Inselgemeinden sehen steigende Mieten Luxuspreise ohne Meerblick

Auf den niedersächsischen Inseln steigen die Mieten. Selbst Norderneys Bürgermeister kann sich nur eine kleine Wohnung auf der Insel leisten. Die Mietpreisbremse soll helfen, greift aber nur bedingt.
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Luxuspreise ohne Meerblick
Von Martin Wein

Auf den sieben niedersächsischen Inseln steigen die Mieten. Selbst Norderneys Bürgermeister kann sich nur noch eine kleine Wohnung auf der Insel leisten. Die Mietpreisbremse sollte helfen, greift aber nur bedingt.

Von wegen Strandidylle und Gründerzeit-Stuck: Etwas außerhalb des belebten Stadtkerns von Norderney mit dem Kurpark, dem modernen Badehaus und der legendären Milchbar am Wasser prägen schlicht verputzte, zweistöckige Mietskasernen das Bild ganzer Straßenzüge. In Hafennähe drängeln sich Wohnblocks aus roten Klinkern aneinander. Die Wohnungen darin sind oft bescheiden geschnitten, die Zimmer eng. „Viele Durchschnittswohnungen auf der Insel würde man auf dem Festland nur an sozialen Brennpunkten finden“, sagt Bürgermeister Frank Ulrichs. Der Verwaltungsbeamte wohnt selbst in beengten Verhältnissen. „Mehr kann ich mir hier nicht leisten.“

Trotzdem hat Glück, wer als Insulaner in einer der Mietwohnungen unterkommt, die die Stadt über ihre Wohnungsbaugesellschaft in den vergangenen drei Jahrzehnten erworben und errichtet hat. 600 Wohnungen sind inzwischen in ihrem Bestand. Ein Drittel der 6000 Norderneyer wohnt damit in Häusern der Kommune – und das für moderate sechs bis acht Euro pro Quadratmeter.

Mieten von zwölf bis 14 Euro pro Quadratmeter

Auf dem privaten Wohnungsmarkt sieht es ganz anders aus. Hier seien Mietpreise von zwölf bis 14 Euro üblich – ohne Luxus und Meerblick, berichtet Matthias Piszczan, der Inselbürgermeister von Spiekeroog. „Da können viele sich eine adäquate Unterkunft schlicht nicht leisten.“ Eine Versyltung der Inseln ist nicht ausgeschlossen. Denn wer sich mit einem Wohnklo nicht arrangieren mag, der zieht häufig fort.

Auch in Hannover wurden die jahrelangen Klagen der sieben Inseln mittlerweile gehört: Mit der Einführung der Mietpreisbremse zum 1. November will das Land der Entwicklung gegensteuern. Die wurde nicht nur in größeren Städten eingeführt, sondern auch in allen Inselgemeinden. Sozialministerin Cornelia Rundt (SPD) feierte die Maßnahme als großen Beitrag zum Mieterschutz. Anders als auf dem Festland darf auf den Inseln die Miete auch bei Bestandsmietern nur noch begrenzt angehoben werden.

Frank Ulrichs auf Norderney hat die Nachricht mit Genugtuung empfangen. In die Beratungen seien die Inselgemeinden und die Städte Borkum und Norderney erfreulicherweise intensiv einbezogen worden. Dennoch sieht Ulrichs in der Maßnahme nur einen weiteren Schritt zur Entlastung. Sein Spiekerooger Kollege wird deutlicher. Er spricht von einer „Steilvorlage für Vermieter“, die ohnehin bereits völlig überteuerten Mieten nochmals anzuheben. Zehn Prozent im Vergleich zur ortsüblichen Vergleichsmiete sind immerhin erlaubt.

Tatsächlich sind die Kommunen in einer Zangenbewegung eingeklemmt. Allein auf Norderney teilen sich die 6000 Insulaner die Insel jährlich von Ostern bis Oktober mit 530 000 Feriengästen. 3,8 Millionen Übernachtungen wurden 2015 gezählt. Seit einem Jahrzehnt ist die Tendenz beharrlich steigend. Der Tourismus ist die einzige nennenswerte Einnahmequelle der Stadt und ihrer Bewohner.

