Ärzte warnen vor Folgen für Humanmedizin Mäster greifen zu neuen Antibiotika

15 Prozent weniger Antibiotika wurden im vergangenen Jahr an Nutztiere verabreicht. Gleichzeitig aber stieg die Vergabe von sogenannten Reserve-Antibiotika in der Tiermedizin.
12.08.2015, 00:00
Lesedauer: 3 Min
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Mäster greifen zu neuen Antibiotika
Von Silke Looden

15 Prozent weniger Antibiotika wurden im vergangen Jahr an Nutztiere verabreicht. Gleichzeitig aber stieg die Vergabe von sogenannten Reserve-Antibiotika in der Tiermedizin. Das geht aus der neuesten Erhebung des Bundesamtes für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit hervor. Nach wie vor werden die meisten Antibiotika an Tiere in Niedersachsen verabreicht. Die Agrarminister der Bundesländer wollen den Einsatz von Reserve-Antibiotika in der Tiermedizin verbieten.

Reserve-Antibiotika sind Antibiotika der dritten und vierten Generation. Diese relativ neuen Präparate sind für den Menschen deshalb so bedeutsam, weil sich dagegen bislang kaum Resistenzen entwickelt haben. Anders als bei herkömmlichen Antibiotika, die teils nicht mehr wirken. Es handelt sich bei den neuen Stoffen vor allem um Fluorchinolone und Cephalosporine, die bereits in geringer Dosis wirksam sind. Experten gehen davon aus, dass sich die Antibiotika-Menge in der Tiermedizin auch deshalb reduziert hat, weil vermehrt Reserve-Antibiotika eingesetzt wurden, von denen geringere Mengen ausreichen.

Insgesamt wurden im vergangenen Jahr 1238 Tonnen Antibiotika an Tierärzte in Deutschland abgegeben. Das sind 15 Prozent weniger als im Vorjahr und sogar 27 Prozent weniger als 2011. Damals wurde die an Veterinäre abgegebene Menge Antibiotika erstmals von den Behörden erfasst und an das Umweltbundesamt weitergeleitet. Im Vergleich zu 2011 hat die Vergabe von Reserve-Antibiotika um die Hälfte zugenommen. Das sehen insbesondere Humanmediziner kritisch.

Reduzierte Abgabe gefordert

Die Ärzte-Initiative gegen Massentierhaltung hält sowohl die Gesamtmenge der Antibiotika als auch die Menge der Reserve-Antibiotika, die in den Mastställen verwendet wird, für bedenklich. Die Initiative fordert eine Reduzierung der Abgabemenge um 50 Prozent in drei Jahren (wie in den Niederlanden) sowie ein sofortiges Verbot der Verwendung von Reserve-Antibiotika in der Tiermedizin. Dieses für den Menschen so bedeutsame Medikament dürfe seine Wirkung nicht durch den Einsatz in der Mast verlieren, meint Peter Sauer von der Initiative.

Die meisten Antibiotika wurden auch 2014 wieder im Gebiet mit der Postleitzahl 49 an Tiermediziner abgegeben. Dabei ist die Menge in dem Mastgebiet bereits um 197 auf 506 Tonnen zurückgegangen. Während die grenznahe Region zu den Niederlanden also weniger Antibiotika in den Ställen einsetzte, stieg der Verbrauch in Brandenburg, wo die Massentierhaltung in den vergangenen Jahren ausgebaut wurde.

Niedersachsen will Antibiotikamenge halbieren

Niedersachsen verfolgt seit Längerem eine Antibiotika-Minimierungsstrategie und will den Einsatz des Medikaments in Tierställen binnen fünf Jahren um die Hälfte reduzieren. Das entspricht der Forderung der Ärzteinitiative. Dazu Landwirtschaftsminister Christian Meyer (Grüne): „Es darf nicht sein, dass hochgefährliche resistente Keime im Tierstall entstehen und deshalb Menschen gesundheitlich gefährdet werden.“

Multiresistente Keime, die sich nicht mehr mit Antibiotika abtöten lassen, gelten inzwischen als globales Gesundheitsproblem für den Menschen. Oberstes Ziel sei es, so Niedersachsens Gesundheitsministerin Cornelia Rundt (SPD), die lebenswichtige Wirksamkeit des Medikaments für Menschen und Tier zu erhalten. Ärzten werden Fortbildungen angeboten, um Antibiotika auch in der Humanmedizin nur noch gezielt einzusetzen.

Unterdessen hat das Umweltbundesamt bereits Antibiotika im Grundwasser festgestellt. An 20 Mess-Stellen in Niedersachsen wurden Rückstände des Medikaments nachgewiesen, dies betrifft vor allem die viehreichen Regionen in Cloppenburg und Vechta sowie im Emsland. Umweltstaats-sekretärin Almut Kottwitz (Grüne) will den Einträgen auf den Grund gehen. Derzeit werden Proben genommen, um den Verursacher ausfindig zu machen. Untersucht werden Böden, Gülle und Gärreste in der betreffenden Region.

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