Niedersachsen

Der Norden hinkt bei Bahnhof-Modernisierungen hinterher

Der Bahnhof Heidkrug wird für 3,4 Millionen Euro barrierefrei ausgebaut. Doch so gut geht es längst nicht überall in Niedersachsen voran.
03.05.2021, 21:17
Lesedauer: 3 Min
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Der Norden hinkt bei Bahnhof-Modernisierungen hinterher
Von Peter Mlodoch
Der Norden hinkt bei Bahnhof-Modernisierungen hinterher

3,4 Millionen Euro investiert der Bund in die Modernisierung des Bahnhofs Heidkrug.

INGO MOELLERS

220 Meter lang, 76 Zentimeter hoch, ohne Stufen erreichbar: Der Bahnhof Heidkrug zwischen Bremen und Delmenhorst bekommt derzeit zwei neue Bahnsteige – und soll damit bis zum Sommer 2022 barrierefrei werden. 3,4 Millionen Euro sind für die jetzt gestarteten Baumaßnahmen vorgesehen; enthalten sind darin auch ein neues Wetterschutzhäuschen, eine neue Beleuchtungsanlage und ein modernes Fahrgastinformationssystem. Das Geld kommt vom Bund; es stammt aus dem „Förderprogramm zur Attraktivitätssteigerung und Barrierefreiheit an Bahnhöfen“.

Der S-Bahnhof Barsinghausen am Deister hat solche Zukunftsinvestitionen gerade abgeschlossen. Vor zweieinhalb Wochen feierte Niedersachsens Verkehrsminister Bernd Althusmann (CDU) gemeinsam mit Kommunalpolitikern und Bahn-Managerin Manuela Herbort die Inbetriebnahme des barrierefrei gestalteten zweiten Bahnsteigs mit einer Länge von 210 Metern und einer Höhe von ebenfalls 76 Zentimetern für den niveaugleichen Einstieg in die Züge. Auch eine neue Unterführung gehört zum 2,5 Millionen Euro teuren, vor einem Jahr gestarteten Umbau. „Dieser bringt allen Reisenden noch mehr Komfort, unabhängig von persönlichen Mobilitätseinschränkungen“, lobte Ressortchef Althusmann. „Das bisherige Mauerblümchendasein des Gleises 2 ist hiermit Geschichte“, freute sich Bürgermeister Henning Schünhof (SPD).

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Zehn Prozent der Bahnhöfe nicht stufenfrei

Zahlreiche andere Stationen müssen dagegen noch auf den sicheren und bequemen Zugang für Rollstuhlfahrer, sehbehinderte Menschen und Familien mit Kinderwagen warten. Zehn Prozent der 357 niedersächsischen Bahnhöfe der Bahn-Tochter „DB Station&Service“ verfügen über keine Stufenfreiheit. Bei 37 Prozent fehlen Wege mit Markierungen für Reisende mit eingeschränkter Sehfähigkeit, bei 73 Prozent auch Handlaufschilder. Das ergibt sich aus einer Antwort des Bundesverkehrsministeriums auf Anfrage des Bundestagsabgeordneten Sven-Christian Kindler (Grüne) aus Hannover. Alle 357 Bahnhöfe verfügen danach immerhin über Lautsprecher und Wegeleitsysteme.

Kritisiert den schleppenden Ausbau der Breitbandversorgung entlang der Bahnschienen: Sven-Christian Kindler (Grüne).

Kritisiert den schleppenden Ausbau der Breitbandversorgung entlang der Bahnschienen: Sven-Christian Kindler (Grüne).

Foto: Stefan Kaminski

„Lange Treppen, hohe Stufen und kaputte Aufzüge machen vielen Menschen, die gerne die Bahn nutzen wollen, das Reisen schwer oder sogar unmöglich“, kritisiert Kindler. Spätestens 2022 müsse die EU-Behindertenrechtskonvention, die vollständige Barrierefreiheit vorschreibe, in Deutschland komplett umgesetzt sein. „Davon ist Niedersachsen immer noch ein ganzes Stück entfernt.“ Dabei gehe es nicht nur um Stufenfreiheit. „Auch Blinde und Gehörlose müssen sich mit der Bahn gut von A nach B bewegen können“, meint der Abgeordnete und fordert deutlich mehr Investitionen in diesen Bereich. „Das ist eine Frage der Gerechtigkeit und Teilhabe aller Menschen.“

Land, Bund und Bahn verweisen dagegen auf die diversen Töpfe für die notwendigen Umbauten. Während der Bahnhof Heidkrug mit Bundesmitteln aufgepeppt wird, brachten Bahn AG, die Landesnahverkehrsgesellschaft und die Region Hannover gemeinsam das Geld für Barsinghausen im Rahmen der dritten Auflage des Investitionsprogramms „Niedersachsen ist am Zug“ auf. Bis 2025 werde man aus diesem Topf über 40 Bahnhöfe zwischen Ems und Elbe modernisieren, verspricht die Bahn.

Info

Zur Sache

Nachholbedarf besteht nicht nur bei der Barrierefreiheit von Bahnhöfen.

Auch die Verlegung für hochmoderne Telekommunikationsleitungen entlang der Gleise weist erhebliche Lücken auf. „Mit Stand April 2021 sind in Niedersachsen circa 2140 Kilometer der bundeseigenen Schienenstrecken mit Glasfaserinfrastruktur versorgt“, teilte der Staatssekretär im Bundesverkehrsministerium Steffen Bilger (CDU) auf Anfrage des Abgeordneten Sven Kindler mit. Insgesamt ist das Schienennetz in Niedersachsen 3405 Kilometer lang, 37 Prozent sind somit unversorgt.

„Der Ausbau der digitalen Infrastrukturen in Niedersachsen hinkt gewaltig hinterher - auch bei der Schiene“, schimpft der Grünen-Parlamentarier. Die Folgen bekämen nicht nur die Anwohner entlang der Strecken, sondern auch die Reisenden täglich zu spüren. „Es kann nicht sein, dass man auf der transsibirischen Eisenbahn durchgängig 4G, aber in niedersächsischen Zügen oftmals keinen Empfang hat, um die Anschlussverbindung zu googlen“, bemängelt Kindler. Bis 2025 müssten alle Schienenwege in Niedersachsen mit schnellem Glasfaser-Internet ausgerüstet sein. Statt sich immer nur um neue teure, sinnlose Autobahnprojekte zu kümmern, hätte Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) längst dafür sorgen müssen, dass die Bahn im Norden Deutschlands gestärkt werde. „Dazu gehören moderne Weichen und die neueste Leit- und Sicherungstechnik genauso wie WLAN an allen Bahnhöfen.“

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