Firma testet ruhigeren Bau von Offshore-Windanlagen Neues Verfahren soll Wale schützen

Juist. Naturschützer machen laute Rammarbeiten beim Bau von Offshore-Windanlagen für das zunehmende Walsterben in der Nordsee mitverantwortlich. Die Firma Hochtief arbeitet an einem Verfahren, das das Rammen künftig verzichtbar machen könnte.
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Von Hannah Petersohn

Juist. Naturschützer machen laute Rammarbeiten beim Bau von Offshore-Windanlagen für das zunehmende Walsterben in der Nordsee mitverantwortlich. Die Firma Hochtief arbeitet an einem Verfahren, das das Rammen künftig verzichtbar machen könnte.

Am Oststrand der Insel Juist liegt seit zwei Wochen ein riesiger Wal-Kadaver. Bislang ist es nicht gelungen, die Walart zu bestimmen und die Todesursache zu ermitteln. Auch bei den elf Schweinswalen, die im Sommer tot vor der Insel Trischen in der Nordsee trieben, ist unklar, woran sie verendeten. Naturschützer wie Meeresschutzexperte Kim Detloff vom Nabu machen den Unterwasserlärm bei Offshorearbeiten für das Walsterben in der Nordsee mitverantwortlich. Die Firma Hochtief will nun die lauten Rammarbeiten durch ein neues Bohrverfahren ersetzen.

Mehr als 50 Windenergieanlagen stehen inzwischen vor der deutschen Nord- und Ostseeküste, weitere 290 sind im Bau, mehr als 6000 sollen bis zum Jahr 2020 folgen. Die Offshore-Windräder stehen auf riesigen Einzelpfählen oder mehrbeinigen Stelzen im Meer, die in der Regel in den Meeresboden gerammt werden. Das verursache einen Lärmpegel von mehr als 200 Dezibel, sagt Gerd Rosenkranz, Sprecher der Deutschen Umwelthilfe. Zum Vergleich: Ein Presslufthammer bringt es auf 120 Dezibel.

Für Tiere in der Nähe, wie zum Beispiel die Schweinswale, hat der Unterwasserlärm fatale Folgen. Er verletze das empfindliche Gehör der Wale und nehme ihnen den lebenswichtigen Orientierungssinn, sagt Rosenkranz.

Zum Schutz der Tiere hat der Gesetzgeber einen Lärmgrenzwert von 160 Dezibel festgelegt. Um diesen Wert einzuhalten, setzen die Bauunternehmen unter anderem den sogenannten Blasenschleier ein. Am Meeresboden werden Druckluftschläuche verlegt, die rund um die Unterwasserbaustelle einen Vorhang aus Luftbläschen erzeugen. Der Blasenschleier absorbiert den größten Teil der Schallwellen.

Das Unternehmen Hochtief entwickelt zurzeit einen Bohrer, mit dem künftig beim Bau der Fundamente auf Rammarbeiten verzichtet werden kann, sagt Christoph Budach, Projektleiter der Firma. Der zylindrische hohle Pfahl, auf dem künftig die Windanlage stehen soll, wird zuerst auf dem Meeresgrund abgestellt. Der Bohrer wird durch das Rohr bis auf den Grund geschoben und fräst sich "wie eine kugelförmige Raspel" durch die Gesteinsschichten. Durch sein Eigengewicht rutscht das Rohr mit jedem gebohrten Zentimeter nach und drückt sich in den Boden hinein.

Hochtief erwartet, dass durch das Verfahren der Grenzwert von 160 Dezibel unterschritten wird. Bohren funktioniere "wesentlich leiser" als das üblichen Rammen, und die Schweinswale könnten geschont werden, so Budach. Das neue Verfahren sei auf einer Tagung begeistert aufgenommen worden, sagt Gerd Rosenkranz. Er hat die Tagung "Schallschutz beim Bau von Offshore-Windparks"mitorganisiert.

Ein Prototyp des neuen Bohrers wird gerade im süddeutschen Schwanau konstruiert. Ende Januar soll ein erstes Exemplar gebaut werden. Zwischen "zehn und 20 Millionen Euro" soll der neue Bohrer nach Angaben von Hochtief kosten. Gespräche über den Verkauf an Windkraftbetreiber liefen bereits.

Für die Bauarbeiten unter Wasser gilt seit 2008 ein Grenzwert von 160 Dezibel. Diesen Wert, festgesetzt vom Umweltbundesamt, soll die Offshore-Industrie einhalten. Das Bundesamt für Schifffahrt und Hydrographie (BSH) kontrolliert seine Einhaltung. "Vor jedem Baubeginn muss uns der Betreiber ein Schallschutzkonzept vorlegen. Das enthält eine Schallprognose. aus der hervorgeht, wie laut die Arbeiten werden", sagt Carolin Abromeit, Referentin für Offshore-Vorhaben beim BSH.

Wird der Dezibel-Grenzwert überschritten, müssten die Betreiber der Windkraftanlagen mit Auflagen rechnen. "Wir drängen die Betreiber dann dazu, ein Optimierungskonzept vorzulegen", so Abromeit. Zu dem Konzept könne im Zweifelsfall auch der Einsatz alternativer Bauweisen gehören. "Im schlimmsten Fall müssen die Betreiber die Bauarbeiten unterbrechen." Verhängt wurde diese Sanktion allerdings noch nicht.

Ab 2016 gilt eine neue Regelung. Dann müssen Firmen Eingriffe in die Umwelt, zu denen die Flächenversiegelung auf dem Meeresboden, der Baulärm und die Flügelrotationen in der Luft gehören, kompensieren. Das kann durch Aufrüstung alter Technik geschehen. Oder durch Ausgleichszahlungen. Davon sind Nabu-Experte Kim

Detloff und Carolin Abromeit vom BSH "wenig begeistert". Für die Industrie werde es womöglich billiger, die Ausgleichszahlungen zu leisten, als nach Alternativen zu forschen.

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