Interview mit Hanna Naber

Die neue Generälsekretärin der Genossen

Neue Generalsekretärin der SPD in Niedersachsen ist Hanna Naber. Wie die 49-Jährige aus Oldenburg ihre Partei in den Wahlkampf führen will, verrät sie im Interview mit dem WESER-KURIER.
06.10.2020, 05:00
Lesedauer: 5 Min
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Die neue Generälsekretärin der Genossen
Von Peter Mlodoch
Die neue Generälsekretärin der Genossen

Wegen Corona ist Hanna Naber nur kommissarisch im Amt. Im Hintergrund aber zieht sie schon jetzt die Wahlkampf-Fäden.

Vivian Werner
Frau Naber, sind Sie eigentlich schon echte Generalsekretärin?

Hanna Naber: Ich bin kommissarische Generalsekretärin. Der Parteitag, der mich im April in dieses Amt wählen sollte, musste Corona-bedingt abgesagt werden. Und der kommende Parteitag am 24. Oktober wird aufgrund der Corona-Maßnahmen nur digital stattfinden. Das Statut der SPD sieht es nicht vor, Wahlen digital vorzunehmen. Der Landesvorstand hat mich daher vor dreieinhalb Wochen kommissarisch benannt. Ich bin im Amt, mit Fleisch und Blut. Aber ein Votum des Parteitages, wie es sich für eine demokratisch aufgestellte Partei gehört, steht noch aus.

Es fehlen Ihnen also ein gutes Wahlergebnis und der Jubel der Delegierten?

Ich darf sagen, dass ich mich freue, bereits jetzt viel Zuspruch aus der Partei und auch darüber hinaus zu erhalten. Das motiviert mich. Die Bestätigung durch die Delegierten der niedersächsischen SPD-Unterbezirke ist jedoch die Grundlage für meine Arbeit und mir sehr wichtig. Das wird – so Corona will – im Mai nächsten Jahres nachgeholt.

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Wie auch die Wahl des kompletten Vorstandes einschließlich des Landesvorsitzenden, des Ministerpräsidenten Stephan Weil?

Richtig. Diese Wahlen wären jetzt turnusmäßig dran gewesen. Die Bestätigung von Stephan Weil und die Wahl seiner Stellvertreterinnen und Stellvertreter werden dann ebenfalls nachgeholt. Außerdem müssen wir meine Nachfolge als Schatzmeisterin regeln. Dieses Amt hat unser Landesvize Ulrich Watermann kommissarisch übernommen.

Als Generalsekretärin folgen Sie Ihrem Landtagskollegen Alexander Saipa, der als Landrat im Landkreis Goslar kandidiert. Wie ist die Wahl auf Sie gefallen?

Als Landesvorsitzender hat Stephan Weil das Vorschlagsrecht für diese Position. Ich habe mich sehr gefreut, als er mich gefragt hat, weil diese Position ein großes Vertrauen voraussetzt. Ich bin in der Landespartei gut verankert. Zum Beispiel durch die Schatzmeisterei, die ich vier Jahre lang gemacht habe. Außerdem war ich als Beisitzerin im Landesvorstand. Neben meinem Heimatbezirk Weser-Ems habe ich also gute Einblicke in die anderen SPD-Bezirke und kenne viele Mitglieder in der Niedersachsen-SPD. Doch auch über die SPD hinaus habe ich ein großes Netzwerk. Zum Beispiel durch meine ehemaligen Funktionen als AWO-Geschäftsführerin und Vorsitzende der Landesarbeitsgemeinschaft der Freien Wohlfahrtspflege. Das ist als Generalsekretärin ein wichtiger Punkt.

Als Ministerpräsident ist Stephan Weil in die große Koalition mit der CDU eingebunden. Generalsekretäre werden dagegen gemeinhin der „Abteilung Attacke“ zugeordnet. Sehen Sie Ihre Rolle so? Als „Frau fürs Grobe“ – zuständig für die Abgrenzung zur CDU insbesondere mit Blick auf die Kommunal- und Bundestagswahlen 2021 und die Landtagswahl 2022?

In der Tat gehen wir auf unterschiedliche Wahlen zu. Da wird es nicht ausbleiben und auch notwendig sein, uns vom Koalitionspartner wie auch von anderen Parteien abzugrenzen. Wer aber in mir die klassische Wadenbeißerin sehen möchte, wird vermutlich enttäuscht werden. Es geht nicht darum, auf andere draufzuhauen. Die Abgrenzung funktioniert besser und nachhaltiger, wenn man seine eigenen Stärken herausstellt. In der Sache werden wir uns sicherlich hart auseinandersetzen, persönliche Angriffe sollte es aber nicht geben.

