Figurentheater aus ganz Deutschland treffen sich in Northeim / Aufführungen und Publikumsgespräche Mehr als Kasperl und Sepp

Northeim. Beim Stichwort Puppentheater denken die meisten an ihre eigene Kindheit. Vielerorts in Deutschland klärt die Polizei mit Kasperl und Sepp auf der Bühne über Gefahren auf.
26.08.2016, 00:00
Lesedauer: 2 Min
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Von Christina Sticht

Northeim. Beim Stichwort Puppentheater denken die meisten an ihre eigene Kindheit. Vielerorts in Deutschland klärt die Polizei mit Kasperl und Sepp auf der Bühne über Gefahren auf. Aus dem Fernsehen kennt jeder die Augsburger Puppenkiste und die Muppet-Show. Dabei ist Puppentheater weit mehr – weshalb die Szene mittlerweile lieber von Figurentheater, Theater der Dinge oder gar Materialtheater spricht. „Unsere große Stärke ist das Visuelle – wir verbinden bildende und darstellende Kunst, Performance, Tanz und Musik“, sagt Alice ­Therese Gottschalk, die zu den renommiertesten Marionettenspielerinnen in Deutschland zählt.

Die Gründerin des FAB-Theaters in Stuttgart ist eine der Initiatorinnen der ersten Deutschen Figurentheater-Konferenz, die von diesem Montag an Puppenspieler, Sammler und Wissenschaftler im südniedersächsischen Northeim versammelt. Vorbild für das einwöchige Treffen ist die National Puppetry Conference im US-Bundesstaat Connecticut, die unter anderem das Erbe von Muppet-Vater Jim Henson (1936-1990) pflegen will.

Zur deutschen Konferenz werden im Northeimer Theater der Nacht 40 Teilnehmer aus vier Ländern erwartet. Sie wollen sich untereinander austauschen sowie bei Aufführungen und Publikumsgesprächen noch mehr Menschen für ihre Kunstform begeistern. „Momentan ist es eine der innovativsten Theaterformen“, sagt Alice Gottschalk. Die 38-Jährige wird am 2. September gemeinsam mit Regisseur Frank Soehnle ihre neueste Arbeit „Crinkled – zwei Leben, ­gefaltet, zerknittert, geknüllt“ präsentieren. Dabei erweckt sie eine Stunde lang Papier zum Leben. Auch ein Erneuerer der Szene, Neville Tranter, wird erwartet.

Rund 100 Zuschauer finden im Theater der Nacht Platz. Die umgebaute Feuerwache ist ein fantasievoller Ort mit Drachenköpfen auf dem Dach und Masken an der Fassade. Ruth und Heiko Brockhausen ­haben das Haus vor 15 Jahren eröffnet, inzwischen kommen circa 20 000 Zuschauer im Jahr, 8000 davon zu Veranstaltungen wie Firmen- oder Familienfeiern. Etwa 300 bis 400 Puppen aus früheren ­Inszenierungen schlummern im Fundus – winzig kleine und überlebensgroße. Das Ehepaar baut die Figuren und Kulissen selber. „Ich mache mir vor dem Bauprozess ein Bild vom Charakter der Figur und habe dann eine besondere Beziehung zu ihr“, erzählt Ruth Brockhausen. Im Theater der Nacht ist seit 2003 auch die Geschäftsstelle der deutschen Unima (Union Internationale de la Marionette), die die Konferenz mit dem Verband Deutscher Puppentheater ausrichtet.

Nach Schätzungen gibt es bundesweit insgesamt 400 Puppentheater. Die Bandbreite der Bühnen ist groß und reicht vom ein-­fachen Jahrmarkttheater bis zu Gruppen, die experimentelle Performances präsentieren. In Ostdeutschland gibt es Stadt- und Staatstheater mit der Sparte Puppenspiel, die in der DDR entstanden sind. Dagegen gehören die Figurentheater im Westen der freien Szene an und spielen oft auf Festivals.

Die meisten Ensembles bestehen maximal aus zwei Spielern. „Wenn es mehr sind, kann man nur schwer davon leben“, sagt Ruth Brockhausen. Ihr Theater der Nacht ist als Verein organisiert und hat mittlerweile zehn Mitarbeiter. Im 30 000-Einwohner-Städtchen Northeim ist es eine wichtige Kultureinrichtung. Die Gründerin sagt: „Durch unser Theaterhaus haben viele Leute das Puppentheater für sich entdeckt. Es ist eben nicht der Kinderkram, den man sich landläufig darunter vorstellt.“

„Durch unser Haus haben viele Leute das Puppentheater für sich entdeckt.“ Ruth Brockhausen, Theater der Nacht
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