Körperspenden

Nach dem Tod auf den Seziertisch

Um die menschliche Anatomie zu verstehen, üben angehende Ärzte an Körperspendern. Auch an der Medizinischen Hochschule Hannover melden sich Freiwillige, um nach ihrem Tod der Forschung zu dienen.
10.11.2019, 19:58
Lesedauer: 3 Min
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Von Joachim Göres
Nach dem Tod auf den Seziertisch

Ein Grabstein auf dem Celler Stadtfriedhof: Hier werden die Leichen anonym bestattet. Für Verwandte kann die Entscheidung ihrer Angehörigen zur psychischen Belastung werden.

Joachim Göres

Hannover. Ein kleiner Grabstein liegt auf dem Stadtfriedhof von Celle in der Nähe des Krematoriums, darauf ist zu lesen: Medizinische Hochschule Hannover Juli 2015 – Okt. 2018. Ein paar Meter weiter steht eine Stele mit einer Texttafel. „Letzte Ruhestätte für Menschen, die ihren Körper nach ihrem Tod dem Institut für Funktionelle und Angewandte Anatomie der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) für die medizinische Lehre und Forschung zur Verfügung gestellt haben“, heißt es dort. Danach wird beschrieben, wie wichtig die Leichen für Studierende der Medizin sind, die an ihnen ihre ersten Schnitte üben können, Sehnen und Muskel freilegen und so den Bau des menschlichen Körpers besser verstehen. Auf diesem Urnengrab werden die Körperspender anonym bestattet.

Man könnte vermuten, dass viele von ihnen so die Kosten für die Beerdigung sparen wollen – doch das ist ein Irrtum. Seit 2003 müssen MHH-Körperspender 1200 Euro für ihre Bestattung zahlen, nachdem damals das Sterbegeld der Krankenkassen abgeschafft wurde. „Das Finanzielle spielt für die Motivation die geringste Rolle. Die meisten wollen ihrem Tod einen Sinn geben und mit ihrem Körper der Wissenschaft und Forschung dienen“, sagt Professor Andreas Schmiedl. Er ist seit zehn Jahren Leiter des MHH-Vermächtniswesens und führt häufiger Gespräche mit Personen, die Näheres zu dem Thema wissen wollen. Manche möchten mit der Spende ihre Dankbarkeit für die erhaltene medizinische Hilfe ausdrücken. Für nicht wenige Alleinstehende ist wichtig, dass mit dem Begräbnis alles geregelt ist.

Für nahe Verwandte kann die Entscheidung des Verstorbenen dagegen zur Belastung werden – die Leiche wird kurz nach dem Tod in der MHH in Alkohol fixiert, darf knapp ein Jahr nicht angerührt werden und kann meist erst zwei Jahre nach dem Tod bestattet werden. „Manche Angehörige haben daran zu knabbern, dass sie so lange auf ein Grab für ihren geliebten Menschen warten müssen“, sagt Schmiedl und fügt hinzu: „Wir laden Angehörige in die MHH-Kapelle zu einer Gedenkfeier zum Ende des Sommersemesters ein. Das kann für die Hinterbliebenen ein Trost sein.“

Niclas Förster, Pastor der Evangelischen Studentinnen- und Studentengemeinde Hannover, leitet diese Dankesfeier. „Fast alle Studierenden der Präparierkurse nehmen daran teil, in diesem Jahr auch die angehenden Zahnmediziner, die ebenfalls an Leichen üben“, sagt Förster. Bei dieser Feier berichten die Studierenden auch über ihre Ängste – für nicht wenige ist der Körperspender der erste Tote, den sie zu sehen bekommen. Sie erinnern sich an ihre erste Inspektion der Leiche – die Studierenden drehen sie, tasten sie ab, messen sie aus, schauen nach Narben und anderen Auffälligkeiten. Danach trennen sie die Oberhaut von der Unterhaut. „Sie sind danach nicht mehr die, die sie vorher waren. Nicht selten wird nach dem ersten Schnitt an einer Leiche der Kontakt zu einem Seelsorger gesucht“, sagt Förster. Nach seinen Worten wird die Körperspende von der evangelischen Kirche positiv gesehen.

Werbung braucht die MHH nicht zu machen – die rund 70 Sterbefälle pro Jahr reichen für ihre Präparierkurse aus. Jährlich melden sich bei Schmiedl 100 neue Spender, derzeit sind 1400 Menschen bei ihm regis­triert. Er kann es sich auch leisten, Bewerber abzulehnen, wenn sie zum Beispiel HIV-positiv sind. Eine umstrittene Praxis. „Die HIV-Infektion ist keine hoch ansteckende Erkrankung. Die Beachtung einfachster Grundregeln der Hygiene im Umgang mit menschlichem Gewebe ist professioneller Standard und schützt ausreichend“, sagt Professor Matthias Stoll, Oberarzt an der MHH und Vorstand der Aidshilfe Niedersachsen. Er spricht von einer diskriminierenden Regelung.

Über dem Text auf der im vergangenen Jahr errichteten Stele auf dem Celler Stadtfriedhof findet sich übrigens in großen Buchstaben das Motto der Medizinischen Hochschule Hannover: Unitas. Libertas. Caritas. Dahinter verbirgt sich das lateinische Sprichwort „In necessariis unitas, in dubiis libertas, in omnibus caritas“, zu Deutsch: „Im Notwendigen herrsche Einmütigkeit, im Zweifelhaften Freiheit, in allem aber Nächstenliebe.“

Info

Zur Sache

So wird man Körperspender

Wer seinen Körper der MHH nach dem Ableben zur Verfügung stellen will, füllt ein Vermächtnisformular aus (siehe www.mh-hannover.de/anatomie_koerperspende.html). Das Vermächtnis ist eine Absichtserklärung, die widerrufen werden kann. Eine Altersobergrenze gibt es nicht. Nicht akzeptiert werden Personen mit Erkrankungen wie HIV oder Hepatitis, auch nach einer Obduktion oder einer Organspende ist eine Körperspende nicht möglich. Eine anonyme Bestattung auf dem MHH-Grabfeld ist nicht zwingend erforderlich, Angehörige können auch ein individuelles Begräbnis organisieren.

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