Einwegbecher in der Sackgasse

Mehrwegbecher für den Kaffee unterwegs

Kaffee zum Mitnehmen ohne Extramüll: Oldenburg macht gute Erfahrungen mit Pfandbechersystem, Hannover hat bereits 35.000 eigene Exemplare am Start. Bremen sucht noch seinen Zugang zum Mehrweg.
18.03.2018, 22:17
Lesedauer: 4 Min
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Mehrwegbecher für den Kaffee unterwegs
Von Justus Randt
Mehrwegbecher für den Kaffee unterwegs

Oldenburger Mehrwegbecher in zwei Größen – ein passender Mehrwegdeckel wird im April erwartet.

Stadt Oldenburg

Von einem landesweiten Mehrwegsystem ist Niedersachsen weit entfernt, aber es gibt viele Einzelinitiativen, die dem Ziel näher kommen, Einwegtrinkbecher aus dem „To go“-Verkehr zu ziehen: „Egal ob Thermo, Pfand oder Tasse – nur ohne Pappe ist Kaffee klasse!“, lautet die Devise, die sich das Umweltministerium in Hannover aufs Fassadenbanner geschrieben hat.

Diverse Systeme mehrerer Start-up-Unternehmen, Studierender und – ganz weit vorne – von Göttinger Berufsschülern sind auf dem Getränkebecher-Markt. Neben dem Modell Fair Cup aus Göttingen hebt das Ministerium auch die in Oldenburg verbreitete Variante als besonders gelungen hervor. Ein halbes Jahr nach dem Start haben die Akteure in Bremens Nachbarstadt gerade zufrieden Bilanz gezogen.

Schluss mit der Verschwendung von Rohstoffen und der Vermüllung der Städte durch Plastik- oder Pappverbundstoffbecher, die nach ein paar Minuten Benutzung im Müll landen – das hat sich Inka Thole zum Ziel gesetzt. Die Beauftragte für die Lokale Agenda 21 in Oldenburg zieht dabei an einem Strang mit dem kommunalen Abfallwirtschaftsbetrieb.

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Seit dem ersten Gespräch mit Bäckereien und Cafés kursieren mittlerweile mehr als 8000 Pfandbecher in Oldenburg, der Oberbürgermeister hat die Schirmherrschaft übernommen. Um das Projekt anzuschieben, hat die Stadt die Kosten für die ersten 1000 Becher übernommen und den Aufdruck der Stadt-Silhouette samt Gruß „Moin Oldenburg“ bezahlt.

Mittlerweile beteiligen sich in Oldenburg 16 Bäckereien, Cafés und Cafeterien mit rund 50 Filialen an dem Mehrwegsystem. „Das ist ein guter Anfang und ein wertvoller Beitrag zur Ressourcenschonung und Müllvermeidung“, stellt Stadtbaurätin Gabriele Nießen fest. Angesichts geschätzter 5,6 Millionen Einwegbecher, die bislang jedes Jahr allein in Oldenburg auf dem Müll landen, ist da sicherlich noch Luft nach oben.

Auf der Suche nach alternativen Materialien

Dennoch ist nicht nur Nießen mit der Resonanz „sehr zufrieden“. Inka Thole kann mit dem Becher-Projekt den für vielen abstrakten und eher schwer vermittelbaren Nachhaltigkeitsbegriff veranschaulichen. Sie hat sich als nächste Schritte vorgenommen, dem Becher zu noch mehr Bekanntheit bei der Kundschaft zu verhelfen und weitere Betriebe anzusprechen.

