Der Nerz soll wieder angesiedelt werden – doch das Vorhaben erweist sich als unerwartet kompliziert Mühsame Rückkehr

Winzlar. Sie sind weltweit stärker gefährdet als Pandabären und vergleichbar selten wie Nashörner. Europäische Nerze gehören zu den rarsten Säugetieren auf unserem Kontinent.
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Mühsame Rückkehr
Von Martin Wein

Winzlar. Sie sind weltweit stärker gefährdet als Pandabären und vergleichbar selten wie Nashörner. Europäische Nerze gehören zu den rarsten Säugetieren auf unserem Kontinent. Ihnen jedoch auf die Sprünge zu helfen, erweist sich 90 Jahre nach ihrer Ausrottung in Deutschland indessen als kompliziertes Unterfangen. Denn die kaum 40 Zentimeter langen Marder lassen sich nur mit großem Aufwand in die Karten schauen. Sechs Jahre nach dem Beginn eines Wiederansiedlungsprojektes am Steinhuder Meer ist Projektleiter Thomas Brandt deshalb noch keineswegs sicher, ob der großangelegte Feldversuch funktioniert. „Für eine stabile Inselpopulation brauchen wir 50 bis 100 Tiere“, sagt der Biologe, „das müsste eigentlich zu schaffen sein“.

Rund 130 von Zoos und Tierparks gezüchtete Tiere haben Brandt und seine Kollegen von der Ökologischen Schutzstation Steinhuder Meer in Winzlar (Landkreis Nienburg) in den vergangenen fünf Jahren in der Umgebung freigelassen – vermittelt vom Verein Euro-Nerz und finanziert von der Region Hannover und dem Land Niedersachsen. Ihre Überlebenswahrscheinlichkeit liegt statistisch gesehen bei rund 70 Prozent.

Anders als bei einem ersten Ansiedlungsprojekt im Haase-Tal bei Osnabrück in den 2000er-Jahren, gelang Brandt und seinen Kollegen im Sommer 2015 mit einer Fotofalle in der Nähe eines Nerzbaues der erste deutsche Nachweis von Jungtieren in Freiheit. Die Fähe trug ihre vier Jungen damals Stück für Stück in ein Folgequartier. Voller Überreste zahlreicher Beutetiere müffelte die alte Unterkunft zu sehr und drohte ihrerseits Räuber wie Füchse anzulocken.

Seither tappen Brandt und seine Kollegen in Sachen Nerz ein wenig im Dunkeln. Derzeit wisse niemand, wie viele Nerze im sumpfigen Randbereich des Binnengewässers leben und ob sie sich vermehren, erklärt der Biologe. Über das Verhalten der kleinen Raubtiere ist schließlich erschreckend wenig bekannt. „Wir mussten erst sehr viel Grundlagenarbeit leisten“, sagt Brandt. Dazu haben er und seine Kollegen den Tieren in den ersten Jahren Sendehalsbänder angelegt. Erstaunt waren sie über deren Aktionsradius. Zwar leben die Tiere streng in eigenen Territorien. Während Jungtiere aber vielleicht mit drei Hektar Weidendickichten, Schilf und Erlenbruchwäldern auskommen, „durchstreift ein Rüde in der Paarungszeit im Februar und März locker 500 bis 600 Hektar, um möglichst viele Mädchen abzugreifen“.

Seit diesem Frühjahr werden die Halsbänder nicht mehr benutzt. „Wir mussten dazu täglich einen oder zwei Mitarbeiter draußen haben“, erklärt Brandt. Und bei der nötigen Sendeleistung war die Batterie der Geräte häufig schnell entladen. Seither bekommen die Tiere nur noch einen winzigen Passiv-Sender unter die Haut gesetzt. Um diesen aufzuspüren, haben die Winzlarer Biologen eigene Fallen konstruiert. Die Tiere huschen dabei durch einen Metallring und lösen so die Datenablesung aus. Auch Fotofallen sind im Einsatz. Da die Tiere sich optisch nicht unterscheiden, ist allerdings nicht einfach zu entscheiden, wer da nachts wie oft vor die Linse läuft.

Theoretisch könnten sich die Nerze vom Steinhuder Meer aus entlang von Weser und Leine auch in anderen Teilen Niedersachsens ausbreiten, glaubt Thomas Brandt. Da die Tiere sich nur selten mehr als 100 Meter vom Wasser entfernen, sind sie anders als viele andere Wildtiere vom Autoverkehr kaum bedroht. Neben gefräßigen Füchsen sowie streunenden Hunden und Katzen könnten den Nerzen dagegen ausgerechnet wohlmeinende Tierschützer einen Strich durch die Rechnung machen.

Durch deren Befreiungsaktionen sind in den vergangenen Jahren immer wieder auch in Niedersachsen Amerikanische Nerze aus Zuchtfarmen in die Umwelt gelangt. Die Tiere sehen zwar ähnlich aus, sind aber bis zu dreimal schwerer als ihre gar nicht so nahen europäischen Verwandten. Die Folge: Nerzweibchen ziehen die beleibten amerikanischen Vettern als Geschlechtspartner vor, können mit ihnen aber keinen Nachwuchs zeugen. Die Freigänger aus den Pelzfarmen haben derweil viele ökologische Nischen fest im Griff.

Am Steinhuder Meer sind die auch Minks genannten Amerikanischen Nerze noch nicht angekommen. Auch die Umgebung wurde inzwischen wieder so stark renaturiert, dass sie den Nerzen ausreichend Lebensraum bietet. „Für die Art ist es fünf vor zwölf. Es wäre deshalb schon ein großer Erfolg, wenn sich hier eine kleine Population hält.

Jedes Tier ist wichtig“, resümiert Brandt. Und selbst wenn der Versuch am Ende doch misslingen sollte, wäre nicht alle Mühe umsonst gewesen. „Dann haben wir immerhin viel gelernt, um den Tieren an anderen Standorten zu helfen.“ Auf Saaremaa, der größten Insel Estlands, oder am oberen Ebro in Spanien können sie damit unter geschützten Bedingungen möglicherweise besser überleben.

„Wir mussten erst sehr viel Grundlagenarbeit leisten.“ Thomas Brandt, Projektleiter
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