Erster Lehrgang in neuer Verdener Bauschule / Teilnehmer aus ganz Deuschland und Österreich Nachhaltig bauen mit Lehm und Stroh

Ohne Gerüst ein selbsttragendes Gewölbe mauern – mit Lehmsteinen geht das. Beim ersten Lehmbaukurs in der Forschungs- und Praxiswerkstatt des Norddeutschen Zentrums für Nachhaltiges Bauen in Verden hat das jetzt ein rundes Dutzend Teilnehmer gelernt. Und darüber hinaus noch viel mehr.VON JOHANNES HEEG
11.07.2012, 05:00
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Von Johannes Heeg

Ohne Gerüst ein selbsttragendes Gewölbe mauern – mit Lehmsteinen geht das. Beim ersten Lehmbaukurs in der Forschungs- und Praxiswerkstatt des Norddeutschen Zentrums für Nachhaltiges Bauen in Verden hat das jetzt ein rundes Dutzend Teilnehmer gelernt. Und darüber hinaus noch viel mehr.VON JOHANNES HEEG

Verden. Um Lehmbau und Strohballenbau geht es in einem Öko-Projekt namens "Norddeutsches Zentrum für Nachhaltiges Bauen", das jetzt in Verden Formen annimmt. Insgesamt sollen dafür in der Allerstadt rund 6,6 Millionen Euro investiert werden. Das vom Architekten Thomas Isselhard und seinen Mitstreitern entwickelte Konzept fand die Landesregierung so überzeugend, dass das Land Niedersachsen EU-Zuschüsse in Höhe von 4,4 Millionen Euro nach Verden überweist. Das ist die höchste Förderung, die die EU jemals für ein Einzelvorhaben im Landkreis Verden bewilligt hat.

Die in einer ehemaligen Panzerhalle untergebrachte Lehmbauschule ist Teil des Projekts. In einem ersten Kursus beschäftigten sich jetzt aus ganz Deutschland sowie aus Österreich und Holland angereiste Teilnehmer fünf Tage lang mit dem natürlichen Werkstoff Lehm. Zwar gab es etliche Theorie-Einheiten, doch "hier geht es hauptsächlich ums praktische Arbeiten", erklärt Seminarleiter Dittmar Hecken. In dem Kursus sollen sowohl die Faszination als auch die grundlegenden Techniken des Bauens mit Lehm vermittelt werden.

Fasziniert waren die angehenden Lehmbauexperten in der Tat. "Ich will ein Gefühl für das Material bekommen", sagt Imad Irik, der früher Schiffe gebaut hat und sich rein privat fürs Bauen mit Lehm interessiert. Er weiß nun, wie er eine ebenso effektive wie natürliche Wärmedämmschicht aus Lehmschlämme und Blähtonkügelchen auf Wände bringt. Beeindruckt habe ihn auch die "nubische Kuppel". Mit Lehmsteinen könne ohne Gerüst ein selbsttragendes Gewölbe errichtet werden.

Sophie Schadwill aus Dresden wollte sich als Architektin gezielt auf dem Gebiet des ökologischen Bauens weiterbilden. "Lehm ist ein gesunder Baustoff, und er ist angenehm anzufassen", sagt sie. Dass es beim Stampfen einer 50 Zentimeter dicken Lehmwand und beim Ausmauern der Fachwerkwand zugeht wie auf einer richtigen Baustelle, sieht man ihrer Arbeitskluft an. "Das ist ein tolles praktisches Lernen hier", meint sie.

Aus Österreich dabei war Thomas Eder, der in seiner Heimat in dritter Generation eine Ziegelei betreibt. "Das Material ist leicht formbar und regt die Phantasie an", sagt er. Die Grundstoffe Ton, Schluff und Sand seien praktisch unbegrenzt vorhanden. Möglicherweise werde sein Betrieb irgendwann einmal neben gebrannten Ziegeln auch Baumaterial aus Lehm vermarkten. Lehm sei ein bewährter Baustoff, doch leider sei "viel Erfahrung im Umgang damit verlorengegangen".

Die Materie begreifen

Seminarleiter Hecken ist es wichtig, dass seine Teilnehmer die Materie begreifen, und zwar im ursprünglichen Wortsinne. "Lehm ist ja kein normierter Baustoff, da er in verschiedenen Zusammensetzungen vorkommt. Daher üben wir hier, die Unterschiede zu erspüren und ein Gefühl für die unterschiedlichen Lehmsorten zu bekommen", so Hecken.

Die Vorteile von Lehm erklärt er so: "Lehmwände sorgen für ein ideales Raumklima. Die Wände nehmen Feuchtigkeit auf und geben sie nach und nach wieder an die Raumluft ab." Die relative Luftfeuchte betrage in Lehmhäusern 50 bis 55 Prozent, was sich positiv auf die Gesundheit der Bewohner auswirke. "Nach meinen Erfahrungen bekommen die Menschen in Lehmhäusern seltener Erkältungskrankheiten", so Hecken.

Das Thema Nachhaltigkeit hat unterdessen die in Rotterdam lebende Architektin Anja Traffas nach Verden geführt. "Mich stört das Gefühl immer mehr, dass man ein Haus baut, und am Ende ist es Sondermüll." Was sie aus dem Kurs noch mitnimmt: "Man kann auch mit Lehm wunderschöne klare Formen verwirklichen." Dass Lehmwände krumm und schief seien, sei ein Vorurteil.

Der aus Brasilien stammende Architekt Gustavo Linhares forscht als Doktorand zum Thema Naturbaustoffe. "Ich finde den Gedanken charmant, dass man aus dem Erdaushub für ein Haus gleich die Wände baut", sagt er. Das wäre nicht nur klimagerecht, sondern würde auch für individuelle und ortsverbundene Bauten sorgen. Für das neue Bau-Zentrum in Verden individuell geplant sind auch die drei Neubauten in Strohballenbauweise. Im Kompetenzzentrum sollen heimische Handwerksbetriebe auf einer Ausstellungsfläche von 400 Quadratmetern zeigen, wie man schon heute beim Bau, und erst recht beim Betrieb eines Hauses, Energie sparen und Kohlendioxid vermeiden kann – und das bei moderatem Aufpreis. Das Gebäude, für das jetzt erste Vorarbeiten begonnen haben, soll ein Anschauungsobjekt für mehrgeschossigen Strohballenbau werden. Es wird gestaffelt mehrere Stockwerke haben.

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