Prediger 2017 kommen au Wilhelmshaven Mit dem Holzkreuz auf neuen Wegen

Die Pastoren Bernhard Busemann und Frank Morgenstern aus Wilhelmshaven wurden als beste Prediger 2017 ausgezeichnet – der Zulauf gibt ihnen recht.
30.04.2017, 00:00
Lesedauer: 4 Min
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Mit dem Holzkreuz auf neuen Wegen
Von Martin Wein

Die Pastoren Bernhard Busemann und Frank Morgenstern aus Wilhelmshaven wurden als beste Prediger 2017 ausgezeichnet – der Zulauf gibt ihnen recht.

Ein Gottesdienst mit 1000 Besuchern – das gibt es normalerweise ­allenfalls zu Weihnachten im Kölner Dom. Vielerorts hat Kirche nur noch als Trägerin von Sozialwerken eine erkennbare gesellschaftliche Relevanz. Auch für Frank Morgenstern und Bernhard Busemann sind 1000 Menschen in einem Gottesdienst eine Ausnahme.

Aber ausgerechnet in ­Wilhelmshaven, wo schon seit Jahrzehnten eine Mehrheit der Einwohner keiner der großen Kirchen mehr angehört, erzielen die beiden ­Pastoren der Christus- und Garnisonkirche mit ihren ungewöhnlichen Aktionen regelmäßig beeindruckende Publikumserfolge. Für ihre Arbeit wurden die beiden evangelisch-lutherischen Seelsorger jetzt mit dem bundesweit ausgeschriebenen Gottesdienstpreis 2017 der Karl Bernhard Ritter Stiftung ausgezeichnet.

Vor allem die jährliche Andachtsreihe „Passionspunkte“ hat den Juroren gefallen. Seit 17 Jahren gehen Morgenstern und Bu-semann damit immer in der Woche vor Ostern aus ihrer geräumigen Kirche im Stadtzentrum hinaus an historische Orte in Wilhelmshaven, die sich mit der Passionsgeschichte in Verbindung bringen lassen.

„Glaube ist überall in der Welt zu finden.“

In diesem Jahr traf man sich vor einem Haus in der Parkstraße mit zwei unscheinbaren Fassadenfiguren, geschaffen von einer im Dritten Reich getöteten Künstlerin. Auch die städtische Kunsthalle, deren Zukunft durch Spardruck bedroht ist, das Marinemuseum und die ehemaligen Minenlagerhäuser waren Stationen. „Mit der Verstärkeranlage und einem einfachen Holzkreuz entsteht an jedem Ort eine mobile Kirche. Es ist sehr erstaunlich, wie schnell sich dann eine eigene Atmosphäre einstellt“, berichtet Morgenstern.

Besonders erstaunt war er, als beim Ortstermin auf der Kaiser-Wilhelm-Brücke trotz Sturm und Regen mehr als 150 Menschen erschienen. Erstmals musste sogar eine ­Straße für den Verkehr gesperrt werden. Nicht nur die Orte sind ungewöhnlich: Die Geistlichen lassen in den Andachten auch jedes Mal Experten zu Wort kommen, die mit Kirche zunächst nichts zu tun haben.

Historiker, Verwaltungsbeamte, Unternehmer, Schauspieler oder Künstler bringen sich ein – und der Seelsorger bemüht sich um die theologische Einordnung. „Glaube ist überall in der Welt zu finden“, meint Pastor Morgenstern und sieht seine Aufgabe auch als „stichelnd oder stärkend“ in der Bürgergesellschaft.

Und das keineswegs nur in der Karwoche. In der Reihe Theaterkirche besucht die ­Gemeinde zusammen ausgewählte Stücke der Landesbühne Niedersachsen Nord – samt Einführung und Andacht. Mit „Go Special“ sind drei jährliche Gottesdienste zusammen mit der Nachbargemeinde in Heppens im Kulturzentrum Pumpwerk überschrieben, die stets zusammen mit einer Band und einer Theatergruppe gestaltet werden.

40 Menschen wirken daran mit – von den Platzanweisern bis zu zwei Moderatorinnen. Zentrales Element: Eine Dialogpredigt, die vom lockeren Beginn hin zu theologischer Tiefe führen soll. Anschließend können die Besucher die Seelsorger ins Kreuzverhör nehmen.

Unübertroffen populär sind allerdings die öffentlichen Taufgottesdienste am städtischen Südstrand. Vier Pastoren waren im vergangenen Sommer nötig, um die 35 Täuflinge ins Nordseewasser zu tauchen – begleitet von mehr als 1000 Gottesdienstbe-suchern auf der Promenade. „Einige wollen dabei auch ganz untergetaucht werden“, so Morgenstern.

„Jeder Gottesdienst muss eine Choreografie haben.“

Natürlich habe das dann den Charakter eines Happenings. Aber das stört den Pastor, der mit Sport, Lokalpolitik und Journalismus aufwuchs, bevor er Theologe wurde, gar nicht. „Jeder Gottesdienst muss eine Choreografie haben. Einfach das Vaterunser in den Bart nuscheln, geht nicht.“ Dafür lässt er sich regelmäßig von Theaterleuten und Hörfunksprechern beraten.

Die viele Mehrarbeit, die all das macht, zahlt sich aus. Während in der Oldenburger Landeskirche sonst allerorten Mitgliederschwund fast alle Gemeinden schrumpfen lässt, haben Morgenstern und Busemann konstant 3500 Gläubige in ihrem Gemeindeverzeichnis. Und mit ihren Aktionsgottesdiensten und -andachten erreichen sie in der Mehrzahl Menschen, die sonst eben nicht sonntags in die Kirche gehen. Trotzdem müsse man oft wieder bei null anfangen und auf veränderte Strukturen, Interessen und Bedürfnisse reagieren.

Vor allem der selbstkritische Umgang mit der Vergangenheit der eigenen Institution ist für Morgenstern und Busemann eine Grundvoraussetzung für Glaubwürdigkeit. In ihrem jüngsten Projekt setzen sie sich deshalb gemeinsam mit dem Deutschen Marinemuseum mit dem heiklen Thema Militärseelsorge auseinander. In einer Sonderausstellung werden ab 21. Mai die Schicksale dreier Marinepastoren mit engen Lokalbezügen beleuchtet: Ludwig Müller, von der NSDAP als Reichsbischof eingesetzt, wollte die NS-Ideologie in der Kirche durchsetzen.

Der Seelsorger und U-Boot-Kommandant Martin Niemöller dagegen war als „Bekennender Christ“ schnell im Fadenkreuz der NS-Führung und kam als „persönlicher Gefangener“ Adolf Hitlers ins Konzentrationslager. Friedrich Ronneberger wirkte von der Zeit des Ersten Weltkriegs bis in die Anfangsjahre der Bundesrepublik an der Wilhelmshavener Garnisonkirche und pflegte persönliche Kontakte bis in höchste Militärkreise. „Es ist wichtig, dass wir uns unserer Geschichte stellen“, sagt Frank Morgenstern, „sonst stellt sie irgendwann uns.“

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