Reaktivierung von Gleisverbindungen wird geprüft

Neue Chance für stillgelegte Bahnstrecken

Hannover. Niedersachsen plant, alte Eisenbahnstrecken wieder in Betrieb zu nehmen. 58 Linien hat das Land auf dem Zettel. Sechs bis acht Verbindungen sollen wieder instandgesetzt werden. Die erste noch in dieser Legislaturperiode.
12.08.2013, 05:00
Lesedauer: 3 Min
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Neue Chance für stillgelegte Bahnstrecken
Von Justus Randt
Neue Chance für stillgelegte Bahnstrecken

Die Moorexpress-Strecken werden nicht für den regulären Personenverkehr hergerichtet.

Maren Arndt

Hannover. Niedersachsen plant, alte Eisenbahnstrecken wieder in Betrieb zu nehmen. Dabei kann das Land auf eine Datensammlung aus dem Jahr 1999 zurückgreifen. So alt ist die jüngste Untersuchung zur sogenannten Reaktivierung stillgelegter Trassen in Niedersachsen. 58 Linien hat das Land auf dem Zettel. Sechs bis acht Verbindungen sollen wieder instandgesetzt werden. Die erste noch in dieser Legislaturperiode.

Verkehrsminister Olaf Lies (SPD) hat den Ausbau des niedersächsischen Schienen-Personennahverkehrs (SPNV) aufs Gleis gesetzt. Bis zum Ende dieses Jahres sollen aus einer Liste von bisher 58 zu untersuchenden ehemaligen Eisenbahnstrecken 20 Favoriten ermittelt werden. Im Spätherbst 2014 soll dann beschlossen werden, welche sechs bis acht Strecken wiederertüchtigt werden, wie es im Bahn-Jargon heißt.

"Wenn es dann am Ende neun Strecken sind, wird es auch nicht am Geld scheitern", stellt Ministeriumssprecher Stefan Wittke in Aussicht. "Wir haben den politischen Willen." Und der verfolgt das Ziel, noch in dieser Legislaturperiode die erste der ehemaligen, teils seit Jahrzehnten zugewucherten Eisenbahnstrecken wieder in Betrieb zu nehmen. Die Vorschlagsliste ist nicht komplett und erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Die 58 Strecken befanden sich größtenteils bereits im Jahr 1999 auf einer Prüfliste zur Reaktivierung. "Die Liste ist durchaus offen für weitere Vorschläge aus den Regionen", sagt Wittke.

Der Fahrgastverband Pro Bahn bewertet das Vorhaben "eindeutig positiv". Björn Gryschka, Pro-Bahn-Sprecher in Niedersachsen, lobt: "Ein solch transparentes Verfahren haben Fahrgastverbände, Initiativen und Kommunen in den vergangenen Jahren vermisst." Auch der Verkehrsclub Deutschland (VCD) in Niedersachsen begrüßt Minister Lies’ Vorhaben "ausdrücklich".

VCD-Landesvorstandsmitglied Wolfgang Konukiewitz kündigte bereits einen Zusatzvorschlag für die Prüfliste an: den derzeit als Museumsbahn an Wochenenden zwischen Stade und Bremen verkehrenden Moorexpress. Mit Hinweis auf die Bedeutsamkeit solcher "vergleichsweise langen" Eisenbahnverbindungen regt er an, die Landesregierung solle "auch solche Strecken angemessen berücksichtigen".

Mit der Strecke von Bremen-Huchting nach Thedinghausen, die über Stuhr, Brinkum, Leeste, Kirchweyhe und Riede führt, ist auch eine derzeit für den Güterverkehr genutzte Verbindung in die Prüfliste aufgenommen. Hauptgesellschafter der im Jahr 2000 gegründeten Bremen-Thedinghauser Eisenbahn (BTE) sind die Kommunen Stuhr, Weyhe und Thedinghausen. Sie übernahmen die Strecke der früheren Bremisch-Hannoverschen Eisenbahn, um damit die Voraussetzung für den Ausbau der Bremer Straßenbahn zur Stadtbahn zu erhalten. Ebenfalls auf der Agenda: Die Strecke Wilstedt-Zeven-Tostedt.

Neubau nicht ausgeschlossen

Auch ein Schienenstück, das es noch gar nicht gibt, enthält die Liste der zu untersuchenden Strecken: Nummer 58 auf dem Prüfzettel ist die Verlängerung der Gleise über Esens hinaus in Richtung Küste bis Bensersiel.

In den vergangenen Jahren, so hatte der VCD festgestellt, habe das Land mehr auf Ausschreibungen – wie beispielsweise für den Metronom – gesetzt, "um mit bestehenden Strecken neue Kunden aufs Gleis zu holen". Das sei gut. In Sachen Reaktivierung alter Strecken warf der Verband der früheren Landesregierung aber "unverständliche Hartnäckigkeit" vor. Seit dem Zweiten Weltkrieg seien allein in Niedersachsen 3000 Kilometer Bahnstrecken stillgelegt worden.

Schon 1999, als die bislang neueste Untersuchung reaktivierbarer Bahnstrecken vorlag, umfasste die Liste 57 Linien. Vier wurden wurden schließlich von einem Gutachter bewertet. Eine einzige Strecke ist wieder hergerichtet worden: Der sogenannte Haller Willem verkehrt seit 2005 wieder zwischen Osnabrück und Bielefeld – nachdem er 20 Jahre lang stillgelegt war.

Besonders viel Erfahrung gibt es mit der Reaktivierung alter Eisenbahnstrecken also nicht. 75 Prozent der Investitionskosten jedenfalls, sagt Ministeriumssprecher Stefan Wittke, übernehme das Land, ein Viertel müssten Landkreise und Kommunen übernehmen. Was dabei herauskommt, hängt von der jeweiligen Streckenlänge ab. Beim Haller Willem seien für die 20 Kilometer Strecke auf niedersächsischem Gebiet insgesamt zehn Millionen Euro zusammengekommen.

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