Der Norden im Wandel

Neue Dorfläden braucht das Land

Otersen. Mit viel ehrenamtlicher Arbeit und ausgeklügelten Konzepten erfinden Bürger in Otersen eine alte Institution neu: den Dorfladen.
31.12.2013, 00:00
Lesedauer: 4 Min
Zur Merkliste
Von Martin Wein
Neue Dorfläden braucht das Land

Verkäuferin Silke Brandt an der Kasse mit Kundin Susanne Waack im Dorfladen Otersen.

FOCKE STRANGMANN

Während sich der kommerzielle Lebensmittel-Einzelhandel zunehmend aus der Fläche verabschiedet, werden Bürger aktiv. Mit viel ehrenamtlicher Arbeit und ausgeklügelten Konzepten erfinden sie etwa in Otersen eine alte Institution neu: den Dorfladen.

Rund 500 Menschen leben in dem Dorf Otersen in der Gemeinde Kirchlinteln im Landkreis Verden. An einem Sonnabendmorgen sind scheinbar alle Einwohner auf den Beinen. Ihr Ziel ist das geräumige alte Fachwerkhaus am Steinfeld 9. Ab sieben Uhr früh stehen dort Teenager, Familienväter und Senioren gemeinsam an für frische Brötchen. Mit lokalen Produkten vom Landbäcker, Fleischer, Imker und Biobauern, einem Paketshop und einem Café mit Terrasse ist der Dorfladen seit 13 Jahren das neue Herz von Otersen – als Treffpunkt und multifunktionales Dienstleistungszentrum. Der Glanz des Ladens als Leuchtturmprojekt strahlt ab in die ganze Republik.

Eigentlich fordert das Grundgesetz in Artikel 72 die „Herstellung gleichwertiger Lebensverhältnisse“ für ganz Deutschland. Die Versorgung mit Lebensmitteln zählt allerdings nicht dazu. Schließlich wird sie dem Einzelhandel überlassen. Doch die Handelsketten, die mit mindestens 3000 potenziellen Käufern im Umfeld eines Ladens und einer Ladenfläche von mindestens 600 Quadratmetern rechnen, sehen in der Fläche immer weniger Zukunft. Im Elbe-Weser-Dreieck ist der Schwund besonders greifbar. In der einzigen für Deutschland verfügbaren Langzeit-Studie hat der Hamburger Wirtschafts- und Kommunalberater Manfred Steinröx den Schwund über vier Jahrzehnte dokumentiert. Hatten 1973 nur zwei Prozent der Einwohner keinen Lebensmittelladen am Wohnort, so trifft das heute bereits auf jeden vierten der 780000 Einwohner zu. 2025 könnte dieses Schicksal bereits jeden zweiten treffen, vermutet Steinröx. Und er ist sicher: „Der ‚Markt’ wird für dieses Problem keine Lösungen entwickeln.“

Zur Jahrtausendwende ging auch in Otersen die letzte Lebensmittelhändlerin in Ruhestand. Eine Nachfolge war nicht in Sicht. Bis zum nächsten Supermarkt wären es 14 Kilometer Fahrt gewesen. Am 6. Dezember 2000 warf der Betriebswirt und Kommunalpolitiker Günter Lühning zusammen mit 62 weiteren Bürgern sein Geld in den Ring. Mit einem Startkapital von umgerechnet rund 50000 Euro entstand der Dorfladen. Noch heute wird er weitgehend ehrenamtlich betrieben – von Bürgern für Bürger.

Das Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung erkennt in seiner Studie „Vielfalt statt Gleichwertigkeit“ einen regelrechten „Gründungsboom“ nicht am Profit orientierter Dorfläden. Als sozialer Treffpunkt würden diese gerade von Älteren geschätzt. Anders als bei rollenden Händlern kann man sich hier auch zum Plausch mit den Nachbarn treffen. Und die Hürde zur Mitarbeit ist verhältnismäßig gering. Praktisch jeder kann mitmachen. Damit solche Projekte dauerhaft bestehen können und nicht nur von Einzelnen getragen werden, müssen die Gemeinden mitziehen, fordern die Wissenschaftler. Ähnlich wie die Schulen können sich die Läden dann zum lokalen Treffpunkt und zum multifunktionalen Service-Zentrum entwickeln.

Das Land Schleswig-Holstein hat mit dem „Markt-Treff“-Konzept erfolgreich versucht, Dorfläden auf eine breite Basis zu stellen und damit das Leben in der Fläche neu zu beleben. Im November eröffnete der 30. „Markt-Treff“ in Schwesing im Landkreis Nordfriesland. Angepasst an den jeweiligen Bedarf bieten die Läden mehr oder weniger Produkte und stehen als Treffpunkt zur Verfügung.

In der Gemeinde Witzwort auf der Halbinsel Eiderstedt etwa ist das Geschäft längst etabliert. Hier verkaufen Maik Schulze und seine Mitarbeiter auf 140 Quadratmetern frisches Fleisch, Käse, Gemüse und Backwaren sowie abgepackte Lebensmittel und Non-Food-Artikel. Der „Markt-Treff“ ist gleichzeitig Lotto-Annahmestelle, Kopierservice, Paketshop, Stromtankstelle für Elektro-Autos und E-Bikes, Auffüllstation für Campinggasflaschen, Partyservice, Geschäftsstelle der lokalen Tageszeitung und Verkaufsbüro für Fährschiff-Tickets. Dazu gibt es ebenfalls einen Café-Bereich zum Klönen. Außerdem hängt hier ein Defibrillator für Notfälle.

Andere „Markt-Treffs“ bieten Bankautomaten, nehmen Wäsche zur Reinigung an oder vermitteln Blumensträuße. Sogar Versicherungsberatung, Touristeninformationen, Krankengymnastik, Arztsprechstunden oder eine gläserne Zeitungsredaktion kommen vor. Weil nebenher das Dorfleben gefördert werden soll, übernehmen die Gemeinden im Regelfall 45 Prozent der Investitionskosten und bieten oftmals günstige Pachtkonditionen.

Um derartiges Engagement zu fördern, sieht das Berlin-Institut Handlungsbedarf. Viele Gemeindeordnungen verböten Kommunen eigenwirtschaftliches Handeln. Sie können damit nicht als Betreiber oder Teilhaber auftreten. Außerdem könnten die Kommunen sich Eigenleistungen wie etwa kostenfrei gestellte Räume nicht als Co-Finanzierung anrechnen lassen. Damit die Dorfläden gerade in Gebieten mit starken Abwanderungs- und Alterungstendenzen Kontrapunkte setzen können, ist eine Co-Finanzierung der öffentlichen Hand unerlässlich.

Otersen im wirtschaftlich starken Landkreis Verden hat dagegen das Glück, dass sich ausreichend viele Einwohner eine Beteiligung am Dorfladen leisten können. Heute gibt es dort 141 Gesellschafter, die inzwischen sogar eine eigene Immobilie erworben haben. Ein Erfolg, der sich herumgesprochen hat: 2007 wurde unter anderem dieses Engagement mit der Goldmedaille im Wettbewerb „Unser Dorf hat Zukunft“ ausgezeichnet.

Im nächsten Teil unserer Serie geht es um die Zukunft der Schulen auf dem Land.

Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+