Umweltminister Wenzel: Behälter mit hoch radioaktivem Atommüll dürfen vorerst nicht mehr bewegt werden Niedersachsen legt Castoren an die Kette

Hannover. 315 der in Deutschland lagernden Castor-Behälter mit hoch radioaktivem Atommüll verfügen über nur unzureichend geprüfte Transportzapfen. Dies teilte Niedersachsens Umweltminister Stefan Wenzel (Grüne) am Freitag in Hannover mit.
11.04.2015, 00:00
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Von Peter Mlodoch

315 der in Deutschland lagernden Castor-Behälter mit hoch radioaktivem Atommüll verfügen über nur unzureichend geprüfte Transportzapfen. Dies teilte Niedersachsens Umweltminister Stefan Wenzel (Grüne) am Freitag in Hannover mit. „Diese dürfen daher vorerst nicht mehr bewegt oder transportiert werden“, erklärte Wenzel und kündigte ein entsprechendes Verbot für die 58 betroffenen Castoren in Niedersachsen an. 28 davon stehen im Transportbehälterlager in Gorleben (von insgesamt 113), der Rest verteilt sich auf die Zwischenlager der noch laufenden Atomkraftwerke Grohnde (sechs) und Lingen (zwölf) sowie des bereits abgeschalteten Meilers Unterweser bei Brake (zwölf).

Dort in der Wesermarsch war der Mangel vor rund einem Jahr zunächst an vier Behältern aufgefallen. Die Tragvorrichtungen aus Stahlguss, mit deren Hilfe die tonnenschweren Castoren angehoben, umgestellt und verladen werden können, hatten entweder die vorgeschriebene Ultraschallprüfung gar nicht durchlaufen oder zumindest war dies nicht ausreichend dokumentiert worden. Daraufhin hatte die Bundesanstalt für Materialprüfung (BAM) alle Castorbehälter in den Zwischenlagern unter die Lupe genommen und die Dokumentationslücken festgestellt. „Demnach kann zur Zeit nicht konkret aufgelistet werden, bei welchen Tragzapfen Qualitätsprobleme bestehen und bei welchen nicht“, betonte der Umweltminister. Er forderte von den Betreibern „für jeden einzelnen Behälter eine Stellungnahme zum sicherheitstechnischen Handlungsbedarf“. Eine unmittelbare Gefahr für Mensch und Umwelt bestehe aber nicht.

Nach Angaben des Herstellers, der Gesellschaft für Nuklear-Service (GNS), sind tatsächliche Fertigungsmängel bislang auch nicht aufgetaucht. Das von den Atomkonzernen getragene Entsorgungsunternehmen hatte vorsorglich Tragzapfen an 92 unbeladenen Behältern ausgetauscht; diese wiesen laut GNS und BAM in einer Nachprüfung die erforderliche Qualität auf. Das Bundesumweltministerium teilte mit, dass es keine Bedenken wegen der Sicherheit der Castoren sehe.

Wie die Kontrolle der befüllten Castoren vonstatten gehen soll, ist dagegen ungeklärt. Der GNS schwebt offenbar eine Ultraschallprüfung vor Ort ohne Ausbau der Zapfen vor. Wenzel verlangt dafür aber lückenlose Sicherheitsnachweise. „Das muss nachvollziehbar sein.“ Ein Austausch der an der Außenhülle angebrachten Transporthilfen könnte laut Ministerium eine höhere Strahlenbelastung für die betroffenen Mitarbeiter zur Folge haben.

Der Minister kritisierte die GNS und die Betreiber der Zwischenlager wegen der schleppenden Information der Öffentlichkeit über dieses Problem. „Wir haben es offenbar mit einem Defizit in der Sicherheitsphilosophie zu tun.“ Hinter den Kulissen gibt es aber offenbar auch Verstimmung über die BAM, die Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel (SPD) untersteht. Wenzel hatte die Behörde mit Sitz in Berlin im vergangenen September besucht und dabei eine bessere Zusammenarbeit der beteiligten Experten sowie mehr Transparenz angemahnt. Sichtbare Konsequenzen hatte zumindest der zweite Punkt nicht.

Im Atomkraftwerk (AKW) Grohnde ist unterdessen ein Leck an einem Abwasserrohr entdeckt worden. An einer Schweißnaht sei etwa ein Liter Destillat ausgetreten, teilte Wenzel mit, nachdem der Betreiber E.ON das Vorkommnis gemeldet hatte. „In der Regel“ seien die Flüssigkeiten in diesem Bereich nicht radioaktiv belastet, erklärte der Minister vorbehaltlich einer genauen Untersuchung der Ursache und Folgen. Die Schadstelle sei inzwischen abgedichtet worden. Das AKW geht an diesem Wochenende planmäßig für eine Revision und einen Wechsel von 20 Brennelementen vom Netz.

Neuen Ärger musste der Minister auch über das Zwischenlager für schwach- und mittelradioaktive Abfälle in Leese (Kreis Nienburg) mitteilen. Dort hatten Kontrolleure an einem 30 Jahre alten Fass rostige Deckelschrauben entdeckt. Jetzt soll untersucht werden, ob die Ursache von außen oder aus dem Inneren des Behälters stammt. Bereits vor einem Jahr war ein von Rost zerfressenes Fass geborgen worden. Wenzel bekräftigte die Notwendigkeit eines Hallenneubaus in Leese. „Dabei geht es nicht darum, noch mehr Abfälle dort zu lagern, sondern die Bedingungen zu optimieren und die einzelnen Fässer besser zugänglich zu machen.“

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