Landtagswahlkampf in Niedersachsen Merkels Heimspiel in Vechta

Es sind nur noch wenige Tage bis zur Landtagswahl in Niedersachsen. Zum Abschluss des Wahlkampfes unterstützt Kanzlerin Angela Merkel den CDU-Kandidaten Bernd Althusmann. Im tiefschwarzen Vechta.
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Merkels Heimspiel in Vechta
Von Carolin Henkenberens

Es ist ein Heimspiel für Angela Merkel. Wenige Tage vor der Landtagswahl in Niedersachsen spricht sie in Vechta, einer 31.000-Einwohner-Stadt im Oldenburger Münsterland. In einer Mehrzweckhalle, in der sonst der örtliche Basketballbundesligist spielt, bringt an diesem Donnerstagabend die Kanzlerin die Menschen zum Jubeln.

Der CDU-Spitzenkandidat Bernd Althusmann hat Merkel eingeladen. Sie soll ihm, hier im „Kraftland der CDU“, zum Wahlsieg in Niedersachsen verhelfen. Vechta ist das Vorzeigekind in der CDU-Familie: Konservativ, kinderreich, wirtschaftsstark. Ergebnisse unter 60 Prozent sind in der katholischen, von Landwirtschaft geprägten Region fast schon schlecht. Bei den vergangenen drei Bundestagswahlen etwa holte die CDU in Cloppenburg-Vechta so viele Stimmen wie nirgendwo anders in Deutschland.

In ganz Niedersachsen ist die Sache für die CDU ganz und gar nicht so eindeutig. Die SPD hat in nur wenigen Wochen einen Rückstand von zwölf Prozentpunkten aufgeholt, liegt einigen Umfragen zufolge knapp vor den Christdemokraten.

Deshalb ist Althusmann hoch motiviert. „Ja, es wird ein knappes Rennen“, ruft er. „Aber das ist für uns ein Ansporn, nochmal raus zu gehen. Die letzten 80 Stunden kämpfen wir für die Union.“ Die Menge tobt. Althusmann schimpft über den grünen Landwirtschaftsminister Christian Meyer („Dieser Mann kann und darf unter keinen Umständen für die Landwirtschaft weiter verantwortlich bleiben.“) und über Sozialdemokrat Stephan Weil („Der hört aus der Tagesschau, dass es einen Dieselskandal gibt!“) und wird dafür mit Sprechchören belohnt.

Die Mitglieder der Jungen Union, die sich „A-Team“ nennen, rufen immer wieder „Bernd Althusmann“. Proteste gegen Merkel, wie sie in anderen Städten in Deutschland während des Bundestagswahlkampfs vorkamen, sind nicht zu hören. An diesem Donnerstagabend sind rund 2500 Menschen gekommen, einige sind mit Bussen aus einer Nachbarstadt angereist. Auch einige Geflüchtete sind gekommen. Sie wollten unbedingt Merkel treffen, sagt einer der Männer. Eine Gruppe, die gegen Stromtrassen in der Region aufmerksam machen will, bleibt leise. Auf ihren T-Shirts haben sie Buchstaben gedruckt, die das Wort „Erdkabel“ ergeben. Auch ein Protest gegen Massentierhaltung vor dem Rasta-Dome bleibt mickrig. Gerade einmal 15 Menschen sind gekommen und haben sich als Tiere verkleidet.

Merkels Auftritt in der CDU-Hochburg läuft wie geschmiert. Merkel ist gut drauf, scherzt und lacht. Sie sagt: „All diese Bürokratie in der Landwirtschaft, da müssen wir uns drum kümmern.“ Eine Bäuerin habe ihr jüngst erzählt, dass sie Papiere ausfüllen müsse, wenn ein Tier krank sei und deshalb nicht auf die Wiese könne. Das könne nicht sein, sagt Merkel. Solche Sätze kommen gut an. Mehrfach wird an diesem Abend betont, wie landwirtschaftlich geprägt der Wahlkreis Vechta ist.

Die Grünen werden behandelt wie der Feind. Das macht der örtliche Landtagsabgeordnete und Spitzenkandidat Stephan Siemer zu Beginn deutlich. Er droht Merkel, wenn in der nächsten Bundesregierung grüne Ideologen im Umwelt- oder Landwirtschaftsministerium säßen, dann werde er eine politische Reise nach Katalonien machen und dafür sorgen, dass Südoldenburg unabhängig wird. Merkel entgegnet später gelassen: „Wir stehen auf der Seite der spanischen Zentralregierung.“

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Merkel betreibt an diesem Abend einen Wahlkampf, der auf Bundesebene so nicht zu sehen war. Mit scharfen Worten kritisiert sie die Blockadehaltung der rot-grünen Regierung von Stephan Weil (SPD) bei der Frage nach sicheren Herkunftsländern. „Eine rot-grüne Landesregierung, die permanent 'Nein' sagt, gestaltet Deutschland nicht mit“, sagt sie. Weil das so ist, gebe es bis heute im Bundesrat keine Mehrheit für die Pläne der Union. Sie kritisiert ebenso das Schulsystem in Niedersachsen und fehlende Digitalisierung.

Die Kanzlerin warnt vor der Möglichkeit eines rot-rot-grünen Bündnisses in Niedersachsen. Sie moniert, dass "Herr Weil es im TV-Duell nicht über die Lippen gebracht hat, eine Koalition mit den Linken auszuschließen". Schon Althusmann hatte zuvor vor dieser Koalition gewarnt. Er werde im Falle eines Sieges der CDU mit allen Parteien reden, aber nicht mit den Linken und der AfD.

Am Ende steht das Publikum, der Applaus ist laut. Merkel ruft dazu auf, in den verbliebenen Stunden mit Zweiflern zu sprechen. „Gehen Sie raus und sprechen Sie mit den Grummlern, jenen, die sich noch nicht sich sicher sind“, sagt sie. Jene, die sagten: „Die CDU, naja, da ist ja viel vorgefallen.“

Und als wolle sie beweisen, was sie damit meint, tritt Merkel noch einmal nach vorn, als sie ihre Rede längst beendet hat und Bernd Althusmann und die anderen CDU-Vertreter längst die Bühne betreten haben. Sie sagt zu den Menschen mit den Buchstaben auf den T-Shirts: „Sie waren jetzt sehr leise, daher sage ich: Ihre Anliegen werden wir ernst nehmen.“

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