Falsch deklariertes Geflügel Neuland plant eigene Hähnchenzucht

Bremen/Bad Bevensen. Um das Vertrauen der Verbraucher zurückzugewinnen, wollen Norddeutschlands Neuland-Betriebe ein eigenes Hähnchenmastsystem aufbauen.
10.05.2014, 00:00
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Neuland plant eigene Hähnchenzucht
Von Hans Ettemeyer

Um das Vertrauen der Verbraucher zurückzugewinnen, wollen Norddeutschlands Neuland-Betriebe ein eigenes Hähnchenmastsystem aufbauen. Die Neuland-Vermarktungsgesellschaft Nord in Bad Bevensen wird unterdessen weiterhin von Thomas Strauß geführt. Der neue Aufsichtsrat der GmbH hat die vom Vorstand des Neuland-Trägervereins geforderte Freistellung des Geschäftsführers abgelehnt.

Nach dem Skandal um falsch deklariertes Geflügelfleisch sucht die Neuland-Vermarktungsgesellschaft Nord in Bad Bevensen händeringend nach einem neuen Lieferanten. Spätestens bis Weihnachten, so der neue Aufsichtsratsvorsitzende Gerhard Bohm, soll es in den Neuland-Läden wieder Geflügelfleisch mit dem Neuland-Siegel geben. Bis dahin will Neuland ein eigenes Hähnchenmastsystem aufbauen – mit einem geschlossenen Kreislauf von der Kükenaufzucht bis zum schlachtreifen Hähnchen. In den Neuland-Fleischereien machen sich unterdessen die Folgen des mutmaßlichen Betruges bemerkbar. „Mein Umsatz mit Geflügelfleisch ist um zwei Drittel zurückgegangen“, sagt Marco Willers, der in Bremen drei Neuland-Fleischereien betreibt.

Knapp vier Wochen ist es her, dass der mutmaßliche Etikettenschwindel mit Neuland-Geflügelfleisch öffentlich wurde. Der Landwirt Werner L. aus Wietzen (Kreis Nienburg) hatte der Neuland-Vermarktungsgesellschaft Nord in Bad Bevensen (Kreis Uelzen) offenbar jahrelang Hähn-chen aus der Massentierhaltung als teures Neuland-Fleisch verkauft. Die Staatsanwaltschaft Oldenburg ermittelt gegen den Landwirt wegen des Verdachts des gewerbsmäßigen Betruges.

„Ich bin genauso betrogen worden, wie die Verbraucher“, sagt Fleischer Marco Willers. Ein schwarzes Schaf habe die ganze Neuland-Bewegung in Misskredit gebracht. „Die allermeisten Neuland-Betriebe arbeiten ordentlich und engagiert, die leben geradezu Neuland“, sagt Willers. Im Moment seien die Kunden verunsichert, der Umsatz an Geflügelfleisch sei bei ihm um mehr als 60 Prozent zurückgegangen.

Seit Dezember, nachdem sich Neuland von seinem Lieferanten in Wietzen getrennt hatte, habe er Neuland-Hähnchen von der Vermarktungsgesellschaft Süd in Radolfzell bezogen. Doch nachdem der Neuland-Verein die Richtlinien verschärft habe, dürften auch die Hähnchen vom Bodensee nicht mehr unter dem Qualitätssiegel Neuland-Fleisch verkauft werden. „Die bieten wir jetzt unter der Bezeichnung Freilandhähnchen an“, sagt Willers, „obwohl sie nach den bis vor Kurzem geltenden Neuland-Bestimmungen aufgezogen werden: kein Antibiotika, nur Futter aus der Region, Freilandhaltung, Stroh im Stall, 56 Tage Mindestalter“. Was seinen Preis hat: Neuland-Fleisch ist mindestens doppelt so teuer wie Ware aus konventioneller Produktion – in der Regel aber preiswerter als Bio-Fleisch.

Der Neuland-Trägerverein hat seine Richtlinien für die Geflügelproduktion als Konsequenz aus dem Etikettenschwindel verschärft. Der Verein, vor 25 Jahren gemeinsam vom Deutschen Tierschutzverein, dem Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND) und der Arbeitsgemeinschaft Bäuerliche Landwirtschaft gegründet, ist Lizenzgeber, und die Neuland-Betriebe sind an seine Vorgaben gebunden. So darf Geflügel ab sofort nur noch dann als Neuland-Geflügel verkauft werden, wenn die Küken aus befruchteten Eiern von Neuland-Hennen stammen. „Ein Schnellschuss“, sagt Willers, „bislang gibt es gar keine Küken von Neuland-Hennen, die Zucht muss erst noch aufgebaut werden.“

Und das kann dauern, wie Gerhard Bohm, der Aufsichtsratsvorsitzende der Neuland-Vermarktungsgesellschaft Nord, bestätigt. Es gebe nur wenige große Kükenzüchter und die seien kaum interessiert, bei den geringen Mengen, die Neuland vermarkte. Zum Vergleich: Der Wietzener Landwirt lieferte zum Schluss etwa 130 000 Hähnchen im Jahr an Neuland, demgegenüber stehen allein in Niedersachsen mehr als 30 Millionen konventionelle Hähnchenmastplätze. Deshalb plane die Vermarktungsgesellschaft Nord, ein eigenes geschlossenes Zuchtsystem aufzubauen, sagt Bohm.

Wie der Aufsichtsrat weiter berichtet, hat eine unabhängige Prüfungsgesellschaft vor einer Woche den Vermarktungsbetrieb in Bad Bevensen überprüft. Nach dem vorliegenden Zwischenergebnis sei nichts Gravierendes festgestellt worden, sagt Bohm. Und solange ein mögliches Mitverschulden der Geschäftsleitung nicht feststehe, bleibe Geschäftsführer Thomas Strauß auf seinem Posten. „Wir sind eine kleine Firma, da brauchen wir jede Hand.“ Der Vorstand des Trägervereins hatte den Aufsichtsrat aufgefordert, Strauß bis zum Abschluss der Betriebsprüfung freizustellen.

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