An Touristen vermieten ist lukrativer

Damit wächst die Versuchung, Wohnraum in Fremdenzimmer oder Ferienwohnungen umzuwandeln. Deren Preise werden auch mit der Mietpreisbremse nicht gedeckelt. „Da wird der eine oder andere Vermieter sich Gedanken machen“, schätzt Ulrichs. Zwar gibt es auf allen Inseln Gemeindesatzungen, die das nur mit Genehmigung aus dem Rathaus erlauben. „Aber was in jedem einzelnen Haus passiert, bekommt die Verwaltung natürlich nicht mit.“ Gleichzeitig wächst mit der Gästezahl der Wohnungsbedarf für Saisonkräfte der Beherbergungsbetriebe, Gastronomen und Geschäftsleute.

Auf der anderen Seite kann die Kommune nicht einfach Bauland ausweisen. 80 Prozent der Inselfläche gehören dem Land Niedersachsen und sind überwiegend Teil des Nationalparks Wattenmeer. Die Bereitschaft, Flächen als Bauland an die Stadt zu verkaufen, tendiert gen Null. Das Land wolle Land nur verpachten, berichtet auch der Spiekerooger Piszczan. „Wir sollen dann die Erschließungskosten tragen und haben das Risiko und das Land die Rendite“. Und selbst wenn die Kommunen Bauplätze ausweisen, ist das Resultat bescheiden. „Beim letzten Projekt auf Norderney kamen nur 16 von 95 berechtigten Bewerbern zum Zug“, berichtet Ulrichs. Die übrigen konnten die im Vergleich zum Festland häufig doppelt so hohen Baukosten schlicht nicht stemmen.

Während Norderney mit seiner Wohnungsbaugesellschaft inzwischen relativ gut aufgestellt ist, ist es für eine Zwerggemeinde wie Spiekeroog nur unter größten Mühen möglich, als Bauherr aufzutreten. Aktuell plant die Inselgemeinde einen Neubau mit immerhin 16 Wohneinheiten. Allerdings gibt es Fördergelder der N-Bank dafür nur, wenn die Bauherrin später sozialverträgliche Festmieten von 7,50 Euro berechnet. Das sei bei den hohen Baukosten und angesichts einer Klage gegen das Projekt mit entsprechendem Zeitverlust gar nicht kostendeckend möglich, glaubt Piszczan. 50 Wohnungen fehlen schätzungsweise auf Spiekeroog. Wie dieser auf den ersten Blick läppische Mangel je behoben werden soll, ist den Mitarbeitern im kleinen Inselrathaus indessen ein Rätsel.

Folgen der Mietpreisbremse sollen überwacht werden

Auf den Inseln wünscht man sich dringend, dass die Folgen der Mietpreisbremse nun zentral überwacht werden. Schließlich gebe es sonst keinen öffentlichen Einblick in den privaten Wohnungsmarkt. Entlastung verspricht man sich überdies von einer neuerlichen Änderung im bundesweiten Baugesetzbuch, die auf Betreiben der Inseln zum Jahresende in Kraft tritt. Damit soll verhindert werden, dass Investoren Stück für Stück ganze Häuser erwerben, um sie dann mit Gewinn als Ganzes an Investoren vom Festland zu veräußern.

Was in den Verwaltungen als vernünftig angesehen wird, stößt überdies längst nicht bei allen Insulanern auf Verständnis. Viele Eigentümer fühlen sich in ihren Rechten massiv eingeschränkt. Sie fürchten um die freie Verfügbarkeit ihres Kapitals. Bei den Kommunalwahlen im September hat diese Haltung bereits deutliche Spuren hinterlassen. Nachdem die FDP als einzige Partei auf der Insel im Vorfeld der Kommunalwahl erklärte, sie wolle die Einschränkungen nicht mehr mittragen, stellt sie statt vorher einem nunmehr vier Ratsherren im Stadtrat von Norderney.

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