Schiff half Kriegsverwundeten MS „Helgoland“: Vor 45 Jahren endete der Vietnam-Einsatz

45 Jahre ist es her, dass der Einsatz der MS „Helgoland“ im Vietnam endete. Das Schiff fuhr eigentlich auf Butterfahrten, diente dann aber als Rotkreuz-Hospitalschiff. Ein Chirurg erinnert sich.
28.10.2017, 21:15
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MS „Helgoland“: Vor 45 Jahren endete der Vietnam-Einsatz
Von Martin Wein

Eigentlich ist die MS „Helgoland“ 1963 bei den Howaldtswerken in Hamburg für Butterfahrten von Cuxhaven zum deutschen „Fuselfelsen“ Helgoland gebaut worden. Doch die Seebäder-Karriere im Dienst der Hamburger Reederei HADAG ist kurz. Nur drei Jahre nach seiner Jungfernfahrt wird das 91 Meter lange Schiff auf der anderen Seite der Welt am Da Nang-River zum strahlend weißen Zeichen der Hoffnung mitten im Vietnam-Krieg. Die Bundesregierung hat die „Helgoland“ zum schwimmenden Hospital umbauen lassen und das Rote Kreuz mit dem Betrieb beauftragt. In sechs Jahren versorgen die freiwilligen Ärzte, Schwestern und Helfer ab 1966 in einer spektakulären Hilfsaktion über 8000 Patienten. Von einer „Legende“ spricht die stellvertretende Botschaftsleiterin der Republik Vietnam Lie Ti Tu 45 Jahre nach Ende des Hilfseinsatzes beeindruckt.

Bodo Lawrenz aus Jork ist einer der letzten Mediziner, die Anfang 1972 in Da Nang in Südvietnam für ein Jahr an Bord der „Helgoland“ gehen. Die Stadt mit ihrem großen Naturhafen ist ein wichtiger Stützpunkt der Amerikaner. Die haben 1965 von Bundeskanzler Ludwig Erhardt einen Kriegsbeitrag gefordert, wie er von US-Alliierten wie Südkorea, Australien oder Thailand in Form von Bodentruppen geleistet wird. Schließlich hat schon John F. Kennedy die Devise ausgegeben, mit der Vertreibung der Vietkong aus Vietnam ein Fanal zur Befreiung der Welt vom Kommunismus zu setzen und damit den Krieg ins Rollen gebracht. „In der Bundesrepublik war ein Auslandseinsatz der Bundeswehr 20 Jahre nach Kriegsende innenpolitisch aber nicht durchsetzbar“, sagt der Historiker Harald Biermann von der Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland in Bonn rückblickend. Der humanitäre Einsatz der „Helgoland“ wird für die Bundesregierung zum eleganten Ausweg und eine Handlungsanleitung für viele spätere kriegerische Konflikte.

„Gehörte zu der Generation, die gegen den Krieg auf die Straße ging“

„Ich gehörte mit 29 Jahren zu der Generation, die gegen den Krieg auf die Straße ging“, erinnert sich Lawrenz. Eben erst zwei Jahre fertiger Chirurg lässt er sich die Chance, selbst zu helfen, nicht entgehen. „So ein Einsatz wäre heute völlig undenkbar“, schüttelt er 45 Jahre später den Kopf. „Wenn eine einzige Rakete das Schiff getroffen hätte, wäre es aus gewesen.“ Aber das Hospitalschiff mit dem großen roten Kreuz am Bug wird von allen Kriegsparteien als neutral anerkannt, auch wenn die DDR-Nachrichtenagentur ADN anfangs von einem verdeckten westlichen Truppentransport schwadroniert. Aus Sicherheitsgründen und zur Versorgung mit Nachschub verlässt die „Helgoland“ dennoch nachts und bei drohenden Kampfhandlungen immer wieder den Hafen und ankert auf Reede. Gefährlich sind nach Lawrenz‘ Erinnerungen aber eher marodierende Kinder mit Pistolen und Handgranaten, denen der junge Arzt und seine Kollegen bei ihren seltenen Landgängen begegnen, wenn sie der Enge des Schiffs für ein paar Stunden entkommen wollen. Ansonsten bleibt ihm wenig Zeit zum Räsonieren. „Wenn es Angriffe gegeben hat, sehen wir schon von Weitem die Helikopter mit dem roten Kreuz am Himmel. Die Malteser haben ein Krankenhaus an Land. Wir fahren dann dort hin und bringen so viele Patienten aufs Schiff, die wir versorgen können“, erinnert er sich.

