Entscheidung über mögliche Umbenennung der Lent-Kaserne

Nazi oder nicht?

Mit sieben zu vier Stimmen hat der Rotenburger Kreisausschuss sich gegen eine Umbenennung der Lent-Kaserne ausgesprochen. Am Mittwoch wird der Rotenburger Kreistag seine Position bestimmen.
17.06.2017, 00:00
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Nazi oder nicht?
Von Silke Looden

Mit sieben zu vier Stimmen hat der Rotenburger Kreisausschuss sich gegen eine Umbenennung der Lent-Kaserne ausgesprochen. Am Mittwoch wird der Rotenburger Kreistag seine Position bestimmen. Das Votum dürfte ähnlich deutlich ausfallen. Unterdessen dauert die Diskussion um den umstrittenen Namensgeber an. Helmut Lent (1918-1944) war Jagdflieger der Wehrmacht, ein Kriegsheld für die Nationalsozialisten. Aber war Lent auch ein Nazi? Rotenburgs Landrat Hermann Luttmann (CDU) empfiehlt den Kreistagsmitgliedern in der Beschlussvorlage, den Kasernennamen beizubehalten und sich kritisch mit der Person Lents auseinanderzusetzen.

Luttmann, der selbst zwei Jahre lang in der Kaserne gedient hat, macht sich die Position von Generalstaatsanwalt a. D. Jürgen Dehn zu eigen, der in seiner Expertise über Lent zu folgendem Ergebnis kommt: „Allein die Tatsache, dass Lent in großer Zahl britische Bomber abgeschossen hat, macht ihn (Anm. d. Red.: als Namensgeber) nicht ungeeignet.“ Lent habe die Zivilbevölkerung in den deutschen Großstädten vor den massiven Luftangriffen der Alliierten im Zweiten Weltkrieg verteidigt. Die Person Lent zeige, wie fliegerische Begeisterung und soldatische Pflichterfüllung zu einer Verstrickung in ein Unrechtsregime führten. Dehn: „Er war ein guter Soldat im Dienst einer schlechten Sache.“ Dehn zufolge war Lent nicht einmal Mitglied der NSDAP.

Die Linke im Rotenburger Kreistag indes beantragt die Umbenennung der Kaserne und beruft sich auf das Bundesarchiv. Dort ist die Personalakte Lents aufbewahrt. Darin wurde 1941 festgehalten: „Oberstleutnant Lent steht fest auf dem Boden der nationalsozialistischen Weltanschauung.“ Außerdem führt der Linken-Kreistagsabgeordnete Nils Bassen die Rede von Bundesverteidigungsministerin Ursula von der Leyen (CDU) vom 16. Mai vor Reservisten an. Darin heißt es: „Wir verbannen zu Recht den Wehrmachtshelm aus der Stube. Doch am Tor der Kaserne stehen nach wie vor Namen wie Hans-Joachim Marseille oder Helmut Lent. Beide Namensgeber sind nicht mehr sinnstiftend für die heutige Bundeswehr. Sie gehören zu einer Zeit, die für uns nicht vorbildgebend sein kann.“

Die Rotenburger Bürgerinitiative für eine Umbenennung der Lent-Kaserne hofft, dass der Kreistag sich nicht wie der Landrat und zuvor der Rotenburger Stadtrat sowie die Soldaten der Kaserne die Position Dehns zu eigen macht. Sprecher Marc Andreßen (Grüne) erklärt: „Ein Held des NS-Systems kann kein Vorbild für heutige Soldaten sein.“ Die Verklärung der Nachtjäger als Beschützer der Frauen und Kinder, verkenne, dass der Zweite Weltkrieg ein Angriffs- und Vernichtungskrieg war, der von deutschem Boden ausging. Andreßen fragt sich, was junge Soldaten von Lent lernen sollen: „Dass Soldaten im Zweiten Weltkrieg Deutschland verteidigt haben, während die Alliierten Bombenterror verübten?“

Offenbar sind sich selbst Historiker uneins über die Rolle des Helmut Lent in der nationalsozialistischen Propaganda. So zeichnet das Zentrum für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr in Potsdam ein ambivalentes Bild. Nach den Ausführungen von Oberstleutnant Thomas Vogel war Lent ein „ehrgeiziger, karrierebewusster Luftwaffenoffizier und begeisterter Flieger, der sich weitgehend angepasst und sytemkonform verhielt.“ Andererseits gebe es Hinweise auf eine innere Distanz gegenüber dem Nationalsozialismus, die wahrscheinlich in seinem christlich geprägten Elternhaus begründet war. Lents Vater war Pfarrer. Vogel kommt zu dem Schluss, dass Lent „kein Nazi im eigentlichen Sinne“ war.

Das Militärgeschichtliche Forschungsamt hingegen verweist auf das Erinnerungsbuch an Helmut Lent. Darin ist von einer „ungebrochenen Führergläubigkeit“ die Rede. Als Lent 1944 bei einem Flugunfall ums Leben kam, hielt Reichsmarschall Hermann Göring persönlich die Trauerrede. Darin heißt es: „Er war aber nicht nur Soldat, nicht nur Kämpfer, er war auch ein leidenschaftlicher Anhänger unserer nationalsozialistischen Weltanschauung.“ Möglicherweise, so das Amt, entsprach das Propagandabild seiner Persönlichkeit. Zumindest habe Lent von der Rassenideologie Kenntnis gehabt. Laut Staatsarchiv in Stade war im Hause Lent eine ukrainische Haushaltshilfe als Zwangsarbeiterin angestellt. Andererseits war Lent mit einer Russin verheiratet.

Landrat Luttmann jedenfalls ist der Überzeugung, dass es besser sei, sich kritisch mit der Person Lents auseinanderzusetzen, als den Namen einfach vom Kasernentor zu streichen. Schließlich sei Rotenburg seit 1964 eng mit der Lent-Kaserne verbunden. Man müsse dabei auch an die Hinterbliebenen denken. In jedem Fall hat das Votum des Kreistags wie das des Stadtrats und der Soldaten nur einen empfehlenden Charakter. Entscheiden wird am Ende das Bundesverteidigungsministerium. Dabei soll die Meinung der Menschen vor Ort berücksichtigt werden. Bis Ende des Jahres will das Ministerium prüfen, ob der Kasernenname noch „sinnstiftend im Sinne des Traditionserlasses der Bundeswehr“ ist.


Debatte über Kasernen-Namen
Dürfen Kasernen nach früheren Wehrmachtshelden benannt werden, auch wenn diese nicht im Widerstand waren? Die Debatte darüber hat nach Funden von Wehrmachtsdevotionalien in den Stuben der Bundeswehr an Fahrt gewonnen. Zur Disposition steht nicht nur der Name der Lent-Kaserne in Rotenburg, sondern auch der der Feldwebel-Lilienthal-Kaserne in Delmenhorst, die nach dem Panzerjäger Diedrich Lilienthal (1921-1944) benannt ist. Im Heidekreis geht es um die Schulz-Lutz-Kaserne in Munster und in Schleswig-Holstein um die Marseille-Kaserne in Appen. Die Henning-von-Tresckow-Kaserne in Oldenburg hingegen steht nicht auf der Liste derjenigen Kasernen, die das Bundesverteidigungsministerium daraufhin überprüft, ob sie mit dem Traditionsverständnis der Bundeswehr vereinbar sind, denn Tresckow war eine zentrale Figur im militärischen Widerstand.
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