Althusmann erleichtert / Universität: Schlampig zitiert, aber nicht bewusst getäuscht Minister behält Doktortitel

Niedersachsens Kultusminister Bernd Alt-
Lesedauer: 3 Min
Zur Merkliste
Von PETER MLODOCH

Niedersachsens Kultusminister Bernd Alt-

husmann (CDU) darf und will seinen Doktortitel behalten. Althusmanns Dissertation sei kein Plagiat, urteilte die Universität Potsdam - und erspart damit Ministerpräsident David McAllister (CDU) eine lästige Kabinettsumbildung ein Jahr vor der Landtagswahl. SPD, Grüne und Linke sprechen dem Minister dagegen eine Vorbildfunktion ab.

Hannover·Potsdam. Die beiden Weihnachtsmänner erhoben ihre Ruten und wiesen den niedersächsischen Kultusminister freundlich zurecht. "Wann gibt es wieder Weihnachtsgeld?", wollten die zwei ver-kleideten Lehrer von Bernd Althusmann wissen. Dann überreichten sie ihm gestern morgen auf der Jubiläumsfeier des Verbandes Erziehung und Wissenschaft (VBE) in Hannover einen kleinen Adventskalender.

Das größere Geschenk hatte der Minister allerdings wenige Minuten zuvor bekommen. Die Universität Potsdam teilte

Althusmann telefonisch mit, dass er seinen Doktortitel behalten dürfe. Einen Plagiatsvorwurf könne man ihm nicht machen. Kein Vergleich also mit Ex-Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU), der seitenweise ungeniert abgeschrieben hatte. Gelassen konnte Althusmann sein Grußwort zum 40. Geburtstag des VBE loswerden.

Später, nachdem die Universität ihre

Botschaft auch offiziell bekanntgegeben hatte, stellte sich der 44-Jährige den Medien in der niedersächsischen Landeshauptstadt - sichtlich erleichtert. "Meine Aufgaben als Kultusminister werde ich jetzt unbeschwerter fortsetzen können", meinte Althusmann, kündigte gleich Reformen bei der Lehrerfortbildung und Schulinspektion an und versprach lächelnd auch eine vernünftige Lösung bei den Hilfskräften für das Nachmittagsangebot an Ganztagsschulen. "Sie werden sehen, ich werde jetzt eine Baustelle nach der anderen ab-

arbeiten." Viel gegrübelt habe er in den vergangenen drei Monaten, gestand der Vorsitzende der Kultusministerkonferenz ein. "Das geht nicht spurlos an einem vorbei." Aber er habe auch immer ein reines Gewissen gehabt, weil er absolut nicht geschummelt habe: "An Rücktritt habe ich nie gedacht."

Ein hörbares Aufatmen war auch aus der Staatskanzlei zu vernehmen. Althusmann gilt als Vertrauter von Ministerpräsident David McAllister (CDU) und gehört im schwarz-gelben Kabinett zu den Leistungsträgern. Der Verlust des Doktortitels hätte zwangsläufig unabsehbare Folgen für die Regierung nach sich gezogen - knapp 14 Monate vor der Landtagswahl.

Kommission kritisiert Professoren

Schlampig zitiert, aber nicht bewusst getäuscht, lautete das Urteil der Prüfungskommission, die Althusmanns Dissertation "Prozessorganisation in der öffentlichen Verwaltung" unter die Lupe genommen hatte. "Insgesamt handelt es sich um Mängel von erheblichem Gewicht", las der Vorsitzende des Gremiums, Tobias Lettl, dem Lüneburger Politiker die Leviten. Aber eben nicht schwer genug, um ihm Betrug oder zumindest Diebstahl geistigen Eigentums vorzuwerfen. Das Verfahren auf Aberkennung der Promotion werde eingestellt, beschloss die siebenköpfige Wissenschaftler-Kommission einstimmig. Gleichzeitig kritisierte die Universität ihre eigenen Professoren, die Althusmanns Arbeit trotz der erkennbaren Fehler durchgewunken hätten. Künftig werde die Wirtschaftsfakultät Promotionen besser betreuen und prüfen.

Von einem "Freispruch zweiter Klasse" und erheblichen Blessuren sprach die Opposition. Althusmann habe sich als Bildungsminister selbst disqualifiziert. "Vorbild für die fast eine Million Schüler in Niedersachsen kann er nicht mehr sein", kritisierte Thomas Oppermann, Parlamentsgeschäftsführer der SPD-Bundestagsfraktion und ehemaliger Wissenschaftsminister in Niedersachsen.

"Titel gerettet - Ruf ruiniert", giftete die niedersächsische Grünen-Fraktionsvizechefin Gabriele Heinen-Kljajic. "Ein Makel bleibt", befand SPD-Schulexpertin Frauke Heiligenstadt. Althusmann müsse sich fragen, ob er unter diesen Umständen seinen Titel wirklich noch führen möchte, meinte auch Linken-Fraktionschefin Kreszentia Flauger.

"Ich bin nicht titelverliebt", erklärte Althusmann. "Aber nach dem einstimmigen und einhelligen Votum der Potsdamer Uni sehe ich keinen Anlass, darüber nachzudenken, den Titel nicht weiter zu tragen." Er wisse, dass seine 2007 eingereichte Dissertation keine Glanzleistung sei, dies komme ja auch in der mageren Note "rite" (ausreichend) im wahrsten Sinne des Wortes zum Ausdruck. Ob er die Arbeit jetzt noch einmal nachbessern werde, ließ der Minister allerdings offen.

Hart ins Gericht ging er dafür mit dem NDR, der gestern morgen ein Fernsehteam zur Lüneburger Schule seiner beiden 13 und 15 Jahre alten Kinder geschickt und versucht habe, diese vor die Kamera zu zerren. Althusmann: "Da war eindeutig eine Grenze überschritten."

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Einwilligung und Werberichtlinie

Ich erkläre mich damit einverstanden, dass die von mir angegebenen Daten dazu genutzt werden, regelmäßig per E-Mail redaktionelle Inhalte des WESER-KURIER seitens der Chefredaktion zu erhalten. Die Daten werden nicht an Dritte weitergegeben. Ich kann diese Einwilligung jederzeit formlos mit Wirkung für die Zukunft widerrufen, z.B. per E-Mail an widerruf@weser-kurier.de.
Weitere Informationen nach Art. 13 finden Sie unter https://www.weser-kurier.de/datenschutz

Schließen

Das Beste mit WK+