Andere kommen direkt vom Feld zur Ambulanz, die in einer Bretterbude eingerichtet ist, wenn sie etwa von Granatsplittern erwischt wurden. Auf drei OP-Tischen greifen die acht Ärzte bei Bedarf rund um die Uhr zum Skalpell. Oft müssen sie improvisieren. „Wir haben ja überwiegend wenig Erfahrung mit Kriegswunden. Fachärzte in höherer Position können sich für einen solchen Einsatz kaum freimachen, ohne ihre Karriere zu ruinieren“, sagt Lawrenz.

Mindestens zwei Millionen Vietnamesen kamen ums Leben

Auch Heidemarie Diestelkamp erlebt die Schrecken des Krieges im Alter von 26 Jahren hautnah. Die Rotkreuz-Schwester aus Bremen kommt nur Tage vor der berüchtigten Tet-Offensive der Vietkong auf der Helgoland an. „Wir haben viel Schlimmes gesehen“, erinnert sie sich. Vor allem Amputationen bei Kindern lassen Diestelkamp oftmals schlucken, wenn sie bei Operationen assistiert. „Man durfte nicht alles reflektieren“, sagt sie. Die 30 Seeleute, die Ärzte, die 18 Schwestern sowie die örtlichen Krankenschwestern, Wäscher, Köche und Dolmetscher hätten erstaunlich Hand in Hand gearbeitet, um die bis zu 200 Patienten gleichzeitig zu versorgen. Weil es nur 150 Betten gibt, teilen sich Mütter und Kinder häufig ein Bett.

Vor allem ein Säugling wird zum Liebling des ganzen Schiffs. Seine Mutter ist bei der Geburt an Bord bereits klinisch tot. Die Besatzung tauft den vermeintlichen Waisen Philipp. Täglich wird sein Gewicht am Schwarzen Brett angeschrieben, der Kleine bei gutem Wetter in einem Wäschekorb an Deck getragen. Zum Glück melden sich irgendwann Großeltern. Doch jeder Abschied der jungen Patienten ist freudig und etwas beklommen zugleich. „Man hofft immer inständig, dass man die Kleinen nicht schon bald wiedersieht oder dass sie ums Leben kommen.“ Bis zur Eroberung der südvietnamesischen Hauptstadt Saigon kommen mindestens zwei Millionen Vietnamesen ums Leben.

„Helgoland“ auf den Galapagos-Inseln

Nach einem Jahr auf der „Helgoland“ erscheinen Bodo Lawrenz die strenge Hierarchie und der deutsche Krankenhausalltag kaum erträglich. „Wir betreiben Überversorgung, während die Kinder in Afrika an Unterernährung sterben“, sagt er. Zuerst geht er deshalb noch ein Jahr nach Äthiopien, um in der Provinz Biafra zu helfen. Später arbeitet er im Klinikum Links der Weser und wird schließlich Chefarzt in Buxtehude.

Die „Helgoland“ fährt nach ihrer Rückführung nach Deutschland für die Stena Line unter neuem Namen im Liniendienst auf der Ostsee, unternimmt jahrzehntelang wieder Butterfahrten und landet nach mehreren Eigentümerwechseln schließlich 2006 auf den Galapagos-Inseln.

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