Vergangene Woche haben Sie bereits von CDU-Fraktionschef Dirk Toepffer einen Rüffel bekommen, weil Sie den Beschluss zur weiteren Finanzierung der European Medical School (EMS) in Oldenburg als SPD-Erfolg verbucht haben.

Es ist Fakt, dass zwei CDU-Minister, nämlich Björn Thümler für Wissenschaft und Reinhold Hilbers für Finanzen, die zugesagten Mittel bislang nicht im Haushaltsplanentwurf verortet hatten. Da hat es schon den Druck der SPD gebraucht. Die Reaktion der CDU spricht für sich. Wir haben da offenbar einen Nerv getroffen.

Wird das Knirschen im Gebälk der Koalition zunehmen?

Das wird nicht ausbleiben. Stephan Weil hat – für mich erfreulicherweise – schon im Sommer seine favorisierte Koalition mit Rot-Grün benannt. Ich gehe aber davon aus, dass wir trotz allen Wahlkampfgetöses weiterhin einen fairen Umgang mit unserem Koalitionspartner pflegen werden. Es stehen ja auch noch einige wichtige Projekte an, die wir gemeinsam bewegen müssen und auch gemeinsam bewegen wollen.

Welche?

Wir werden uns mit den Folgen der Corona-Pandemie beschäftigen und wir wollen auch das Ehrenamt stärken. Wichtig ist uns ebenso, dass wir stärker durchgreifen bei sexueller Gewalt gegen Kinder. Dies sind alles wichtige Themen, bei denen wir gut beraten sind, diese mit aller Ernsthaftigkeit, also ohne Zickereien, voranzubringen. Auch bei inhaltlichen Differenzen, die es natürlich gibt und geben kann, werden wir die konstruktive Zusammenarbeit verlässlich fortsetzen, das ist unser Auftrag.

Nicht erwähnt haben Sie gerade das von den Sozialdemokraten und den Grünen geforderte Paritégesetz, das mehr Frauen den Weg in die Parlamente erleichtern soll. Wie sieht es damit denn aus?

Das Paritégesetz wird von der CDU blockiert. Wir hätten gerne noch in dieser Legislaturperiode einen Aufschlag gemacht. Wir halten an diesem Thema auch fest. Wir wollen in den nächsten Wochen und Monaten einmal daran arbeiten, dass innerhalb der SPD mehr Frauen aktiv werden und Verantwortung übernehmen. Aber wir wollen auch, dass sich dies nicht nur in unserer eigenen Partei widerspiegelt, sondern zukünftig vor allem auch in der Besetzung der Parlamente.

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Läuft bei den Genossen denn schon alles im Sinne einer geschlechtlichen Ausgewogenheit bei den Kandidatenaufstellungen für die kommenden Wahlen?

Das ist sehr unterschiedlich. Einen belastbaren Überblick habe ich noch nicht. Viele Parteigliederungen sind erst jetzt dabei, ihre Listen aufzustellen. Bei mir in Oldenburg werden wir wohl sehr paritätisch besetzte Listen aufstellen können. Aber wir wissen auch, dass es gerade in ländlichen Regionen ungleich schwerer ist, Frauen für eine Kandidatur zu motivieren.

Wir müssen die Politik attraktiver gestalten. Dazu gehört auch, dass es mehr Frauen als Vorbilder gibt, die andere Frauen ermutigen, kommunale Mandate und auch Führungspositionen zu übernehmen. Deswegen freue ich mich auch besonders, dass ich die erste Generalsekretärin der SPD Niedersachsen bin. Und dass die SPD mit Gabriele Andretta nach 70 Jahren endlich eine Landtagspräsidentin und damit die höchste Repräsentantin des Landes stellt.

Und wann ist die Zeit reif für eine Ministerpräsidentin in Niedersachsen?

Im Moment stellt sich die Frage nicht, weil wir mit Stephan Weil einen beliebten und verlässlichen Regierungschef haben. Wenn er irgendwann nicht mehr zur Verfügung steht, kann sicherlich auch eine Sozialdemokratin erste Ministerpräsidentin des Landes Niedersachsen werden.

Das Gespräch führte Peter Mlodoch.

Info

Zur Person

Hanna Naber (49) ist seit September neue Generalsekretärin der niedersächsischen SPD. Die Diplom-Pädagogin und Sozialmanagerin aus Oldenburg sitzt seit November 2017 als Abgeordnete im Niedersächsischen Landtag.

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