Vor allem aber wird auf die weitere Verbesserung der Polypropylen-Becher gesetzt, die immerhin als langlebig, hygienisch und recyclingfähig gelten. Immerhin 500 sogenannte Umläufe werden ihnen zugetraut. „Wir sind aber auf der Suche nach alternativen Materialien wie Biokunststoffen, die ähnlich gute Eigenschaften haben“, sagt Florian Pachaly, einer der Gründer des Start-ups Recup aus Rosenheim, das inzwischen in München sitzt und 15 Leute beschäftigt. Die aktuell 800 Standorte verteilten sich vom Allgäu bis nach Sylt, einschließlich Berlin, München, Köln und Oldenburg. „Nach Ostern ist auch Hamburg dabei.“

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„Wir besprechen alle zusammen, wer wie viel verdient“, sagt der 22-Jährige, „reich wird man jedenfalls nicht.“ Wer sich am Boom der Leihbecher beteiligen will, zahlt einen Euro pro Stück, was auch dem Pfandbetrag entspricht, den Kunden hinterlegen. Darüber hinaus zahlen Betriebe 30 Euro „Systemgebühr“ pro Monat fürs Mitmachen. Bei Recup – um ein Beispiel zu nennen.

Eine ausstehende Verbesserung betrifft die Becherdeckel, die bislang noch immer Einwegware sind. Sie sollen einen würdigen, weil wiederverwendbaren Nachfolger bekommen. „Der Prototyp wird im April erwartet“, sagt Inka Thole. Inzwischen ist Thole als Tippgeberin für Kommunen gefragt, die ebenfalls den Bechermüll vom Tisch bekommen wollen. Als Pachaly und Mitstreiter ihr 2016 ersonnenes Projekt vorstellten, war Oldenburg im vergangenen Jahr eine der ersten Städte im Norden, die sich dafür interessierte.

Viele kleinere Initiativen

„Wir wollten ja nicht selbst in die Becherproduktion einsteigen“, sagt Inka Thole. Hannover hat diesen Weg gewählt. Der städtische Abfallentsorgungsbetrieb Aha und das Wirtschafts- und Umweltdezernat haben sich im vergangenen Jahr auf ein eigenes Bechermodell geeinigt. 20 Millionen Einwegbecher fielen pro Jahr in Hannover an, hatte Aha geschätzt: Der rote Hannoccino-Pfandbecher soll bis zu 80 Einsätze aushalten und weitgehend biologisch abbaubar sein. Rund 35.000 Exemplar sollen aktuell bereits im Umlauf sein.

In Bremen nimmt sich seit Anfang des Jahres der Umweltverband BUND im Auftrag des Umweltressorts der Frage an, wie sich die Becherflut eindämmen lässt. Noch ist Projektleiterin Nadja Ziebarth dabei, sich einen Überblick über die „Vielzahl der Systeme“ zu verschaffen. „Im Moment sind wir dabei, Wünsche und Bedürfnisse der Gastronomie abzufragen“, sagt sie. „In vier bis sechs Wochen wissen wir schon mehr.“

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Unterdessen gibt es viele kleinere Initiativen. Zum Beispiel das studentische Projekt Cup2date in Bremen. Oder ein Modell auf Spiekeroog. Die Stadt Osnabrück hat sich kürzlich ein Pfandbechersystem vorstellen lassen. Und Bäckereien in Stuhr und Weyhe geben seit Anfang März Pfandbecher aus. Dort können Kunden, wie an vielen anderen Ausschankstellen im Lande – auch Automaten – außerdem ihre eigene Tasse auffüllen lassen.

Hygienische Bedenken helfen das Umwelt- und das Landwirtschaftsministerium in Hannover gemeinsam aus der Welt zu schaffen: Kürzlich sei Einvernehmen darüber hergestellt worden, was die Annahme und Befüllung von Kundenbechern betrifft, bestätigt das Umweltministerium. Im „Merkblatt ,Coffee to go‘-Becher“ wird zum Beispiel erläutert: „Im Falle der (...) Abgabe von Heißgetränken in vom Kunden mitgebrachte Behältnisse beschränkt sich die Verantwortung des Lebensmittelunternehmers auf die einwandfreie Beschaffenheit des Lebensmittels bis zum Einfüllvorgang.“

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