit anderen Skandalbauten unfair

Weder Ministerium noch Universität wollen diese Beträge offiziell bestätigen. Dahinter steckt auch die Sorge, dass dies einen neuen Preissprung auslösen könne. Wenn die Baufirmen mitbekämen, dass über höhere Summen geredet werde, könne dies gewisse Begehrlichkeiten auf Nachschläge auslösen, heißt es in Hannover. Man erarbeite derzeit einen aktuellen Nachtrag, berichtet Uni-Sprecher Henning Zühlsdorff. Dieser werde in Kürze dem Wissenschaftsministerium überreicht, der Haushaltsausschuss werde dann nach der Sommerpause darüber befinden. Weil die vor zwei Jahren von den Abgeordneten genehmigte Summe von 72,85 Millionen Euro über 15 Prozent längst überschritten wird, ist laut Landeshaushaltsordnung ein neuer Beschluss des Landtages erforderlich. In Hannover will man dabei nicht ausschließen, dass auch das Land zu den Mehrkosten eine erkleckliche Summe beisteuern müsse.

Alle Beteiligten einschließlich Ministerium gehen indes davon aus, dass sich der Zeitplan für den Libeskind-Bau halten lässt. Danach soll das Zentralgebäude bis zum Jahresende fertiggestellt werden und bis Ende Januar 2017 die Inbetriebnahme erfolgen – so wie es die Europäische Union als Voraussetzung für ihren 14-Millionen-Euro-Zuschuss verlangt. Der Vergleich mit anderen Skandalbauten sei deshalb unfair, sagen die Uni-Mitarbeiter. So stehe der Eröffnungstermin des Flughafens Berlin-Brandenburg immer noch in den Sternen. Und die Kosten für die Elbphilharmonie in Hamburg hätten sich verzehnfacht. Davon könne in Lüneburg bei Weitem nicht die Rede sein.

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